Mittwoch, 28. Oktober 2009

Danke für die Blumen

... und schon gibt es einen weiteren erfolgreichen Link, wenn man auf Google nach mir sucht ;-) und wenn schonmal ein Photo von mir im Netz ist, dann doch bitte eins, wo ich einen Rock anhab!

Wahrscheinlich habe ich irgendwo im Zuge der geldgierigen Bewerbungsprozedur meine Zustimmung zu all dem gegeben, in Form eines Häkchens im Onlineformular vielleicht oder als "vorgedrucktes" Unabänderliches. Gut, soll meine Hochschule auf mich stolz sein. Der Papa und die Hauptfrauen sind es ja auch.

Die Feier in Paderborn entsprach in etwa dem, was man Paderborn vorher so dem Hörensagen nach so zugetraut hat: Wer von den geneigten Lesern allerlei Geschlechts kann sich etwa einen Umtrunk und Stehempfang, bei dem wir uns alle mal so richtig kennenlernen und begrüßen wollen, vorstellen, wo es nur Apfelsaft und Wasser zu trinken gibt? Und wie locker ist man da? Immerhin ließ ich mich erfolgreich vom Präsidenten der Universität Paderborn und gleichzeitigem Stiftungsvorstand Prof. Risch ausfragen, während er unbewußt ein größeres Salzkrümel auf seiner Unterlippe balancierte, und ich zuckte nicht mit der Wimper! Das finde ich schon großartig, aber "ich habe mit Prof. Risch persönlich auf mein Stipendium angestoßen" finde ich irgendwie großartiger.

Immerhin hatte ich selbst ein inneres Kichererlebnis beim Urkundenüberreichen, weil ich sowohl unseren ehemaligen Rektor Timmermann als auch den mir persönlich die Hand schüttelnden, den aktuellen Rektor vertretenden Prof. König vor einigen Jahren bei einem Fachschafts-Rektoratstermin traf, naja, das ist nicht so schlimm, daß die sich daran nicht mehr erinnert haben. Noch schöner allerdings war der Gedanke einer ebenfalls bedachten Erziehungswissenschaftenstudentin beim Händeschütteln mit Rektor a.D. Timmermann: Ich habe schon unter deinem Schreibtisch geschlafen!, weil sie nämlich seinerzeit in die Besetzung des Rektorats aktiv verwickelt war (damals war ich noch nicht in Bielefeld).

'Unsere' Carina-Stiftung glänzte vermutlich mit Abwesenheit, oder sie hatte ihre sozialextremphobischen Betreuer geschickt, jedenfalls hielt niemand nach uns Ausschau, und wir entdeckten auch niemanden, der so aussah, als würde er bzw. sie nach uns oder überhaupt jemandem Ausschau halten.

Insgesamt: Verleihung selber nett und gut gelungen, Empfang naja, und wenn jetzt das Geld noch kommt, glaub ichs wirklich ;-) so'ne Urkunde sieht aber auch schon nett aus!

Montag, 26. Oktober 2009

Fehler geschehn, ich habs gesehn

WARUM, frage ich mich Tag für Tag, warum bloß habe ich die Päda-Prüfung als Basis* gemacht? Ich hätte mit dem alten Mann fünf Minuten länger über ein Spezialthema und fünf Minuten kürzer über den Rest gesprochen und eher noch eine 1.0 rausgeholt.

So habe ich jetzt den Dreck "Arbeits- und Organisationspsychologie" auch noch als Schwerpunktprüfung am Stecken. Obwohl das wahrscheinlich das kleinere Übel ist, denn vielleicht nimmt man das Übel dann wenigstens angemessen ernst, wenn es das "S"-Label trägt. Aber nun! Eine eigentlich zugegebenermaßen vermutlich gut strukturierte Vorlesung von einem, der das Charisma nicht erfunden hat, aber wenigstens sehr verständlich ohne jedes Äh in ganzen Sätzen sehr frei sprechen kann, das bekommt man hier nicht alle Tage geboten. Trotzdem werde ich auch für diese Prüfung aus Literatur lernen müssen, weil.

Satz des Tages: Selbstverwirklichung ist mehr als Gleitzeit.

*Drei Anwendungsfächer: pädagogische, klinische und Arbeits- und Organisationspsychologie - eins davon als Basis-, zwei als Schwerpunktprüfung abzulegen.

P.S. Wollte *Kruzifix!* als neues Label etablieren, aber katholisch-frömmige Programmierer verhindern das Ausrufezeichen im Label! Dann eben doch bloß als Notiz.

Freitag, 23. Oktober 2009

333,33

Öre gibts ab sofort. Monatlich als Stipendium. Zur größeren Hälfte von der Carina-Stiftung Herford und zur Hälfte von NRW, also wahrscheinlich von Pinky persönlich. Man fragt sich, wo der Rest herkommt ;-).

Ach, das ist cool! Das Geld ist natürlich super, vor allem, wenn ich einige Monate lang teures Hauptstadtleben gegenfinanzieren muß! Aber, wie so oft im Leben zählt der innere Wert, nämlich in Form offizieller und externer Wertschätzung des bisher geleisteten, und, ja, das macht mich stolz. Das ist schon nicht ohne.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Und wieder: Das Bundesverfassungsgericht

[Ich kürze es so ungern ab, weil das dieselbe Abkürzung ergibt, die für die ungeliebten Berliner Verkehrsbetriebe steht.]

Schon reden alle vom Ehegattensplitting, aber eigentlich ging es ja nur um eine zusätzliche Hinterbliebenenversorgung im öffentlichen Dienst. Trotzdem handelt es sich natürlich um ein sehr wichtiges und wegweisendes Urteil. Daß nämlich beim Stichwort "Ehe" seinerzeit die Ecke gemeint war, in der Kinder großgezogen wurden, und daß der Staat diese Ecke unter seine besonderen Fittiche nehmen sollte. Da nie jemand ernsthaft erwogen hat*, von kinderlosen Ehepaaren den Steuervorteil wieder zurückzuverlangen, hat es sich so eingewachsen, daß Ehepaare immer ein bißchen besser gestellt waren als Paare ohne Trauschein - ganz unabhängig von a) sexueller Orientierung und b) vorhandenen Kindern. Das Lebenspartnerschaftsgesetz hat es ja auch nur deshalb gegeben, weil man die heilige Ehe nicht von Homosexuellenpartnerschaften besudelt sehen wollte - gegenseitige Verantwortung, gut und schön, aber Rentenansprüche? Steuerliche gemeinsame Veranlagung? Erbschaftsrecht? Adoptionsrecht? Ts ts ts, es gibt auf sueddeutsche.de Kommentatoren, die der Meinung sind, daß doch nicht die Gesellschaft dafür aufkommen müsse, wenn sich jemand das Lebensmodell homosexuelle Partnerschaft ausgesucht habe, das sei schließlich Privatsache. Das ist natürlich sehr witzig, weil man sich den Lebenspartner natürlich vor allem danach aussucht, ob er bzw. sie und vor allem, additiv, die daraus resultierende Partnerschaft in gesellschaftliche Vorstellungen von lebenslanger Partnerschaft hineinpassen. Oder?

Schön also, daß dieses wunderbare Bundesverfassungsgericht wieder einmal mehr Zeitgemäßheit beweist als alle regierenden Parteien zusammen. Zeitgemäß auch eben in der Interpretation des Grundgesetzes. Das ist nun in die Jahre gekommen, und heutzutage kommen Menschen zusammen und leben miteinander und sind einander verantwortlich, und wenn sie dann Kinder bekommen, dann sollten sie vom Grundgesetz besonders geschützt werden. Wenn sie's nicht tun, nun, dann sind sie immer noch einander verantwortlich. Das reicht ja normalerweise auch aus, wenn zwei aufeinander achten, oder?

Viele verstehen vielleicht nicht, daß es möglicherweise keinen großen Unterschied zwischen einer spießigen, kinderlosen Ehe und einer spießigen, homosexuellen, Partnerschaft gibt. Das kann man sogar sehr gut am allseits verbreiteten Wunsch homosexueller Paare auf Gleichstellung im Adoptionsrecht sehen - ein Kind würde die ganze Sache vermutlich abrunden. Aber wenn die Verantwortung füreinander ebenso da ist und mit ebensolchen Folgen im Falle des Scheiterns verbunden sind wie bei der herkömmlichen Ehe, dann ist es doch gar nicht einzusehen, warum homosexuelle Paare schlechtergestellt sein sollten, oder?

Danke, also, nach Karlsruhe. Was wäre dieses Land ohne euch?

*zum Glück natürlich!

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Aber das gibt es auch:

und es ist zwar kaum zu glauben, aber mehr als wahrscheinlich, daß mit dieser schwarzgelben Zukunft sowas genau nicht kommt, obwohl es wahrscheinlich wirklich niemandem wehtäte und irrsinnig viel Geld brächte. Man fragt sich schon ein wenig, warum.

Früher rief man "In der Rüstung sind sie fix, für die Bildung tun sie nix!" Heute sind es die Banken (offen) und immer noch die Rüstung (spricht man nicht drüber, aber in Afghanistan wird sicher nicht mit Palmzweigen gewedelt) und inzwischen auch die Pharmaindustrie (siehe Märchen über gestiegene Gesundheitskosten, Geschwister Schmidt&Lauterbach, und Impfung gegen Sauseuche, umstrittene).

