Donnerstag, 23. September 2010

Wofür brauchen "Sport"schützen Ballerwaffen?

Amok ist zunächst ein kulturspezifisches psychisches Phänomen in Indonesien und Malaysia und beschreibt eine "willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich destruktiven Verhaltens, gefolgt von Amnesie oder Erschöpfung. Viele Episoden gipfeln im Suizid. Die meisten Ereignisse treten ohne Vorwarnung auf, einigen geht ein Zeitraum mit intensiver Angst und Feindseligkeit voraus (...)" [International Classification of Mental and Behavioural Disorders (ICD-10), German Version, WHO]

Insofern habe ich zwar das Gefühl, dass einige der als solche benannten gar keine "echten" Amokläufe waren, aber wie man es letzten Endes nennt, wenn einer aus dem Haus geht und scheinbar ziel- und wahllos Menschen tötet, ist selbst Begriffsfanatikern wie mir ziemlich egal.

Was mir nicht egal ist, sind die reflexartigen Entgegnungen der ichsachjetzmalvereinfachend Waffenlobby und ihrer Büttel, dass ja nicht die Waffe (oder das Sportschützentum an sich) das Problem sei, sondern der Mensch, der mit der Waffe losgehe und auf andere schieße; außerdem hätten wir ja in Deutschland sowieso das schärfste Waffenrecht auf der Welt, und nur weil sich Einzelpersonen nicht an das geltende Recht halten, komme es zu leider bedauerlichen Zwischenfällen, was aber niemals ein zentrales Einschließen oder gar ein Verbot von "Sport"waffen rechtfertigen könne. Typisch Deutschland, so ist auch oft zu lesen, immer alles verbieten, nicht mal "Sport" dürfe man treiben, in der Gemeinschaft, usw.

Ich bin ganz klar positioniert: Schießen ist kein Sport. Alles, was über Luftdruckwaffen hinausgeht, gehört für den zivilen Bereich verboten. Wer sich darin üben will, auf eine Scheibe mit aufgemalten Kreisen zu schießen, kann das sehr gut mit einem Luftgewehr tun. Ich habe das selbst einmal ausprobiert und habe festgestellt, dass das funktioniert. Wer Sport treiben will um des Sportes willen, kann auch Mitglied in einem der gefühlten 132.000 Sportvereine in Deutschland werden, die sich so praktischen Tätigkeiten wie Laufen, Schwimmen oder Kanufahren widmen.

Natürlich gibt es Millionen "Sport"schützen in diesem Land, die noch nicht Amok gelaufen sind oder auch nur ihre krebskranke Katze erschossen haben, um die Einschläferungskosten zu sparen.

Wenn jemand, der psychisch gestört ist und infolgedessen Rachegefühle hat, die in die Tat umgesetzt werden wollen, dann kann er sich im Normalfall ein Küchenmesser schnappen und damit losziehen. Ganz schöne Sauerei. Oder er schubst jemanden vor die U-Bahn. Das hat es in Berlin tatsächlich mal gegeben, und niemand ist auf die Idee gekommen, deswegen die U-Bahn abzuschaffen. Es ist aber gar nicht so einfach, sehr viele Menschen auf einmal zu töten, wenn man weder Sprengstoff noch Schusswaffen hat. Und anders als viele "Sport"schützen in diversen Leserbriefen behaupten ist es auch nicht ganz leicht, illegal an eine Schusswaffe zu kommen. Vor allem geht es nicht schnell, was impulsive Taten ausschließt. Aber waren denn die "Amokläufe" in den Schulen impulsiv? Eher nicht, insbesondere der Erfurter Täter hatte seine Tat geplant und nahezu inszeniert. Es plant sich aber leichter, wenn man schon weiß, dass die Waffe in Reichweite herumliegt. Zum Beispiel bei Papa im Schlafzimmerschrank.

