Dienstag, 18. März 2008

Prä

Stellen Sie sich vor, Sie wollen das Vordiplom in Psychologie erringen. Teilziel auf diesem Wege ist eine schriftliche Prüfung in Allgemeiner Psychologie I, vulgo Wahrnehmung und Kognition. Welches der drei Tore wählen Sie?

Tor I

Um sich über Wahrnehmung zu informieren, lesen Sie das Buch "Wahrnehmung" von S. Goldstein sorgfältig, verskripten eigenhändig sämtliche Kapitel und malen alle Abbildungen mindestens einmal ab, um die dargestellten Wahrnehmungsphänomene mental repräsentieren zu können. Das gleiche unternehmen Sie mit dem Buch "Cognition" von R. Sternberg, um sich auf den Kognitionsgebiet schlauzumachen. Selbstredend erledigen Sie diese erfreuliche Pflichtlektüre bereits während des Semesters und parallel zu den eifrig besuchten Vorlesungen bzw. Lektürekursen. In den letzten Wochen vor der Prüfung sitzen Sie mit einer phantastischen Lerngruppe täglich mehrere Stunden zusammen und besprechen ausschließlich Fragen der Kognition bzw. Wahrnehmung. Das Privatleben verkneifen Sie sich für diese Zeit; dafür achten Sie gleichzeitig auch noch auf ausgewogene Kost, mäßige Bewegung und frühen, ausdauernden, erholsamen Schlaf. Schädliche, ablenkende oder sonstwie beschäftigende Einflüsse gibt es nicht bzw. werden von Ihnen nicht wahrgenommen. Sie hören Mozart und lesen zur Erbauung im Taschenbrevier für Psychologiestudierende. Sie halten die ganze Prüfungsvorbereitung für ein gut strukturiertes Nichteinsichtsproblem, das Sie ohne Zweifel mithilfe der means-ends analysis erfolgreich meistern werden. Anschließend, so sagen Sie sich manchmal als kleinen Ausblick auf die kleine Belohnung, die Sie sich zweifelsohne bei aller Askese leisten werden, machen Sie ordentlich einen drauf und trinken eine Holunder-Bionade.

Tor II

Da Sie irgendwann mal so eine Art Lektürekurs für Kognition besucht haben, besitzen Sie immerhin eine zerfledderte Bearbeitungskopie von "Cognition", in der Sie, den zahlreichen Anmerkungen nach, tatsächlich auch schon erheblich herumgelesen haben. Bedauerlicherweise können Sie sich an keine halbe Seite mehr erinnern. Was das Wahrnehmungsbuch angeht, haben Sie irgendwann den passenden Zeitpunkt verpaßt, sich das Buch zu besorgen, und nun ist es auch schon ein bißchen spät dafür. Die Vorlesungen haben Sie teils nicht besucht, weil der alte Mann immer von Aristoteles redete, und teils, weil Sie über eine unwichtige, wiewohl reizvollere, leider aber parallel stattfindende Alternativveranstaltung verfügten. Einige Wochen vorher denken Sie "Oh, ich habe ja nur noch einige Wochen", und tun weiterhin nichts. Immerhin setzen Sie sich mit ein paar Buben hin und beantworten die gesammelten Prüfungsfragen aus der Studienberatung, was aber mehr oder weniger auf ein organisiertes Abtippen der bereits vorhandenen Antwortdateien und -varianten hinauslief. Während die Buben dann brav die Fragen immer wieder durchgehen, lesen Sie eine erste Version eines Manuskripts Korrektur, das nichts mit der Prüfung zu tun hat und was Sie sicher im Blick auf dieselbe hätten verschieben oder ablehnen können. Sie lesen alle Romane von Raymond Chandler, die sich in Ihrem Besitz befinden, und anschließend beginnen Sie endlich Dostojewskis "Idiot", das Sie vor einem halben Jahr zum Geburtstag bekommen und seither nicht mal vor längeren Zugfahrten mit der Kehrseite angeschaut haben. Am Tage vor der Prüfung schlagen Sie sich mit Details Ihrer zukünftigen Hilfskraft-Anstellung herum. Scheinbar zum letzten Wiederholen gehen Sie in die Bibliothek, aber die Buben verwirren Sie mit ihrem Detailwissen, und wenig später sitzen Sie in der Halle auf der Treppe und telephonieren eine Stunde lang mit dem Rockstar und planen das Osterwochenende sowie den Urlaub. Anschließend gehen Sie zwei Stunden lang mit unterschiedlichen Konfidenten in die Mensa und tauschen sich teils darüber aus, daß praktisch niemand sich ernsthaft auf die Prüfung vorbereitet hat und praktisch alle damit rechnen, daß sie durchfallen werden. Infolgedessen fahren Sie frühzeitig nach Hause, ohne auch nur eine Karteikarte auswendiggelernt zu haben, nicht jedoch ohne mit den Mädels einen Moment lang ernsthaft darüber nachgedacht zu haben, ob man abends noch Cocktails trinken gehen soll. Daheim legen Sie Leonard Cohen ein und überlegen sich, ob es wenigstens eine gute Ausrede fürs Nichtlernen gibt, und alles, was Ihnen einfällt, ist Ja.

Tor III

Eine Woche vor der Prüfung rechnen Sie Haben und Soll zusammen und stellen fest, daß Sie das Pensum keinesfalls schaffen können. Flugs gehen Sie zum Prüfungsamt und melden sich wieder von der Prüfung ab, um sich ein entwürdigendes Durchfallen zu ersparen.


Und, wie würden Sie entscheiden?

Kommentare:

niesen hat gesagt…

Mittlerweile: 2.

ipse dixit hat gesagt…

Meistens mit 1 angefangen, bei zwei geendet und zwischendurch an 3 verzweifelt.

Wo bleibt das post?

niesen hat gesagt…

ja echt