Hier kommt grad viel Saures, aber, hej, guckt mal in die Zeitungen. Da steht auch nurmehr Saures drin. Ich hoffe wenigstens, daß all jene, die mit der FDP wenigstens ein Herbeieilen verfassungsmäßiger Rechte erhofft haben, sich inzwischen selber in rückwärtige Körperteile verbeißen. Schade, daß fahrlässiges Wählen nicht strafbar ist.

Dienstag, 20. Oktober 2009

Keine Lust:

auf alles, allein schon, wenn man die elektronische Zeitung aufschlägt.

Der immer noch nicht beeindruckend lebensgefährlichen Spezialgrippe soll mit einem mehr als schlecht erprobten Impfstoff beigekommen werden, der Dinger enthält, die noch gar nicht recht getestet sind. Selbst wenn man einmal davon absieht, daß der Bundesspezialimpfstoff die fragwürdigen Bestandteile nicht enthält, ist die Parallelbestellung natürlich trotzdem empörend, selbst wenn die nunmehr verbreitete Behauptung, er sei dafür schlechter getestet, stimmen sollte.

(Welchen Argumentationssträngen folgt man denn? Einer: Vertrag ist Vertrag und muß eingehalten werden. Aha. Wer schließt denn solche Verträge ab? Das weiß keiner, denn die Verträge sind geheim. Nicht geheim genug freilich, um in aller Öffentlichkeit diskutiert zu werden. Ein anderer, der beeinhaltet, daß Schwangere einerseits dringend geimpft werden müßten, andererseits nicht mit Wirkverstärkern, dann aber auch wieder nicht mit dem wirkverstärkerfreien Impfstoff der Bundeswehr, denn der sei nicht an Schwangeren getestet - als wenn der andere das sei...)

Durch das ganze Drumherum kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß freundlicherweise im richtigen Moment ein passendes Virus einer möglicherweise kränkelnden Pharmaindustrie unter die Arme greift, infolge erfolgreicher Lobbyarbeit, vielleicht aber sogar infolge vorher bereits erfolgreich verlaufender strategischer Eroberungen (oder wie erklärt man sich den Umstand, daß erheblich wichtige Gremien, wenn es um Impfstofffreigabe und -empfehlungen geht, von der Pharmaindustrie bezahlt und/oder besetzt werden?) oder sogar, aber das wollen wir alle gar nicht annehmen, weil es ohne die Pharmafirmen vielleicht gar nicht existierte?

(Jedem, der sich für Epidemien interessiert, sei die Lektüre von Albert Camus' Die Pest empfohlen. In einer unbeschreiblich guten und spannungsgeladenen Lesbarkeit erzählt es von den Opfern, die eine leicht ansteckende und oft tödlich verlaufende Seuche fordert. Die Opfer sind dabei nicht nur in den Reihen der Kranken, sondern auch bei den Helfern, Ärzten, Chronisten, Verwaltungsbeamten und überhaupt überall zu finden.)

Wenn es um Lebensgefahr und um Eindämmung einer Pandemie geht, sollten und müssen wahrscheinlich schlecht getestete, potentiell ihrerseits gefährliche Impfstoffe eingesetzt werden. Wie stets würden dann bei einer Kosten-Nutzen-Rechnung die Vorteile die Nachteile überwiegen, auch wenn das dem einzelnen Schicksal zynisch vorkommt. Aber die Testung eines Impfstoffes im großen Stil auf eine irritierte, aber möglicherweise nicht dramatisch gefährdete Bevölkerung zu übertragen, kommt mir mindestens grob fahrlässig vor - falls es nicht ohnehin so gewollt ist. Dann wäre freilich jeder einzelne Fall, wo jemand durch die Impfung zu Schaden kommt, vorsätzliche Körperverletzung.

Bei Autos und Betriebssystemen macht man das ja schon länger, daß man die Betaphase gegen Bezahlung von den Neugierigen, alles-neue-immer-sofort-haben-Wollende durchführen läßt. Da hat es sich ja bewährt.

Nächster Ärgernispunkt:

Hartz-IV-Regelsätze.
Die werden gerade, schlappe 4 Jahre nach ihrer Einführung, vom Bundesverfassungsgericht streng, und nach allem, was ich heute so darüber lesen durfte, SEHR streng geprüft. Und zwar nicht mit einer Augenmaßorientierung am gerade so ausreichenden, sondern am soziokulturellen Existenzminimum, und mit dem deutlichen Verlangen nach einem nachvollziehbaren Zustandekommen des Regelsatzes, wenn er denn in seiner pauschalierten Erscheinungsform überhaupt zulässig ist.

Ich bin immer wieder überrascht, daß leider erst das Bundesverfassungsgericht als wirksame Instanz in der Lage ist, verfassungswidrige Gesetze zu stoppen oder deren Änderung zu erzwingen. Das Unglaubliche daran besteht ja darin, daß in den letzten fünf Jahren sich unzählige Menschen von Hartz-IV-zuständigen Behörden haben demütigen lassen, mit diesem unglaublich wenigen Geld haben zurechtkommen müssen, ihren Wohnsitz wechseln mußten, weil die Wohnung angeblich zu teuer war, usw. Egal wie der Tanz in Karlsruhe ausgeht, von den bis jetzt Betroffenen wird wohl kaum einer was nachgezahlt bekommen, denn anders als bei Zahlungen unter Vorbehalt kann man beim Empfang von Leistungen nicht sagen, ich nehms, aber nur unter Vorbehalt, vielleicht klagt ja jemand, der sich das aus irgendeinem Grund leisten kann.

Es ist bewundernswert, wie es die jeweiligen Regierungen immer wieder hinbekommen, Gesetze vorzuschlagen, die schon oberflächlichen juristischen Prüfungen bezüglich ihrer Grundgesetzlichkeit nicht standhalten. Und das, obwohl das Gesetzeswerk inzwischen sogar extern von eigens beauftragten Kanzleien ausformuliert wird. Man stelle sich vor, man gibt seinem Steuerberater den Auftrag ...und mache es steuerprüferwasserdicht!, und der spielt nur auf Zeit und macht die Steuererklärung wasserdicht, solange kein Steuerprüfer kommt! Dem würde man aber was erzählen! Und daher darf man ja auch ganz ohne Verschwörungstheoriehintergrund mal laut darüber nachsinnen, ob das nicht immer eben Absicht ist - wir machen das jetzt solange, wie es geht. Zumal ja BVG-Entscheidungen ja häufig noch lange nicht dazu führen, daß die Gesetzeslage geändert wird. Und das ist schon dreist zu nennen, vor allem wenn es, wie bei Hartz-IV, um buchstäblich existentielle Fragen geht.

Es gibt noch mehr zum drüber-ärgern, aber das reicht jetzt vielleicht auch einfach schon. Es sind dies die großen Ärgernisse, aber die kleinen, zum Beispiel daß sich die sogenannten Wahlversprechen der FDP so gar nicht im avisierten Koalitionsvertrag wiederfinden, Hauptsache, man darf endlich wieder mitspielen und Klientelgeschenke herumreichen, das ist schon nur mehr widerlich und wandert direkt ins Klo. Mögen zukünftige Wählerscharen klüger sein. (Obwohl man nach den Jahren der rot-grünen Regierung auch fragen muß, worin diese Klügersein eigentlich bestehen soll.)

Dienstag, 13. Oktober 2009

Das zentrale Wort ist Konstanze

Die sogenannten Feigenbaum-Konstanten treten bei nichtlinearen Systemen, die in Abhängigkeit eines Parameters reguläres oder chaotisches Verhalten zeigen, in Erscheinung. Insofern sind sie selbstredend meine ständigen Begleiter, denn wenn jemand ein nichtlineares System ist, dann ja wohl ich, und wenn es singulärparametrisch regulär oder aber eben chaotisch aussieht, dann ja wohl bei mir!

Schön sichtbar gemacht hat das Wikipedia in einer ansprechenden Graphik:

wobei links die Ordnung und rechts das Chaos zu sehen sind. Genau wie bei mir, wobei nach rechts jeweils der näher rückende Prüfungstermin abgetragen ist. Gut, daß ich da meine beiden Feigenbaum-Konstanten habe, die mir Weg und Straße weisen, je nachdem, ob ich grad auf Regeln oder auf Chaos gebürstet bin.

Interessant, eigentlich, daß sich ausgerechnet die ordnungsliebenden Mathematiker mit dem Chaos beschäftigen, aber dann fiel mir ein, daß sie es wahrscheinlich gerade deshalb tun - weil Chaos nicht in mathematische Gedankengänge paßt. Und weil aber Mathematiker an ihre Idee von Mathematik als alles umspannende Universalsprache glauben, so daß uns die Außerirdischen auf jeden Fall verstehen würden, wenn wir ihnen, statt eines Hollywood-Blockbusters, eine schöne Logarithmuskurve oder aber ein Gleichungssystem mit drei Unbekannten vorsetzen würden. Deshalb darf auch das Chaos trotz seiner vermeintlichen Unbeherrschbarkeit nicht wirklich unstrukturiert sein, sondern muß mithilfe mathematischer Operationen beschreibbar gemacht werden. (Eigentlich, denkt der denkende Mensch, widerspricht das den elementaren Gedanken über Chaos, oder?)

Ziemlich nett also von Herrn Feigenbaum, die nach ihm benannten Konstanten ins Leben zu rufen. Ohne sie würde es ja wohl kaum gehen.