Die aktuell besprochene Täterin ist nun wieder keine typische Amokläuferin, einfach schon weil sie weiblich, gebildet, nicht benachteiligt und angeblich nicht psychisch krank gewesen ist. Interessanterweise halte ich ihre Tat auch nicht für einen typischen Amoklauf, sondern eher für eine typische und tragische Beziehungstat. Aber wäre sie mit dem Küchenmesser noch ins Krankenhaus rübergelaufen? Und schafft es eine gewöhnliche Frau überhaupt, einen gewöhnlichen Mann, wenn der jetzt nicht gerade im Tiefschlaf ist, mit einem Messer einfach so umzubringen? Schusswaffen verkehren die Kräfteverhältnisse, einer gegen viele, Schwache gegen Starke.

Ein Kommentar, der die Sachlage mit all den legalen Waffen gut wiedergibt, beschrieb, wie ein Ehepaar abends auf dem Sofa sitzt und überlegt, ob es - rein theoretisch - morgen "einfach mal so" Amok laufen könnte. Antwort: Nein. Keine eigenen Waffen, keine Bekannten, die welche haben, usw. Bei Millionen Sportschützen im Lande ist das wahrscheinlich schon der unwahrscheinliche Zufall. Eher kennt man immer irgendjemanden mit 'ner Knarre. Schlimmstenfalls den eigenen Vater, der aus dubiosen Gründen heraus glaubt, seine Familie jede Nacht mit der Kanone unterm Kopfkissen vor Einbrechern oder der Roten Armee schützen zu müssen.

Jede Schusswaffe ist eine zuviel. Wenn die Schützenvereine nicht willens sind, in ihren Schießanlagen für eine ordnungsgemäße Sicherung der "Sport"waffen zu sorgen, muss die "Sport"schießerei eben abgeschafft werden. Im Einzelfall ist das vielleicht dramatisch, weil man kurz vor der Qualifikation zur Europameisterschaft im Ballern steht und dann nicht mehr üben kann. Der Einzelfall des unbeteiligten Getöteten ist sicherlich mindestens gleichwertig dramatisch.

Es hat vereinzelt Amokläufe ohne Schusswaffen gegeben, zum Beispiel Personen, die mit Autos in Menschenmengen rasen, oder der Messerstecher während der Eröffnung des Hauptbahnhofs in Berlin. Es liegt für mich aber auf der Hand, dass wir wegen des Risikos eines Tötungsdeliktes nicht auf das Zerschneiden von Zwiebeln verzichten können, und wenn aus der Tatsache der impliziten Tödlichkeit von Automobilen überhaupt ein Schluss zu ziehen ist, dann sollte man das Tempolimit auf den Autobahnen endlich einführen, damit könnte man wirklich mehr Leben retten als die 60, die in den vergangenen 15 Jahren durch Missbrauch von "Sport"waffen umgekommen sind.

Ich glaube ja nicht mal, dass es sich in Deutschland um eine "Waffenlobby" handelt. Es ist eher so eine typisch deutsche Vereinslobby, die in ihrem Gebaren extrem unwichtig (was interessiert es, was Leute in ihrer Freizeit so treiben?), in den Folgen ihrer Lobbyarbeit aber offensichtlich erheblich erfolgreich sind.

Sonntag, 22. August 2010

bilder update

 

Vater und Sohn während des Finales der Juniorinnen-Fußballweltmeisterschaft in, ja, in Bielefeld, auf der ausverkauften Alm.

Die Leute von der FH hatten sich für das Pausenprogramm wirklich mächtig ins Zeug gelegt, aber beim Drucken des Erdballs hat der Praktikant offensichtlich den Unterschied zwischen Positiv und Negativ nicht verstanden.


Hier zeigen die südkoreanischen Juniorinnen, wie man sich angemessen über einen dritten Platz freut.


Nach dem gewonnenen Finale gegen die nigerianischen Juniorinnen tanzen die deutschen Nationalspielerinnen quasi um die Eckfahne und feiern sich selbst.

Die aktuelle Brandmauer vom Tacheles mit einem sehr schönen Motiv, das bereits mein Mobiltelephon als Startbildschirm verziert, und einem schlauen Plakat von den Grünen ("Vor der Mauer, nach der Mauer, schickt der Staat die Wanzen.")

