Montag, 14. September 2009

exemplarisch

einer von einer gefühlten Million von Online-Kommentaren, die in der Mehrheit basale, grundrechtliche Annahmen negieren, übergehen, ja nicht einmal zu kennen oder verinnerlicht zu haben scheinen und, aber fast überflüssig zu erwähnen, ohnehin das gute Auge-um-Auge-Prinzip für brauchbarer halten.

Da diese Mörder aufgrund ihres jugendlichen Alters ohnehin irgendwann wieder freikommen werden, sollte ihnen die Haftzeit ordentlich vergällt werden und zwar durch erzwungene Beschäftigungen, die an ihrem Ehrbegriff kratzen. An Sportbetätigung sollte denen nur erlaubt werden, am Schwebebalken zu turnen. Paartanz (Walzer, Polka und andere Standards) wäre die Alternative. Selbstverständlich keine betont maskulinen Sportarten, Fussball wäre ausgeschlossen und Kampfsportarten erst recht. Handarbeitskurse müssten das Ganze ergänzen: Jeden Tag einen Mädchenstrumpf gehäkelt, dann gibt's zur Belohnung eine Stunde Malefiz-Spielen. Zu Weihnachten dürfen sich die Jungs dann mal hübsch schminken. Zum Anbringen von Nagellack (Fuß- und Fingernägel) gibt es dann Vorrichtungen, die den Jungs erlauben mal den einen Fuß, mal den andern, mal die eine Hand, dann die andere durchchzureichen, damit die Dame vom Nagelstudio ungefährdet zur Verschönerungsaktion schreiten kann. Kurse zum Malen mit Wachsmalkreide sollten auch zum Angebot gehören. Die Motive wären vorgegeben: Blumenbilder, für die Fortgeschrittenen dann Heiligenbilder. Zum Lesen gäbe es nur: Hanni und Nanni-Bücher, oder Heidi. TV und Radio wäre natürlich ebenfalls gesperrt. Zu Sonn- und Feierttagen dürfte allenfalls eine Stunde Klassik gehört werden.

An diesem Text ist so viel anzumerken.

Als erstes scheint dem Autoren aufzustoßen, daß nach Jugendstrafrecht Verurteilte "recht bald" wieder freikommen. Das klingt so, als würden die sich das vorher ausrechnen. "Komm, wir killen den jetzt mal. Gibt ja nur zehn Jahre, und dann können die uns mal resozialisieren! Mit 27 haben wir das Leben doch noch vor uns!"

Die Vorstellungen des Autoren über Haftzeitvergällung fußen ausschließlich auf fast peinlichen Pauschalisierungen über das Selbstverständnis gewalttätiger Jugendlicher. (Und wir schweigen bei dieser Betrachtung über die Annahmen über die Würde des Menschen, auf die auch der Täter während der Bestrafung ein Anrecht hat.) Auch Schwebebalkenturnen dürfte Muskeln zu Tage führen, und hat man jemals Liegestützen zu verbieten versucht?

-

Über diese Taten zu lesen macht mich rat- und hilflos: couragierter Mann wird totgeschlagen; Rentner wird halbtot geprügelt; Berufsschüler nutzen ihren Klassenfahrtaufenthalt in München, um Obdachlose und andere wehrlose Personen zu verprügeln; Busfahrer in Berlin sind nicht mehr sicher, weil sie häufig von Jugendlichen drangsaliert werden; Jugendliche verprügeln und töten einen geistig zurückgebliebenen Jugendlichen in Brandenburg (und versenken ihn in irgendeiner Grube); aber was würde helfen?

Wie schwer es einem fällt, bei den Grundrechten zu bleiben! Immer! Und doch nutzen sie nichts, wenn sie nicht immer gelten. Und es nutzt nichts, Verbrecher einfach wegzusperren, auch nicht zum Schutz der Gesellschaft, denn das Wegsperren kostet viel Geld, und es hilft, neue Verbrecher zu produzieren. Und es hilft nichts, jetzt eine sogenannte Kuschelpädagogik anzuprangern, die zu viel Verständnis für die Täter und deren vermutlich schwere Kindheit zeige und zuwenig Erfolge beim Opferschutz zeige.

Man zeige mir einen einzigen Täter, der eine psychologisch zufriedenstellende Kindheit mit Möglichkeiten zur Bildung stabiler Bindungen und Entfaltung evtl. vorhandener Begabungen vorweisen kann, und ich revidiere Teile meines Menschenbildes.

Das Geld, was hintendrein alle ausgeben wollen für 15 statt 10 Jahren Höchststrafe, das kann man auch vornerum ausgeben für vernünftige Prävention. Blöd ist, daß erfolgreiche Prävention und erfolgreiche Resozialisation nach Haftstrafen monetär schlecht meßbar sind. Wie will man eine nicht erfolgte Vergewaltigung, das nicht verkaufte Päckchen Koks, den unausgeräumten Laden denn messen?

Und der Mann in München ist einfach tot, egal was jetzt diskutiert wird. Man hat den Eindruck, daß er alles richtig gemacht hat, daß es ihm aber nichts genützt hat. Wie viele unmeßbare Situationen gibt es eigentlich pro Woche in München, in denen kein couragierter Endvierzier aufsteht und eingreift, sondern die Angegriffenen klaglos das Geld hergeben, was sie so dabeihaben? Auch das eine statistisch unbekannte Größe.