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Etwas über Zeit und vielleicht Raum

Als ich vor drei Jahren in dieses ostwestfälische Kleinod zog, um endlich mal was vernünftiges mit mir und meinen spezifischen Begabungen und Interessen anzufangen, kamen mir die mindestens zu erwartenden vierkommafünf Jahre utopisch lang vor. Schließlich wohnte ich damals gerade mal wieder seit zwei Jahren in Friedrichshain und hatte mich dort gut eingerichtet.

Jetzt also, drei Jahre später, also länger abwesend als zuvor anwesend gewesen, tja - was soll ich sagen? Beschränkt auf die Entfernungen in einer Kleinstadt, abgespeist mit dem konsumentären Angebot einer besseren Kreisstadt und mit dem Studium zufrieden wie Bolle läßt es sich schwer über wirkliche Lebensunzufriedenheiten beklagen. (Neuerdings habe ich mir mit einer kofinanzierten Bahncard 50 auch das Planungsgebot bei Heimreisen abgeschafft. Es wird gefahren, wenn ich das will, und nicht, wenn die Bahn einen Zug feilbietet, der bezahlbar ist.) Man sagt ja immer so schön, die Zeit sei "wie im Flug vergangen", aber für mich stimmt der Spruch aus zwei voneinander unabhängigen Gründen nicht: erstens fliege ich nicht besonders gern, und da die von mir benutzten Flugzeuge in aller Regel komische Geräusche absondern, vor dem Landen noch einmal durchstarten oder sich gleich während des gesamten Fluges von allerlei Turbulenzen durchschütteln lassen, ist mir noch kein Flug kurz vorgekommen. Und zweitens WAREN die drei Jahre nicht kurz. Es waren verdammte zehn Prüfungen bislang (mit Scheinen fange ich gleich gar nicht an!), die einem das Leben kurz machen können und mit denen man jeweils so sehr lebt, daß es nichts anderes mehr gibt, und man denkt immer nur an das Hinterher. Das ist wahrscheinlich das Gefühl, das einem im Erinnern die Zeit verkürzt. (Oder, wie es die Architekturstudenten in meiner Bekanntschaft ausdrückten: Nach der Abgabe ist vor der Abgabe.) D.h. wenn du ernsthaft Psychologie studierst, bist du immer im Dienst. Nicht, weil du, wie gerne immer unterstellt, in deiner Freizeit Menschen analysierst. Abgesehen davon, daß wir DAS im Studium leider bzw. ZUM GLÜCK nicht lernen, hat man dafür auf jeden Fall überhaupt keine Zeit, weil das Studium eine anspruchsvolle Dame ist: Sie will immer beachtet sein, und dabeisein sowieso, und duldet keine Analysanden als Göttinnen neben sich.

Komisch, man könnte meinen, ich habe mich an Bielefeld gewöhnt und hier mein Glück gefunden. Einerseits: ja, und zwar erheblich, und mehreren Ausprägungen. Andererseits: ja, aber das muß woandershin getragen werden. In eine schöne Wohnung in Berlin. In ein Backsteinhäuschen an der Ostsee (Mecklenburger Seen zählen notfalls auch, bzw. Ostseenähe). In eine vernünftige Tätigkeit hinein vor allem. Dann können auch noch mehr als drei Jahre kommen und wieder gehen, wenn man dafür mehr Raum hat für das, was man dann kann!

Sonntag, 4. Oktober 2009

Liebes Vaterland!

Als ich noch klein war, gab es dich noch. In der Schule sagten wir am 7. Oktober ein Gedicht von Heinz Kahlau auf, das hieß "Geburtstag hat die Republik", und anschließend besangen wir in dem Lied "Unsere Heimat" den Umstand, daß nicht nur Bäume und Flüsse, sondern auch die Tiere im Wald und die Vögel der Luft unsere Heimat seien, und daß wir sie schützen würden, unsere Heimat, weil sie dem Volke, weil sie unserem Volke gehört. Soweit warst du also immer präsent, in Form von Hammer, Sichel, Ährenkranz oder auch als das gewohnte Tryptochon aus Willi Stoph, Erich Honecker und Horst Sindermann, das sich in jedem Direktorenzimmer, in jedem Konferenzraum fand. Früh umgarntest du uns schon mit gesellschaftskritischen Geschichten in Bummi und Frösi, wobei sich die Gesellschaftskritik vor allem auf das westliche und insbesondere transatlantische Gesellschaftsfeld bezog. Aber das wurde mir erst später klar; im übrigen waren die Geschichten des Westens über die "Zone" auch nicht besser und vor allem nicht edler motiviert. In der Schule wurde viel Wert auf rasches Erlernen von Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen, wie es heute so schön heißt, gelegt, aber es blieb Zeit für die Geschichten von Timur und sein Trupp, die in schwerer Bürgerkriegszeit die Frauen der kämpfenden Revolutionäre mit Lebensmitteln versorgten, oder über die krebskranken Kinder von Hiroshima und Nagasaki, die tagein, tagaus Kraniche in Origamitechnik falteten, um damit auf ihr atombombenverursachtes Leid hinzuweisen und für den atomwaffenfreien Frieden auf der ganzen Erde aufzurufen. Zwischendrin sammelten wir Schulhefte und Bleistifte für die Kinder in Nicaragua, die gerne lernen wollten, aber aufgrund der revolutionären/konterrevolutionären Schwulitäten keine Schulen, keine Lehrer und keine Schulhefte hatten. Für pfandfreies Altglas gab es beim sogenannten Lumpenhändler (Sekundärrohstoffverwertung; ich mußte ca. 24 Jahre alt werden, um die Abkürzung SERO 1. zu verstehen und 2. mit Sinn und Inhalt zu füllen - da gab es SERO bereits 10 Jahre oder wieviel nicht mehr) Geld; wohl dem, dessen Eltern Schnaps tranken, denn für Schnapsflaschen gab es 20, für Weinflaschen bloß 5 Pfennig. Blöd, wenn in der Klasse ein Sammelwettbewerb ausgerufen war: dann mußte man das Zeug, um einigermaßen soziabel zu sein, gegen nix in der Schule abliefern - um einigermaßen soziabel zu sein, erschiene man also mit möglichst vielen leeren Schnapsflaschen in der Schule, naja.

Als Kind wundert man sich über sowas natürlich nicht, denn man hat ja keine Referenz- oder Vergleichsgruppe, die in der Schule drei Jahre Zeit hat, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen, die nach der Schule daheim die Mami nebst selbstgekochtem Mittagessen vorfindet, und die keine Lieder lernt, die mit Wenn Mutti früh zur Arbeit geht anfangen.

Bloß an den rätselhaften Gesprächen, die Erwachsene bisweilen in Hörweite miteinander führen, und an den Divergenzen zwischen der Aktuellen Kamera und der Tagesschau erkennt man auch als Zehnjährige, daß nicht alles im Land und um das Land herum so ist, wie die Lehrer einem versuchen plausibel zu machen. In Polen herrscht der Kriegszustand, obwohl das doch ein sogenanntes Bruderland war, und aus der Sowjetunion drangen die seltsamen, auch mit den ersten Russischkenntnisssen nicht erklärbaren Wörter Glasnost und Perestroika herüber, das konnte niemand verhindern. Staunend verfolgte ich die Abrüstungsverhandlungen zwischen Reagan und später dem alten Bush und Gorbatschow, die sich auf verschiedenen Gipfelkonferenzen in meist abgelegenen Erdgegenden wie Island in die protokollarische Länge zogen, und interessiert erlernte ich die Unterschiede zwischen Staats- und Arbeitsbesuch, zwischen Präsident und Parlament, zwischen Vertrag und dessen Ratifizierung, und dachte allen Ernstes, daß mit Gorbatschows Angebot der bedingungslosen, einseitigen Abrüstung, daß der Weltfrieden doch keine Fiktion, kein Wunschtraum sei, sondern bald schon Wirklichkeit würde, daß die Atomraketen ins Meer geworfen (Umweltschutzgedanken waren nicht so stark ausgeprägt) und Stacheldrahtverhaue abgebaut würden.

Und dann kam 1989. Anfang des Jahres kam es bei den Bürgerrechtlern zu einigen Verhaftungen, gleichzeitig kam es zu einer ganzen Reihe von entsprochenen Ausreiseanträgen in den gleichen Reihen, also vor allem bei Aktivisten der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Das war der Anfang vom Ende, aber was für ein Ende, und wie schnell es dann ging, und das die gleichen Bürgerrechtler schon zwei Jahre später schon nurmehr eine Fußnote der friedlichen Revolution und einen Überrest im Namen der Grünen darstellen sollten, damit war nicht zu rechnen. Jedenfalls, das Land zerfiel sehr plötzlich. Die Flüchtlinge in Prag, die Verhandlungen, der Besuch eines altersmilden und heimatsehnsüchtigen Honeckers im Saarland, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, die offene Grenze bei Sopron in Ungarn, über die zu gehen schon beinahe zum guten Ton gehörte - Gehirn und Welt einer Elfjährigen geraten durcheinander, nichts stimmt mehr, wer heute noch "rot" war, ist morgen "abgehauen", rübergegangen. In die vermeintliche Freiheit.