Currywurst und Schmapus, das ist das unausgesprochene Motto dieser Wurstbude im S-Bahnhof Friedrichstraße. Die Currywurst ist übrigens ausgesprochen lecker, und der Schampussah so aus, als würde er nicht nur aus Spaß auf der Karte (und im Kühlregal) stehen.


Die Blümchenwiese "Airport" zu nennen, zeugt durchaus von ganz und gar unwestfälischem Selbstverständnis. Auch täuscht die relative Größe des Flugzeugs auf dem Piktogramm über die tatsächlichen Kapazitäten von Bielefeld Aeroporto hinweg. Immerhin ist die Startbahn betoniert. Weiteres Bildmaterial vom Flugplatzfest, daß ein derart vor Selbstbewußtsein nur strotzender Flugplatz selbstredend zum selben Termin stattfindet wie das Fest des doch etwas größeren Flughafens Paderborn-Lippstadt, folgt separat.

Freitag, 6. August 2010

Unwürdig

wie die Stadt Duisburg mit den Fragen nach Schuld und Verantwortung für das Unglück auf der Loveparade umgeht.

Jetzt, wo zum Beispiel der ZEIT der komplette Plan vorliegt, kann man genau sehen, daß Stadt und Veranstalter verschiedentlich manipuliert haben, um die Veranstaltung irgendwie genehmigt zu bekommen. Dabei wurden unter anderem nach außen völlig andere erwartete Besucherzahlen (eine zu geringe Zahl könnte der LP immensen Schaden zufügen) kommuniziert, als intern für die Berechnung der Fluchtwege usw. verwendet wurden. Und trotzdem konnte der Veranstalter nur 155 Meter breite Fluchtwege vorweisen, wo es mindestens 500 hätten sein müssen. Die Verwaltung konnte doch das Fluchtwegproblem nicht dem Veranstalter allein überlassen, wo doch der OB die Loveparade unbedingt wollte.

Der komplette und sehr lesenswerte Text findet sich hier.

Statt konstruktiv an der Aufklärung der Vorfälle mitzuarbeiten, hüllt sich die Stadt in empörtes Schweigen bzw. der OB in Polizeischutz, und gibt ein parteiliches Gutachten in Auftrag, das überraschenderweise die Stadt völlig freispricht und den Schwarzen Peter der pöhsen Polizei zuspielt, die ja schließlich mit drei Polizeiautos auf der Rampe gestanden und damit die Fluchtwege noch enger gemacht habe - deren Enge ja erst durch die ordnungswidrige Genehmigung durch die Stadt möglich wurde! Außerdem kann jeder Vollidiot auf den zahlreichen Bildern erkennen, daß es an der Stelle, der die Polizeiautos stehen, gar kein Gedränge gab.

Dieses Duisburger Schmierentheater zeigt in konsistenter Folge, wie geil die Stadt im Vorfeld auf das Megaevent war, wie erfolgreich im Zuge dessen Warnungen in den Wind geschlagen wurden, um ein "zweites Bochum" zu verhindern, und wie in geradezu menschenverachtender Skrupellosigkeit alles, was man über Massenveranstaltungen weiß, über Bord geworfen wurde. Und nun, nach einem Unglück mit 21 Toten und mehr als 500 Verletzten, setzen sich Zynismus und Verachtung fort, in peinlicher Tateinheit mit Ablehnung von Eigenverantwortung nach getroffenen Entscheidungen.

Wahrscheinlich wird es strafrechtlich keinen treffen, da es keine Kollektivschuld gibt. Umso unwürdiger der Eiertanz der Stadt Duisburg, persönliche Verantwortlichkeiten nicht aufzuklären. Natürlich ist die Stadt Duisburg verantwortlich für den Ausgang von Veranstaltungen, deren Durchführung sie genehmigt. Sonst könnten wir uns die gesamte Genehmigerei auch sparen, und jeder läßt die Puppen tanzen wie er will. Merkwürdig, daß das niemandem auffällt. Eher ist jetzt schon von einer Hetzjagd auf den OB die Rede, dabei soll er doch einfach nur seinen Mann stehen für das, was er zu verantworten hat.