Am 7. Oktober wurdest du dann 40 Jahre alt, es gab allerlei Feierlichkeiten, aber eigentlich interessierte das schon keinen mehr. Der Zusammenbruch war keine Frage des ob mehr, sondern höchstens des wann und wieviel Tote. In Leipzig war der Teufel los, Verhaftungen und alles, in Berlin standen nervöse und bewaffnete Soldaten des Regiments Feliks Dzierzynski unbewaffneten, zahlreichen und laut entschlossenen Demonstranten gegenüber. Es wurde nicht geschossen. Am 4. November war der Alexanderplatz so schwarz vor Menschen, sie waren überall, die Straßenverläufe nicht auszumachen, Kinder saßen auf den Schultern ihrer Eltern, sicherlich waren überall Provokateure in Zivil unterwegs, aber nichts und niemand kann 1 Million Menschen auf dem Alexanderplatz in ihrem Tun aufhalten. Der Versprecher von Günter (Schabowski oder Mittag?) ein paar Tage später war nur noch Seidenband, Makulatur, Sahnehäubchen, und daß der Mensch träge ist, studiert man anhand der Tatsache, daß in der Nacht vom 9. zum 10. November nicht einfach ALLE Ostberliner nach Westberlin rübergemacht sind, obwohl viele befürchtet haben, daß das Loch wieder zugemacht wird - weil man es ja auch einfach nicht glauben konnte, daß es auf ist.

Das war der unblutige Garaus fürs Vaterland, alles andere waren nur noch Zuckungen im Todeskampf.

Jetzt habe ich ein neues Vaterland, na, so neu ist es natürlich auch wieder nicht, eigentlich habe ich das neue schon viel länger als früher das alte. Aber so ein altes Vaterland bleibt einem erhalten, vielleicht sogar, wenn mans gern loswerden wollte, oder dann erst recht. Ich habe große Teile meines Erwachsenenlebens mit unterschiedlichen Zufriedenheiten in Westdeutschland verbracht, aber in Berlin könnte ich nicht in den Westen ziehen. Ich würde nicht sagen, daß in der DDR alles gut war, aber das Märchen, daß es im Westen so viel besser, weil ehrlicher und demokratischer zugegangen sei, glaube ich auch nicht, weil es auch nicht glaubwürdiger wird, nur weil der Westen "gewonnen" hat. Ich will auch nicht, daß bei 24jährigen Sportlern oder Popstars der Umstand hervorgehoben wird, daß sie aus Ostdeutschland kämen (immerhin sind diese unleidigen Fünf neuen Länder endlich von der publizistischen Bildfläche verschwunden!), denn es ist kein größeres oder kleineres Verdienst, aus Anklam oder aus Tuttlingen zu stammen (letztere sind eher benachteiligt, weil sie kein hochdeutsch können).

Jetzt erleben ja deine Entwicklungen, liebes altes Vaterland, ungeahnte Renaissancen! Zehnjährige Gemeinschaftsschulen, Ganztagsschulen, Kinderkrippen und -gärten und administrative Vergabe der begehrten Studienplätze, das gabs doch alles schonmal schon, wurde aber beim Einigungsvertrag als untauglich abgelehnt. Das zu erwähnen soll keine späte Genugtuung ausdrücken, sondern lediglich zum sogenannten Nachdenken anregen.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Wo waren Sie im Urlaub? Nie gehört!

Güstrow. Das ist ein Stückchen südlich von Rostock, nicht weit von der A19, inmitten malerischster Hügel, Felder und Seen gelegen. Ein Landstrich, der schon immer zu den ärmsten gehörte, weil es außer der Saat und den Kartoffeln auf dem Feld und dem Kanonenfutter in der Kate daheim einfach nichts zu holen gab. Dicke Kirchen haben die Mecklenburger gebaut, die an der Küste als Seezeichen dienten; die Funktion der dicken Türme in Güstrow bleibt unbekannt, aber um den Dom kümmern sich rührende alte Damen mit Lageplan und allem, und der Schwebende von Ernst Barlach hängt immerhin drinnen an der Decke. Auf dem Marktplatz ist direkt neben die dicke Marienkirche das Rathaus gebaut, das sich erst beim zweiten oder dritten Blick als mit rosa Fassade ausgestattet entpuppt. Nachts steht auf dem Marktplatz ein hessischer Tourist und erklärt seinem schweigsamen Begleiter, daß die renovierten alten Häuser das Kapital von Städten wie Güstrow sei; im Westen hätte der Aufschwung seinerzeit notwendigerweise zu Abriß und Neubau geführt, und jetzt hat man den touristischen Salat. Überhaupt ist die Stadt bevölkert von Einheimischen und Busreisenden und Jugendlichen mit Kindern. Die Busreisenden sitzen schon mal im Restaurant und werden nicht müde beim Berichten über die Zuckerzusatzgepflogenheiten einzelner Völker sowie das eigene Befinden vor, während und nach dem Genuß von Zucker (Traubenzucker ist kein Problem).

Zeit, ein paar Worte zu verlieren über die Ernährung in Mecklenburg. Liebe Mecklenburger! Früher hattet ihr nichts zu essen, und das wenige, was da war, nahm euch ein zu Recht übel beleumundeter Gutsherr ab. Doch heute ist das anders! Was der Gast nicht aufißt, wird weggeschmissen, ist aber zuvor von euch bezahlt worden! Daher, lerne!, machet ihr einfach kleinere Portionen. Zum gleichen Preis, keiner würde es merken, denn das Essen bei euch ist lächerlich billig. Ihr werdet merken, daß alle Seiten glücklicher sind.

Güstrow kann man nach zwei Tagen auswendig. Es verfügt über einen Dom (Barlach) und ein seltenes Renaissance-Schloß nebst Garten, der einen natürlich gewachsenen Wandelgang aus Buchsbaumhecke als Hauptattraktion aufweisen kann. Ferner gibt es einen vorbildlich restaurierten Marktplatz und drumherum einen Haufen in sich zusammenfallender Gebäude, für deren Erhalt sich offensichtlich keine Subvention gefunden hat. Es gibt ein paar einheimische Lokale, die lecker Essen, aber keinerlei Gemütlichkeit feilbieten, und eine Kneipe in einer alten Scheune, in der Radio Sputnik gesendet wird und das ortsansässige Jugendtum Geburtstage feiert. Allenthalben bekommt man zumindest eins der beiden Lokalmatadorenbiere Lübzer oder Rostocker ausgeschenkt und osttypisches Würzfleisch ausgehändigt. Es gibt sehr viele Apotheken, Bäckereien (alles Ketten), Schulen (teils im Renovierungsprozeß begriffen) und Schuhläden. Es gibt sehr wenige offene Nazis, wie man am NPD-Stand auf dem Pferdemarkt sehen konnte. Im Prinzip standen am Stand ein paar Prügelbrüder aus dem Nazi-Bilderbuch und ein paar Volksgenossinnen-Bratzen, und man wünschte den Ärmsten, daß sie zumindest zusammen auf einen zweistelligen, positiven, IQ kommen. Sonst war da niemand, außer das unauffällige Polizeiauto im Hintergrund.

Wir ließen uns von einem herbeigerufenen Taxi zu der Ferienwohnung von Kumpanen kutschieren, und es war wahrscheinlich kein großer Zufall, daß uns derselbe Taxifahrer Stunden später zurückbeförderte. Wir brauchten die Schlampe* nicht mehr, weil wir Güstrow mitsamt seinen durchquerenden und umschließenden Bundesstraßen auswendig wußten. Es kam vor, daß wir die Schlampe korrigierten. Wir kannten uns aus.

Highlight war der Tag in Warnemünde. Bewaffnet mit zwei kleinwüchsigen Kindern (2,5 bzw. 4,5 Jahre) samt dazugehöriger Eltern und einem südafrikanischen Paar enterten wir die Rentnerhochburg "Alter Strom" mithilfe eines Leihbollerwagens. Der, eigentlich dazu gedacht, die Kinder drin herumzutransportieren, mutierte schnell zum Brüder-eifern-einander-nach-und-stacheln-sich-an - ICH WILL ZIEHEN, ICH BIN JETZT DRAN!! Aber es gab auch andere Sehenswürdigkeiten. So stapften wir mit besagten Kleinkindern auf den Leuchtturm. Windig war es, und die Eltern saßen unten. Trotzdem waren alle tapfer und genossen die Aussicht auf die von unten noch gar nicht sichtbare Schwedenfähre. Überhaupt Schiffe gab es wirklich viele, obwohl wir ja nicht mal richtig im Hafen waren. Am Ende konnte der Große seiner Mutter noch stolz ein Piratenboot präsentieren (Sind das auch echte Piraten? - Naja, die haben alle Schwimmwesten an, also ich glaube nicht.). Kann man sich besseres vorstellen?

Die Hochzeit hat ein eigenes Post verdient; hoffentlich schreibt das auch mal einer. Und Photos fehlen bislang auch, skandalös.

Fahrt alle nach Mecklenburg und entdeckt die unaufregenden Reize dieses schönen Landstrichs. Es ist weder lieblich noch anbiedernd dort, aber als eigen denkender Mensch findet man dort eine Ästhetik und Freundlichkeit, wie sie möglicherweise selten geworden ist. Nur als Randbeispiel: Ein Hochzeitsgast von eher sehr viel weiter weg angereist beklagte sich über mangelndes Essen in Güstrow. Man habe noch schnell was essen wollen, aber es gab ja nichts. Wir, daraufhin etwas erstaunt, wieso? Güstrow ist doch voll mit Essenkrams? So abfällig könnte ich nicht mal die Prüfungsliteratur in A&O studieren, so kam die Antwort, jaja, Bäckereien habe man auch gesehen, aber man hätte ja so richtig... und dann wars von vorgestern... und, nicht verbal, aber zweifellos vorhanden: Osten eben. Was tun wir hier überhaupt? Hier gibts nicht mal ne anständige Weißwurst zum Frühstück, und ein Weizen einschenken können die schon gar nicht.

Dann geht doch heim und laßt uns in Ruhe. Wir mögen es, ein Würzfleisch für 3,50 vorgesetzt zu bekommen. Wir würden es nicht mögen, in landesüblicher Tracht auf ein nur mühsam als traditionelles Volksfest getarntes Spektakel zu gehen. Aber wir klagen auch nicht drüber.

Photos und Hochzeit folgen.

Mittwoch, 30. September 2009

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Das ist eine Auftragsarbeit, und ich versuche, sie so schön wie möglich zu erledigen!

Es ist 17:30, und wir verlassen das oranienburger Anwesen. Somit ist uns eine halbe Stunde Show Royale vergönnt, inklusive einer neuen Folge Zwiegespräche mit Gott und dem beliebten Abschlußlied Der Zug fährt in den Bahnhof ein oder so ähnlich. Dann kommt Volker Wieprecht höchstpersönlich als Kontakt zum Hofberichterstatter Andreas Ulrich ins Wahlspiel, und die ersten Prognosen fliegen uns mathematisch genau um die Ohren, besonders beeindruckt war ich davon, daß A.U. nur ein einziges Mal bei Verlusten oder Gewinnen von Prozenten statt Prozentpunkten sprach. Das kann ja mal passieren.

Nach dieser ersten Prognose sage ich: Und nun mache ich die CD wieder an, das Restgesülze kann ich nicht hören.

Was ist eigentlich passiert? Die Kanzlerinnenpartei nutzt den Kanzlerinnenbonus gerade mal zum Klassenerhalt. Die mittelkleine Schwester in der Regierungskoalition steckt übel ein. Der gelbblaue Beliebigkeitsparolenspender ("Bildung ist ein Bürgerrecht" - peinlich genug, wenn jemand der Meinung ist, das extra auf Plakate drucken zu müssen, aber ist das ein Grund, die FDP zu wählen?) legt um knapp die Hälfte zu. Vereinigungen und Umbenennungen machen Parteien wählbar. Und ein ernsthaft mit Argumenten geführter Wahlkampf kann sich ebenfalls in Stimmenzuwachs auszahlen, wenn auch nicht so erfolgreich wie die Forderung "Arbeitsplätze statt Hartz IV". Was sich (mit Implikationen für meine Gedanken über dieses Land, das nun seit 20 Jahren mein Heimatland ist, die man sich gar nicht ausmalen kann - dazu vielleicht später unten mehr) nicht ausgezahlt hat, waren Parolen wie "Heimreise statt Einreise" und "Besser leben ohne Multikulti", geschmückt mit entsprechenden Bildern - trotz der vielbeschworenen Krise und offensichtlich ganz anders als in den 20er Jahren konnten die rechten Parteien bloß Ohrfeigen abholen, und zwar mit der flachen Hand direkt ins Gesicht. Und, last, but overhead not least, sackte eine sehr junge, sehr innovative und in Brisanz hoffentlich wichtiger werdende Partei aus dem Stand die Hälfte der für die 5-Prozent-Hürde erforderlichen Stimmen ein, das ist ebenfalls sehr beachtenswert und geht derzeit etwas unter.

Nun aber schön der Reihe nach. Was heißt das alles?

Als erstes war ich natürlich schockiert. Die zentrale Frage des 27. Septembers lautete ja: Warum um alles in der Welt wählen Personen, die mit der derzeitigen Regierungspolitik unzufrieden sind, die verdammte FDP? Das bleibt völlig unklar. In der derzeitigen Krise sind doch viele Menschen mit all den Bankern unzufrieden, die einen überhaupt in den Mist geritten haben, ferne mit den Ärzten, die sich von Pharmaindustrie und Krankenkassen das Hinterteil vergolden lassen, ferner mit Gutverdienern, die über ihre hohe Steuerlast ächzen, wenn sie nicht gerade in Zürich das "andere" Konto versorgen müssen. 14 Prozent, soviele Gut- und Besserverdienende gibt es doch in diesem Land gar nicht! Und einige von denen wählen auch noch grün! And how have we the salad: ein Außenminister, der - bis aufs Geschlecht - ist wie ich: mit seinesgleichen zusammen, und das Englisch holperig.

Über die CDU breiten wir den Mantel des Schweigens. Es gibt nur zwei wichtige Verlierer bei dieser Wahl, und sie ist einer davon (und die CSU vernachlässige ich als alte geübte Preußin vollständig, die hat aber auch verloren!). Nicht mehr Stimmen zu haben ist ja, für die Partei mit dem grundgesetzlich nicht ganz korrekten "Wir wählen die Kanzlerin"-Plakat, auch ein deutlicher Verlust; eine Bestätigung ist es jedenfalls nicht gerade. Seid froh, daß alle die neuen Vorsitzenden der SPD handeln und Videos mit G.W., englischsprechenderweise, verlinken. Das lenkt von euch ab.

SPD, ach, was soll ich sagen? Der kleine Bruder in einer großen Koalition... da würd ich auch nicht mit tauschen wollen. Vielleicht hat der Wähler am Ende den Überblick verloren, was an der Regierungspolitik eigentlich christ- und was sozialdemokratisch war, vielleicht hatten auch manche an der Urne Kurt Tucholsky im Sinn: "Sach ma, sare ick zu den eenen, der neben mir saß, warum wählst du eigentlich SPD? Ick dachte der Mann kippt mir vom Stuhl. Komisch, nu wähl ick schon 22 Jahre diese Partei, aber warum ick det mache, habick mir noch nicht übalegt. [...] det hat sich allet so scheen einjeschaukelt... wat brauchste Jrundsätze, wennde een Apparat hast... Det is so een beruhijendes Jefühl: Man tut wat for de Revolution, und weeß janz jenau, mit diese Partei kommtse janz bestimmt nich!" Im Ergebnis nicht mehr als sozialdemokratisch ablexbar, was auch immer das jemals bedeutet haben mag, und mit der Verantwortung für inzwischen mehr als zehn Jahre kleineleutefeindliche Politik, ohne nennenswerte Vorteile oder Entwicklungen hervorgebracht zu haben - da muß man sich eigentlich nicht wundern.

Die LINKE, die sich mithilfe Lafontaines und eines unzufriedenen linken (Gewerkschafts-)flügels in der SPD endlich aus ihrer 20jährigen Ostverhaftung lösen konnte, ist für mich der wahre Wahlsieger. In den Reihen der anderen Parteien tummeln sich doch auch ausreichend Vollpfosten, die für die ein oder andere Fehlentscheidung niemals geradestehen mußten. Daß man ausgerechnet der SED-Nachfolgepartei dafür immer wieder rügt, ohne den eigenen Keller zu kehren, sieht eben nach Siegerjustiz aus - und aus genau diesem Grund wurde die PDS Wahl für Wahl im Osten mit reichlich Stimmen bedacht. Daß Verteufelung und Verfolgung zumindest nicht dazu beigetragen haben, daß die Partei an Bedeutung verlor, liegt heute auf der Hand, vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, das Vorreiterland in Sachen PDS-Mitregierung, und in Berlin, wo man leicht ablesen kann, wie sehr Regierungsverantwortung ein Parteiprogramm in den Schatten stellen kann. Von "Kommunismus", von Verstaatlichungen der Schlüsselindustrien und Banken ist man dort weit entfernt, aber die Regierungsbeteiligung der PDS hat dort echte Demokratie möglich gemacht, indem sich nämlich ein großer, maßgeblich im Osten de rStadt wohnender Teil der Bevölkerung auch in der Landesregierung wiederfinden konnte. Was daran falsch sein sollte, habe ich ohnehin nie verstanden. Umso besser, daß diese Partei mit diesem Wahlergebnis wieder mehr Erwachsenheit wird beweisen müssen.

Ich habe auch schon mal grün gewählt, aber meine Partei ist es nie geworden. Ausgerechnet in diesem Jahr fand ich sie dann erst doof (Europawahl), dann cool (Kommunalwahlkampf) und jetzt immer noch sympathisch, und ich freue mich ehrlich für ihr schönes Wahlergebnis. Sie schien mir die einzige Partei zu sein, die Wert auf ein seriöses Wahlprogramm legte, und daß sie damit offensichtlich erfolgreich war, verringert meine gewöhnliche Skepsis gegenüber der angenommenen Cleverness des Wählers schlechthin.

Die Nazis sind sowas von nicht drin, und das trotz verhältnismäßig aggressiver Plakatierung mit schlimmen Parolen und Bildern. Ich bin so, so, so froh, daß eine Krise nicht mehr automatisch zu einem Rechtsruck führt, sondern die Leute sinnvolleres mit ihrer Stimme anfingen, als blöde Protestwählerstimmen abzugeben. Vielleicht nehmen die Wähler die Krise auch ernst und machen das Kreuzchen nicht aus Frust beim Provokateur, also, mich hat das sehr erleichtert.