Wasch mir den Pelz (Bring mir Ruhm und Ehre mit der Loveparade), aber mach mich nicht naß (wenns schiefgeht, hab ich nichts damit zu tun).

Unwürdig ist das vor allem den Opfern gegenüber.

Dienstag, 27. Juli 2010

Nachtrag

http://juliasloveparade.blog.de/2010/07/25/verstehe-9037707/

Heute im Bildblog verlinkt gewesen.

Präziser kann ein junges Mädchen ein traumatisierendes Erlebnis kaum beschreiben.

Sonntag, 25. Juli 2010

Ich glaube nicht, was ich sehe



Seit 2006 findet die Loveparade nicht mehr in Berlin statt, unter anderem wegen der Nichtbewältigbarkeit der Menschenmengen und der nicht finanzierbaren Folgekosten. (Ich bin mal zufällig am Tag nach einer Loveparade durch den Tiergarten geradelt... puh!) Die beiden obigen Bilder, die ich bei tweetphoto geklaut habe, zeigens aber deutlich, daß es nicht das mangelhafte Fluchtwegkonzept gewesen sein kann, weswegen es in Berlin keine Genehmigung gab [alles in der fabelhaften Wikipedia nachzulesen]. In Berlin konnte man die Veranstaltung jederzeit verlassen.

Wenn das Sicherheitskonzept in Duisburg so versagt haben sollte, wie es die ersten Hinweise nahelegen, wird diese Katastrophe ähnlich in die Annalen eingehen wie seinerzeit Ramstein, und zu neuen Vorschriften bei Massenveranstaltungen führen.

Daß überhaupt jemand mit einem Schulabschluß höher als sechste Klasse ernsthaft angenommen hat, durch eine Bahnunterführung wie die Karl-Lehr-Straße in Duisburg die Teilnehmer einer Massenveranstaltung schleusen zu können (hin und wieder zurück!), verwundert mich allerdings schon. Da hätte es ja schon gereicht, daß einer ganz normal in Ohnmacht gefallen wäre, um eine Panik auszulösen.

Jetzt wird es wohl keine Loveparade mehr geben, und ich würde es begrüßen, wenn es nicht aus so einem tragischen Grund geschähe.

Donnerstag, 15. Juli 2010

best words zum Thema ICE

Man soll sich nichts vormachen, dieser Planet ist nicht der richtige für die Ingenieure von Siemens. Er hat ein Klima und eine unverschämte Schwerkraft, damit konnte man wirklich nicht rechnen.

Sagt ein wortgewaltiger Kommentator auf ZEITonline.

Quasi die moderne Version von "Wie heißen die vier Feinde der Deutschen Reichsbahn? -Frühling, Sommer, Herbst und Winter!"

Die versammelten Skandale um weiche Radwellen, die Berliner S-Bahn und das systematische Sparen an Wartung, Personal und Ersatzzügen zeigen doch deutlich, daß eine Privatisierung den ureigenen Interessen eines öffentlichen Fernverkehrs auf Schienen zuwiederläuft... warum funktioniert es in der Schweiz so gut und hier so schlecht?

Montag, 12. Juli 2010

kontra

Wenn man die Kommentare zu derzeitigen Publikationen über den Koalitionsvertrag der zukünftigen Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen (mein derzeitiges Heimatland) liest, bekommt man tatsächlich den Eindruck, daß man es bestimmten Personen einfach nicht recht machen kann.

- Hannelore Kraft hatte zwar keine gute Ausgangslage, weil sie fast alles, inklusive der jetzt doch zustandekommenden Minderheitsregierung, ausgeschlossen hatte, und das wenige, das sie nicht ausgeschlossen hatte, war durch die entsprechenden hypothetischen Koalitionspartner ausgeschlossen worden (z.B. Jamaika).

- Jürgen Rüttgers trat nach der doch deutlichen Wahlniederlage zunächst doch nicht zurück, um später dann doch von allen Ämtern zurückzutreten... von fast allen. Das Mandat behält er natürlich trotzdem.