Piraten - super! Herzlichen Glückwunsch! Wenn euch mangelnde Performance vorgeworfen wird, dann entgegnet, daß die Grünen früher auch nur gegen Atomkraftwerke und Waldsterben waren und komische Pullover trugen. Daß ihr kein tragfähiges Regierungsprogramm habt, sei euch nicht nur deswegen verziehen, weil die anderen alle auch keines haben, sondern weil das auch gar nicht euer Anliegen ist. Im Moment jedenfalls. Es ist gut, daß es euch gibt, und ich persönlich finde es sehr gut, daß ihr so heißt, wie ihr heißt, auch wenn ihr euch vor Somalia langsam mal etwas zurücknehmen könntet ;-).

Habe ich jemanden vergessen? Jedenfalls hier die Zusammenfassung:

Ich finde es gut, in einem Land zu leben, das von einer Kanzlerin und einem schlecht englischsprechenden homosexuellen Außenminister regiert werden wird. So habe ich auch noch Hoffnung.

Ich habe Angst, daß nun der ganze Atomausstieg zunichte gemacht wird, weiter blöde Autos gebaut und deren Gebrauch subventioniert und die Zersiedlung der Landschaft steuerlich weiter gefördert wird. Daß Subventionen reichlich fließen, wo sie keiner braucht, und andere Stellen keinen Pfennig sehen, nur weil sie zufällig nicht im Gunstbereich der Regierungsparteien stehen.

Daß das Gesundheitswesen nun endgültig und lobbyhörig privatisiert und somit für den "kleinen Mann" unbezahlbar werden wird.

Daß das Schulsystem weiterhin uneinheitlich (weil Ländersache) und unbrauchbar sein wird, weil sich diese Regierung einfach nicht zu einer Abschaffung des Alleinstellungsmerkmals Gymnasium durchringen wird - entgegen aller Notwendigkeiten und wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Daß Hartz-IV-Bezieher sich noch mehr als bisher für ihre paar Kröten rechtfertigen müssen, während Banker Boni einstreichen und, wenn es nicht klappt, der Staat, also wir alle, den Verlust sozialisieren, nach den guten alten Regeln der sozialen Privatwirtschaft (Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren).

...

Am Ende frage ich mich natürlich: Wie wollen CDU und FDP in zentralen Fragen zueinanderfinden: Datenschutz und Bürgerrechte, Gleichstellung von Lebenspartnerschaften (eventuell unter Verlust der Bevorzugung kinderloser Ehepaare), Steuerrecht, Verteidigungspolitik? Da bin ich gespannt, wer welchen Pantoffel wird schlucken müssen. Aber das ist schon alles, was Demokratie einem an Unterhaltung bieten kann. Alles andere ist auf Planet B angesiedelt.

Kurt Tucholsky: Nehm' wa noch 'ne kleene Molle, wa? Naja, Se müssen ja ooch zehause. Ick wünsche Sie eine vajnüchte Wahl. Denn seh'n Se mal: die Wahl ist der Rummelplatz des kleinen Mannes. Einmal, alle vier Jahre, da tun wa so, als ob wa täten. Aba uffjelöst, und rejiert, wern wa doch. Gut' Nacht.

Sonntag, 20. September 2009

Ab morgen: Mecklenburg

Tja, die Prüfung habe ich nicht gemacht, dafür hatte ich mal so was wie einen Sommer ganz für mich und mußte ihn nicht mit der Bibliothek teilen. Nun fahre ich morgen schon wieder in den Luxusurlaub; Luxus, weil ich gar kein Erholungsbedürfnis verspüre, bloß mich auf eine feine mecklenburgische Metropole an Seen freue, mit der Prinzessin natürlich! Und auf die anfolgende klassentreffenartige Hochzeit im Vier-Sterne-Plus-Hotel. Und natürlich meinen Geburtstag. Im Gegensatz zu anderen Leuten habe ich ja gerne Geburtstag.

Ach, der September-Sommer. An sich uncool, weil es abends so früh dunkel wird, aber dann erwischt man mit etwas Glück Tage, an denen man bis in die Puppen draußen sitzen kann, und dann macht man das auch noch in bestdenkbarer Begleitung, ohne das vorher zu wissen! Am Freitag nach Feierabend erwartet einen die Prinzessin vor dem Laden zwecks abholen und schleppt einen zu Tisch mit der Perle der Arbeitseinheit, welche in netter männlicher Begleitung die Bielefelder Nacht unsicher machen möchte. Na, zunächst machten wir die Nerven der umliegenden Gäste mit unseren dreckigen Lachen unsicher! Man koppele Erzählungen von Bielefeldern in Halle (Saale), Berlinern (Ost) in Bielefeld und Hannoveranerinnen (überall) und füge eine Prise Humor und Blödsinnbereitwilligkeit hinzu, and soon have you the salad. Weiters kann man mit Hauptfrauen und hochgeschätzten Waschmaschinenverschenkerinnen und nach-Kreuzberg-Flüchtigen auf dem Sigi sitzen, bis zur letzten Runde der Supertram, was ich glaub ich noch nie erlebt habe. Man kann auch heutens prima auf der Terasse vom Noodles sitzen und sich von diesem wunderbaren, professionellen, engagierten Kellnerteam verwöhnen lassen.

Außerdem kann man mit der Lieblingsschwester einen Ausflug zum Oberen See unternehmen. Immerhin hat es die Schwester auch zwei Jahre lang in Bielefeld geschafft, dieses hydrologische Wunder zu bestaunen. Und so wurde es auch: "Dit is allet?" war die erste Frage. Und dann umrundeten wir den Spucknapf. Es ist schon so: ein Gewässer macht eine Großstadt attraktiver. Aber irgendein Gewässer eben doch nicht. Ein Rhein, eine Elbe machten eine Stadt schon viele Jahrhunderte zuvor attraktiv, wegen der Anbindung eben, und heute, weil all das Zeug noch rumsteht von der Anbindung. Im berliner Osthafen stehen Kräne und Speicher, darüber freut sich heute MTV. In Hamburg haben sie aus der Speicherstadt einen neuen Stadtteil gemacht. Die Städte sind um die Gewässer drumherum gewachsen, nicht die neumodisch angelegten Gewässer in die Stadt hinein. Ach! Es ist Wasser, und dann doch wieder nicht.

Ab morgen hab ich erstmal wieder Wasser, so viel ich will. Richtiges Wasser, wenngleich auch vergleichsweise jung (letzte Eiszeit). Bericht folgt.

How to detect a depression screening:

Erstens, sozial unverträglich für Diagnostik lernen.
Zweitens, dabei die Item-Response-Theorie im allgemeinen und die Rasch-Modelle im besonderen nicht verstehen.
Drittens, die fast völlige Abwesenheit rasch*-skalierter Untersuchungsinstrumente lautreich beklagen.
Viertens, im Depressionsseminar mehrmals Klagen darüber hören, daß es kein brauchbares und zweckgeeignetes Depressionsdiagnostikum gebe.
Fünftens, aufmerksame Prinzessinnen, bzw. eine reicht eigentlich, sind geprimt (unbewußt voraufmerksam) auf rasch-basierte Verfahren im allgemeinen und stoßen daher mit Interesse, aber eher zufällig auf das DESC* eines unbekannten Konfidenten an der Uniklinik Aachen.
Sechstens spitzen plötzlich Professoren die Ohren, weil sie (s.o.) auch gerne ein schönes Depressionsscreening hätten.
Siebentens (oder wie WIR sagen: siehmtens) recherchiert die eigentlich gar nicht zuständige Hilfskraft dem DESC hinterher, infolgedessen sich eine nette elektronische E-mail-Korrespondenz mit dem DESC-Erfinder entwickelt.
Achtens entpuppt sich das Ding als aufwendig entwickelt und konstruiert und scheint ersten Zahlen zufolge brauchbar zu sein. Und rasch-skaliert ist es auch noch!

*rasch bezieht sich überhaupt nicht auf Geschwindigkeit, sondern auf den Namen eines Testkonstruktionsprinzipserfinder, der verschiedene mathematische Modelle über Fragebogenskalen und dergleichen entwickelte. Ich kann das hier unmöglich laienverständlich erklären. Auf Nachfrage versende ich gerne das beliebte Schrifttum Studtmann (1999), in welchem alle relevanten Fragen um die IRT erschöpfend behandelt sind.
*bürgerlicher Name des relevanten Depressionsscreenings

Montag, 14. September 2009

exemplarisch

einer von einer gefühlten Million von Online-Kommentaren, die in der Mehrheit basale, grundrechtliche Annahmen negieren, übergehen, ja nicht einmal zu kennen oder verinnerlicht zu haben scheinen und, aber fast überflüssig zu erwähnen, ohnehin das gute Auge-um-Auge-Prinzip für brauchbarer halten.