- Jürgen Rüttgers hat sich einerseits alle Mühe gegeben, den Anspruch der CDU auf das Ministerpräsidentenamt mit den 6000 Stimmen Vorsprung, die sich freilich nicht in einem einzigen Sitz Mehrheit niederschlugen, geltend zu machen. Andererseits erwarte ich vom sich selbst als solchen empfindenden Mehrheitseigner, daß er sich bitteschön selber um entsprechende Regierungskoalitionen bemüht. Das ist nicht geschehen.

- Hannelore Kraft hat sich alle Mühe gegeben, ihre Wahlversprechen einzuhalten und nicht in die sogenannte Ypsilanti-Falle zu laufen. Stets versicherte sie sich des Rückhalts durch Bundespartei und Basis. Trotzdem wird ihr Machtgeilheit und Postenversessenheit vorgeworfen, und zwar in unverschämtem und polemisierendem Ton.

- Als Hannelore Kraft noch aus der Opposition heraus mit faktischen Mehrheiten im Landtag auf demokratisch geradezu vorbildliche Weise ( = kein Fraktionszwang) die amtierende Regierung zwingen wollte, Landtagsbeschlüsse umzusetzen, wurde ihr vorgeworfen, sie würde die Interessen des Landes zugunsten eigener Eitelkeiten und aus Angst vor Neuwahlen opfern.

- Kommentatoren benutzen häufig, um die weibliche Doppelspitze der künftigen Minderheitsregierung zu benennnen, die Phrase "die beiden Damen", was natürlich sofort an Kaffeekränzchen im Café Kranzler anmutet.

Ich freue mich darüber, in einem Bundesland zu wohnen, welches mutige Damen beherbergt, welche nach Äonen autokratisch-patriacharlich geführter Altherrenregierungen (Rau, Clement, Rüttgers) gleich zu zweit eine Minderheitsregierung stemmen wollen. Ob es klappt, kann man nicht wissen, aber das es sonst auch keine handlungsfähige Regierung gäbe, weiß man jetzt schon. Außerdem gehöre ich zu den fatalistisch-ergebenen Leuten, die glauben, die wahre und mich betreffende Politik finde ohnehin nicht mehr im Parlament statt (falls sie sich da jemals befunden habe), sondern auf Lobbybanketts und hinter zugezogener, gepolsterter Tür. Insofern ist es natürlich auch egal, ob sich das Frauenkonvolut in Düsseldorf irgendwie durchsetzen kann.

Sonntag, 4. Juli 2010

Am Ende eines langen Tages, oder war es Jahrtausends:

der Satz des Tages:

Ach, Sie schließen schon um Mitternacht?

Und auf die gegen 23:50 Uhr ob des Satzes relativ entgleisten Gesichter entgegnete das Intelligenzbündel: Naja, für Euch ist das ein bißchen doof. Aber ich bin ja schließlich gerade erst in die Stadt gekommen.

Zwei andere bemerkten ungeniert zueinander, ohne die Kassiererin in das Gespräch miteinzubeziehen, wie toll das wär, das könnt's jeden Abend geben. Einfach nach der Arbeit noch bißchen bei H&M shoppen. Da war es dann schon 24:00 Uhr, und eine ganze sozial und human unkompatible Gang war einfach nicht aus dem Laden zu bringen.

Gut, wenn man dann von der Einzigen abgeholt wird und genüßlich auf dem Balkon dahindämmern und den Lauten des Halbfinaleinzugs lauschen kann. Und auch wieder Luft kriegt, weil Starkregen zwischenzeitlich fiel. Und sich an der Erinnerung ans Viertelfinale labt.

Samstag, 3. Juli 2010

Jahnplatz, 19:02 MEZ


Für Nicht-Bielefelder: Das ist der zentrale Platz in der Innenstadt. Für ein 4:0 gegen Argentinien durchaus angemessen!

Sonntag, 27. Juni 2010

Das gab's noch nie:

Bißchen verwischt, aber noch zu sehen.
Infolge der Logik des Magischen Denkens muß ich jetzt natürlich bei jedem weiteren Spiel angemalt werden, und schauen müssen wir im Casa, wo sonst?

Einmal im Leben Erste sein! Von allen!

Aber den Professor werde ich wohl wieder vorlassen müssen... habe noch eine Prüfung bei dem.

Dienstag, 1. Juni 2010

Ach,

und H.K. nun auch.

Ja, hat es euch alle nun gebissen? Ihr wart doch sonst immer standfest bis fast ins Grab in euern Ämtern!

Und schon lobt man auf der zeit.de fast den andern K., daß er wenigstens einen Plan gehabt zu haben schien, wobei mir nicht klar wird, warum das ein Verdienst ist; eine beleidigte Leberwurst, wenn auch erst kurz nach der NRW-Wahl, schien er ja auch zu sein.

Der andere H.K. ist jedenfalls niemals zurückgetreten, aber er hätte es wirklich bitter nötig gehabt.

Mittwoch, 26. Mai 2010

The Orbit of Steinhude Ocean

Steinhude Ocean

The Magic Sisters at Steinhude Ocean. Beeindruckendes Gewässer für jemanden, der seit drei- bzw. zweieinhalb Jahren in Bielefeld lebt, aber für welche, die früher auf den Gewässern des Berliner Südostens und entsprechend angrenzenden brandenburgischen Seen großgeworden sind, nur mäßig beeindruckend. Groß zwar, immerhin, aber drumherum ist nüscht weiter. Das Aalbrötchenparadies Steinhude sucht indessen eh seinesgleichen vergeblich. Der Aal wird wohl aus Holland herbeigeschafft. Auf dem See, pardon: Meer, gibt es soviele Boote, daß sie nicht alle gleichzeitig ablegen dürfen, denn dann wäre kein Platz mehr zum Segeln. 

Hier eine Ansicht von einem der vielen Bootsanleger. Geübte und bebrillte Augen werden rechts die aufgeslipten Katamarane erkennen.

Aber natürlich fragt man sich: Wie machen das die Niedersachsen, bzw. in diesem Falle wohl vor allem die Ostfalen, mit dem vielen Wasser in dieser ansonsten wasserarmen Gegend? Wir haben es herausgefunden: mit WasserWERKEN - fast genial! Das sollte man den Bielefeldern mal stecken! Nicht Untersee, nicht Johannisbach weiter aufstauen, sondern einfach mal ein WASSERwerk bauen!


Auch ansonsten bedienen die emsigen Niedersachsen jedes Klischee: Abgesehen von Kanalüberquerungen ist es sehr flach, und an allen Ecken blüht und duftet der Raps. Eine Windmühle bekamen wir ebenso zu sehen wie die Einflugschneisenlichter des Fliegerhorsts Wunstorf. Große schwarze Schafe weideten auf kleinen Feldern. Überall Pferde. Überall andere Menschen, die ebenfalls Teilstrecken des Steinhuder Orbits per pedales zu bewältigen trachteten. Alleen, wie ich sie im Westen für längst ausgestorben und fadenscheinigen Präventionsmaßnahmen zum Opfer gefallen gehalten hatte (ich verweise hier auf das großartige Pamphlet "Die springenden Alleebäume" von Herbert Rosendorfer), und die mit fast autobahnartigen Radwegen versehen sind.

Wie gesagt, der Mittellandkanal fordert allein echten Tribut vom Flachlandradler. Das Photo ist unscharf, weil noch während des Fahrens geschossen. Oder weil der Organismus vom Anstieg überfordert war.

Photographisch nun gar nicht eingefangen ist der große Kaliberg unweit des Meeres. Den umrundet man nämlich quasi auch, also nicht tatsächlich, da er ungefähr neben dem See liegt, aber man sieht ihn doch aus verschiedenen Richtungen die ganze Zeit lang. Mit dem Handy ist so ein weit entfernt liegendes Objekt schlecht zu fassen, daher habe ich mir von der offiziellen Steinhude Ocean Website legal ein Photo des Kalimanscharos heruntergeladen:

Am Tag der Aufnahme spuckte offensichtlich gerade niemand Asche oder dergleichen durch die Stratosphäre.