Da diese Mörder aufgrund ihres jugendlichen Alters ohnehin irgendwann wieder freikommen werden, sollte ihnen die Haftzeit ordentlich vergällt werden und zwar durch erzwungene Beschäftigungen, die an ihrem Ehrbegriff kratzen. An Sportbetätigung sollte denen nur erlaubt werden, am Schwebebalken zu turnen. Paartanz (Walzer, Polka und andere Standards) wäre die Alternative. Selbstverständlich keine betont maskulinen Sportarten, Fussball wäre ausgeschlossen und Kampfsportarten erst recht. Handarbeitskurse müssten das Ganze ergänzen: Jeden Tag einen Mädchenstrumpf gehäkelt, dann gibt's zur Belohnung eine Stunde Malefiz-Spielen. Zu Weihnachten dürfen sich die Jungs dann mal hübsch schminken. Zum Anbringen von Nagellack (Fuß- und Fingernägel) gibt es dann Vorrichtungen, die den Jungs erlauben mal den einen Fuß, mal den andern, mal die eine Hand, dann die andere durchchzureichen, damit die Dame vom Nagelstudio ungefährdet zur Verschönerungsaktion schreiten kann. Kurse zum Malen mit Wachsmalkreide sollten auch zum Angebot gehören. Die Motive wären vorgegeben: Blumenbilder, für die Fortgeschrittenen dann Heiligenbilder. Zum Lesen gäbe es nur: Hanni und Nanni-Bücher, oder Heidi. TV und Radio wäre natürlich ebenfalls gesperrt. Zu Sonn- und Feierttagen dürfte allenfalls eine Stunde Klassik gehört werden.

An diesem Text ist so viel anzumerken.

Als erstes scheint dem Autoren aufzustoßen, daß nach Jugendstrafrecht Verurteilte "recht bald" wieder freikommen. Das klingt so, als würden die sich das vorher ausrechnen. "Komm, wir killen den jetzt mal. Gibt ja nur zehn Jahre, und dann können die uns mal resozialisieren! Mit 27 haben wir das Leben doch noch vor uns!"

Die Vorstellungen des Autoren über Haftzeitvergällung fußen ausschließlich auf fast peinlichen Pauschalisierungen über das Selbstverständnis gewalttätiger Jugendlicher. (Und wir schweigen bei dieser Betrachtung über die Annahmen über die Würde des Menschen, auf die auch der Täter während der Bestrafung ein Anrecht hat.) Auch Schwebebalkenturnen dürfte Muskeln zu Tage führen, und hat man jemals Liegestützen zu verbieten versucht?

-

Über diese Taten zu lesen macht mich rat- und hilflos: couragierter Mann wird totgeschlagen; Rentner wird halbtot geprügelt; Berufsschüler nutzen ihren Klassenfahrtaufenthalt in München, um Obdachlose und andere wehrlose Personen zu verprügeln; Busfahrer in Berlin sind nicht mehr sicher, weil sie häufig von Jugendlichen drangsaliert werden; Jugendliche verprügeln und töten einen geistig zurückgebliebenen Jugendlichen in Brandenburg (und versenken ihn in irgendeiner Grube); aber was würde helfen?

Wie schwer es einem fällt, bei den Grundrechten zu bleiben! Immer! Und doch nutzen sie nichts, wenn sie nicht immer gelten. Und es nutzt nichts, Verbrecher einfach wegzusperren, auch nicht zum Schutz der Gesellschaft, denn das Wegsperren kostet viel Geld, und es hilft, neue Verbrecher zu produzieren. Und es hilft nichts, jetzt eine sogenannte Kuschelpädagogik anzuprangern, die zu viel Verständnis für die Täter und deren vermutlich schwere Kindheit zeige und zuwenig Erfolge beim Opferschutz zeige.

Man zeige mir einen einzigen Täter, der eine psychologisch zufriedenstellende Kindheit mit Möglichkeiten zur Bildung stabiler Bindungen und Entfaltung evtl. vorhandener Begabungen vorweisen kann, und ich revidiere Teile meines Menschenbildes.

Das Geld, was hintendrein alle ausgeben wollen für 15 statt 10 Jahren Höchststrafe, das kann man auch vornerum ausgeben für vernünftige Prävention. Blöd ist, daß erfolgreiche Prävention und erfolgreiche Resozialisation nach Haftstrafen monetär schlecht meßbar sind. Wie will man eine nicht erfolgte Vergewaltigung, das nicht verkaufte Päckchen Koks, den unausgeräumten Laden denn messen?

Und der Mann in München ist einfach tot, egal was jetzt diskutiert wird. Man hat den Eindruck, daß er alles richtig gemacht hat, daß es ihm aber nichts genützt hat. Wie viele unmeßbare Situationen gibt es eigentlich pro Woche in München, in denen kein couragierter Endvierzier aufsteht und eingreift, sondern die Angegriffenen klaglos das Geld hergeben, was sie so dabeihaben? Auch das eine statistisch unbekannte Größe.

Sonntag, 13. September 2009

.. in vollem Staatswichs

... gebürstet und gestriegelt stiefeln die drei Damen zunächst ins Stahlberg, um sich angemessen zu stärken, und anschließend ins Stadttheater, um andächtig und kichernd, bisweilen sogar laut herauslachend den Worten von Max Goldt zu lauschen. Das gut gefüllte, aber nicht ausverkaufte Stadttheater sieht von außen zwar pompöser und repräsentativer aus als das gute alte Theater am Alten Markt, wo Max Goldt sonst seine bielefelder Lesungen abhält, aber innen hat es Ränge, aber im Parkett ist es nicht größer. In Reihe 4 sitzt man dem Autoren beinahe auf dem Schoß. Und schön wie immer ist es, den gleichzeitig unprätentiös und gut vorgetragenen Texten zuzuhören, und Vergnügen wird einem in einer durch gleichzeitige Schüchternheit und Professionalität geprägte Veranstaltung geboten. Mögen doch mehr bescheidene, fein beobachtende und formulierende Menschen durch die Lande ziehen und Stadttheater, nicht -hallen, mit interessiert lauschendem Publikum füllen, das auch mal zwei Stunden die Klappe halten und das iPhone wegstecken kann!

Diesmal habe ich mich getraut und ein Buch, das neue, das erst am 18. September erscheinen wird, gekauft und signieren lassen. Das war ein sehr feines Erlebnis mit dem feinen Herrn Max Goldt.

Am meisten, glaube ich, mochte die Prinzessin die launischen Bemerkungen über das Berliner Plusquamperfekt. Das ist jetzt sowas von Vergangenheit, also sowas von! Die Anekdote zum Thema betraf einen Restaurantbesuch der feineren Art, an dessen Ende der Kellner höflich fragte, Waren Sie zufrieden gewesen? Was soll man denn, nähme man die Grammatik ernst, darauf antworten?

Was den heutigen Abend betrifft: Ja, ich bin es gewesen und bin es noch immer. Bis zum nächsten Mal.

Donnerstag, 10. September 2009

aus naheliegenden Gründen

mag ich google.books nicht: Gabs früher auch nicht, soll man die Bücher nicht lieber kaufen, und überhaupt.

Aber bei ganz bestimmten Fünden denkt man vielleicht doch anders, daß das das elektronische Zeitalter nämlich Funde ermöglicht, die man vorher nicht angestrengt hätte.

Bißchen wehmütig, bißchen stolz... bißchen lang her

Schön war's hier schon 1997:

sagen die Buben.

Magnus, Inferno 2 und selbst die Restetruhe gibt es allerdings nicht mehr. Ob Max Goldt das bei seinem Bielefeld-Besuch am Sonntag bemerken wird?

Montag, 7. September 2009

Wow!

Auf dem Heimweg Ohrwurm von einer Arie gehabt, die ich vor mindestens 12 Jahren mal in Musik durchgenommen habe. Arie vor mich hinpfeifend nach Hause geradelt. Zuhause dringendes Bedürfnis verspürt, Arie anzuhören. Nicht mehr an Namen der Arie oder wenigstens Oper oder überhaupt Komponisten erinnert. Vage was mit Papageno im Sinn gehabt, den hatten wir nämlich auch mal in Musik. Glaub ich. Papageno wars aber nicht. Text war italienisch oder so. Umfangreiche Arienauflistung entdeckt, hilft aber nicht. Youtube hat noch keine Pfeiftonerkennung. Dann bei Amazon Opern gesucht, wo man dann die Titel anspielen kann. Arie gefunden. Bei youtube angehört und dahingeschmolzen.

Dienstag, 1. September 2009

adé

Nun habe ich es verpaßt, mir noch schnell ein paar 100-Watt-Glühlampen zu kaufen, oder ein paar mattierte 60er: hell, aber nicht grell. Wieder einmal wird mir im privatesten Raum auf unsinnigste Weise die Verantwortung für Klimawandel und Polkappenabschmelzen übergeben, während draußen auf dem Ostwestfalendamm alle paar Minuten einer dieser riesenhaften, für Ein-Kind-Familien offenbar unumgänglichen Geländewagen (wie haben die DDR-Eltern eigentlich ihre zwei bis drei Kinder in den Trabi bekommen, falls sie einen hatten?) über die Brückennaht springt.

Was passiert eigentlich?

Natürlich erstmal was Gutes. Die böse, durstige und kurzlebige Glühbirne muß weg. Aufatmen können Eisbär und Feldhamster. Der böswillige, träge und unumgewöhnbare Mensch will aber nicht verzichten und mit der Energiesparlampe fremdgehen. Er ist treu, zumindest seiner geliebten Glühlampe. Sie ist warm, hat eine gute Figur und ist immer sehr schnell bereit. Die Energiesparlampe ist fast direkt meist häßlich anzusehen; darüber hinaus zickt sie lange rum und verbreitet dann ein kühles Licht, das sie wenig anziehend macht. Freilich, im Verbrauch ist sie genügsam, doch wohl nur dort, wo man sie lange (r)anläßt. Häufiges Aus- und Anmachen entschuldigt sie ebensowenig wie die gewohnte Entsorgung im Hausmüll. Auch nach dem Leben noch besteht die Diva auf einer Sonderver/entsorgung, und wie der Mensch so ist, kann man sich ja vorstellen, wie genau er sich dran halten wird.

Sieht also doch nicht nur gut aus, wie? Vielleicht haben sich die Energiesparlampen zusammengerottet und ein Komplott gebildet, um die beliebte Glühbirne dem Menschen endlich abspenstig zu machen und endlich ihre Schrullen ungestört und ohne die unliebsame, anschmiegsame Konkurrenz ausleben zu können.

Was sind nochmal die Argumente? (Ich bin prinzipiell zu faul, irgendwelche Zahlen anzuführen. Interessierte können z.B. auf wikipedia nachlesen.)

Verbrauch: Ja, die Glühbirne verbraucht mehr. Wenn sie hängt und leuchtet. In der Entwicklung (quasi nicht mehr nötig) und in der Herstellung ist sie wesentlich unaufwendiger und ungiftiger.
Lebensdauer: Ja, die Energiesparlampen leben länger, allerdings längst nicht soviel länger, wie es immer behauptet wird. Im normalen Privathaushaltverbrauch lebt sie grad zwei- bis dreimal solang; das ist, bemessen am Preis, nicht besonders berühmt.

Das wars mit den Pro-Energiesparlampen.

Was spricht - für Privatleute - eigentlich dagegen?

Lichtfarbe: Das häufigste Argument seit vielen Jahren ist die ungetreue Lichtfarbe und daraus resultierend Farbwiedergabe. Begeisterte Befürworter gehen da immer mit so einem patzigen Bah! drüber, als würde die Lichtfarbe, wenn man sich erstmal dran gewöhnt hat, überhaupt eine Rolle spielen! (Als Beispiel auf geo.de wird Spinat, der nicht mehr richtig grün sei, angeführt, und was daran denn nun mal so schlimm sei.) Falls ich mit unkorrekt wiedergegebenen Gemüsefarben evtl. die Welt vor dem Klimakollaps, dem Ansteigen der Meere und dem Versinken Hollands und Dänemarks retten könnte, würde ich wirklich sofort und militant alle mir täglich begegnenden Glühbirnen gegen blaublütige Energielampen tauschen.

Schwermetall: Die Energiesparlampe gehört nicht in den Hausmüll. Aber Hand aufs Herz, liebe Leser: Wie oft seid ihr schon zum nächstgelegenen Müllhof gefahren und habt eure Sparlampe fachgerecht entsorgt? Natürlich nicht mit dem Auto - das würde wahrscheinlich mehr Dreck machen, als mit den Lampen eingespart wurde. Außerdem wird Quecksilber wohl gerade für alle möglichen Benutzungen aus dem Verkehr gezogen und verboten. Bloß die kleine liebe Sparlampe, da sind ja auch nur paar Milligramm drin, im Thermometer wars ein ganzes Gramm (bloß glaub ich, daß man ein ganzes Stück mehr Lampen als Thermometer im Haus hat), und weil die eben fachgerecht sonderentsorgt wird, passiert da ja nix.

Umwelt: Da ja der böse, faule Mensch (siehe oben) nicht von alleine auf sein Glück mit der Energiesparlampe kommt und lieber fortfährt, die Polkappen mithilfe der Glühbirne abzuschmelzen, muß man ihm das Spielzeug eben wegnehmen. So! Im Kommunismus mußte man die Leute auch erst zu ihrem Glück zwingen, und im Antikommunismus erst recht. Daß man in der Umweltpolitik da noch nicht früher drauf gekommen ist, wundert mich eigentlich. Ich hätte da noch ein paar mehr Vorschläge:

Verbot von Fahrzeugen mit einem Verbrauch von mehr als 10 Litern je 100 Kilometern
Flächendeckendes Tempolimit auf den Autobahnen
Abschaffung von Pendlerpauschalen
Strafgebühren für von weit herbeigeschafften Produkten (Grundnahrungsmittel), die auch in der jeweiligen Region produziert werden (z.B. Milch, Butter, Mineralwasser); gilt auch für den Biomarkt (warum gibt es in den berliner Bioläden Andechser Bioprodukte zu kaufen? Werden die mit dem Fahrrad dahingefahren?)
Abschaffung der Steuerfreiheit von Kerosin und Verbot von Flügen unter 1000 Kilometern (oder jede andere Zahl - diese ist beliebig gewählt) - warum muß man von Berlin nach Hamburg fliegen können? Selbst Frankfurt und sogar München sind albern - außer man hat die Termine jeweils direkt am Flughafen. Jeder gesparte Flug zwischen Hamburg und Berlin hat wahrscheinlich ein Umweltschutzpotential von 1 Million normal genutzen Glühbirnen.

Ich will gar nicht mir Lobbys anfangen. Aber warum ich mich ausgerechnet wegen meiner altmodischen Glühbirnen schlecht fühlen soll, verstehe ich nicht. Hat noch jemand ein paar 100er ergattert?

Montag, 31. August 2009

Ein Tag Deutsche Bahn

Das geilste vom ganzen ist die Abholung der von der Universität bestellten Fahrkarte am Automaten. Nummer eintippen, fertig. Da taugen die Automaten mal was, bzw. ihr Nichttaugen fällt nicht so auf, weil man sie nicht mit Informationen füttern muß - vom Eingeben der gefühlten 20stelligen Nummer, deren Verwandlung in Sterne das tippen auch nicht leichter machen.

Dann - eigentlich sollte noch ein Essensproblem gelöst werden - unbestimmte Verspätung, Streckensperrung. Hach nun! Am Servicepoint ist man entspannt, in fünf Minuten wisse man mehr. Ob man nicht besser über Hannover führe? Naja, wenns klappt, ja, aber der hat ja auch schon 5 Minuten, und die Strecke sei ja in Richtung Hannover gesperrt. Ein Lkw sei in eine Brücke gefahren, da muß erstmal geschaut werden, ob da noch Züge drüber dürfen.

Beim zweiten Vorsprechen ist die Strecke gerade freigegeben worden, der Kölner soll gegen '50 eintreffen (Fahrplan '20). Aus irgendeinem Grunde vergebe ich die Chance auf die Hannoververbindung und ärgere mich direkt danach schlagartig, weil aus den 20 Minuten natürlich schnell (bzw. langsam) 35 Minuten werden. Und der Mann am Servicepoint druckt mir einen Umstieg in Köln aus, bei dem ich anderthalb Stunden den Kölner Dom bewundern müßte. Daß es auch anders geht, muß ich mir dann selbst beweisen.

Dadurch, daß ich nun mit einem Zug mitgefahren bin, den ich eigentlich nicht geschafft hätte, wenn er nicht so dramatisch verspätet gewesen wäre, habe ich dann auf wundersame Weise in Köln meinen ursprünglich geplanten Anschlußzug bekommen und war noch einigermaßen pünktlich in FFM (auch wenn der IC von Flughafen nach Hauptbahnhof - aber da reden wir ja gar nicht drüber. Lustigerweise kam er aus Münster, und er war schon dermaßen lange unterwegs, daß er 2 Stunden vor mir in Dortmund war. Wahrscheinlich mußte er tatsächlich an jeder Milchkanne anhalten und "Anschlußreisende aufnehmen").

Rückzu nun, aber ach! Lungere am Hauptbahnhof rum, habe die Hannoverconnection nicht erreicht und warte auf den eigentlich lächerlichen Flughafen-ICE. Entdecke einen anderen Zug, der ebenfalls über Flughafen nach Köln und sonstwohin fährt. Warum spuckt mir eigentlich niemand diese Verbindung aus? Aber ich bemerke es ein wenig spät, und es ist natürlich verlockender, von Flughafen FFM bis Biele durchzufahren, und ich habe noch nicht fertigüberlegt, da fährt er auch schon los.

Der ICE aus Wien ist pünktlich, aber fährt nicht los. Schäden am Triebfahrzeug werden genannt, auch mal Störungen im Betriebsablauf - eine meiner Lieblingsstörungen, denn natürlich ist der Betriebsablauf gestört, wenn ein Zug nicht nach Fahrplan fährt. Das bringt alles durcheinander. Jedenfalls wußte natürlich wieder keiner, ob der Anschlußzug in Flughafen wartet. Der defekte ICE fährt zwar immerhin auch nach Dortmund (abends fahren alle Züge im Rheingebiet nach Dortmund; abendliche Erreichbarkeit scheint nicht das Problem der Ruhrmetropole zu sein), aber allein bis Köln braucht er schon eine Stunde länger, weil er nicht durch den Westerwald flitzt. Und ob ich von Dortmund, das wahrscheinlich in grauer Nacht erreicht wurde, noch nach Bielefeld gekommen wäre?

Aber, immerhin, der Zug setzt sich in Bewegung, und der andere Zug wartet tatsächlich, sogar so lange, bis er selbst wiederum eine feine Verspätung aufweist. Aber was knackt zwischen Siegburg und Köln der Lautsprecher? "Die Leitstelle in Duisburg hat angeordnet, daß dieser Zug heute nur bis Köln fährt. In Köln erhalten Sie Anschluß an einen anderen ICE nach Hannover." Wie kommt die Leitstelle denn auf so was? Überdies fährt der ausgemusterte ICE nach FFM zurück. Wie kann man das erklären?