Dienstag, 25. Mai 2010

Immerhin:

die einfaktorielle Varianzanalyse samt Einzelvergleiche und Trendtests scheint verstanden. Als großen Fortschritt gegenüber dem Grundstudium kann ich das allerdings nicht empfinden.

Zu Pfingsten waren die Geschenke wie üblich am geringsten, aber Wetter und Stimmung immerhin eher gut. Und nach langen Wochen konnte man endlich abends wieder auf dem Sigi sitzen (wobei es sofort gar nicht kalt wurde - ganz im Gegensatz zu heute, wo es, trotz inzwischen stattgehabter Eisheiiger, örtlichen Bodenfrost angesagt gibt. Die Tomaten stehen nunmehr fachfraulich umgetopft draußen, komme was wolle. Photos folgen vielleicht ebenso wie eine Bildreportage von unserem Fahrradausflug rund um Steinhude Ocean.

Sonntag, 16. Mai 2010

An deutschen Dreiecken

 'Ne komische Art, ihre Bagger abzustellen, haben die in Koblenz aber schon, muß man sagen.



Demnächst ist nunmal BUGA in Koblenz, und da wird die Stadt noch ordentlich aufgehübscht - als wenn sie es nötig hätte. Dabei zeigt sie sich mit erstklassigen alten Häusern und Gassen, zahlreichen Festungen bzw. Schlössern sowie zwei absolut vorbildlichen Flüssen von einer denkbar guten Seite. Umrahmt wird das ganze von Weinbergen. Eins A, muß man sagen. Und da, wo die - na, wer hätte es gewußt? - Mosel in den Rhein fließt, gibt es das Deutsche Eck mit Reiterstandbild und Zweitfigur. Zunächst aber die Pforte des Rheinmuseums mit Hochwasserstandsanzeiger.

Gegenüber vom Deutschen Eck und für die BUGA dann per exklusiver Gebirgsseilbahn erreichbar liegt die Festung. Da kann man ganz leger an den keuchenden Spaziergängern vorbei mit dem Auto hochfahren. Oben gibt es ein wiederum vorbildlich unter blühende Kastanien gelagertes Restaurant nebst Aussicht. Die muß sich der Leser jetzt aber anhand des folgenden Bildes, das von gegenüber aufgenommen wurde, vorstellen, weil die Verfasserin da oben dem analogen Gerät den Vorzug gab.

Wie man auf dem obigen Bild gut sehen kann, hat ja der Rhein so gut wie überhaupt keine Strömung! Vor allem verglichen mit der Spree. Nun aber das Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm, der ja 1871 usw. nicht nur eigenhändig sämtliche verfügbaren Franzosen und obendrein Österreicher besiegte, sondern auch das Reich einte. Nun denn. Wer die Zweitperson am Pferd ist, ließ sich nicht feststellen. Vielleicht der Stallknecht.

Als weitere Attraktion, um etwas von der nun doch etwas völkischen Deutschtümelei abzulenken, stehen an den Kanten des deutschen Dreiecks die Fahnen sämtlicher verfügbarer Bundesländer aufgereiht und wehen im strammen Wind des Rheintals. Hier ein besonders schönes Exemplar:

In der furchtbar häßlichen und ekelhaften Altsadt habe ich keine Bilder gemacht, um den Photochip zu schonen. Alte Häuser, bepflasterte Plätze mit gastronomischen Sitzgelegenheiten, hausgemachte Eise, bäh! Dann war auch noch schönes Wetter, fast so schön wie das Wetter Ende März im frostgebeutelten Berlin! Da fährt man lieber raus ins Grüne und bestaunt Rot-, Schwarz- und Damwild im Wildgatter und gleichzeitig völlig genervte Familien auf Sonntagsausflug.

Also, Koblenz ist eine Reise wert. Wenn man dann auch noch luxuriös untergebracht ist in einer großen und so hoch gelegenen Altbauwohnung mit Balkon, daß man direkt auf den Rhein und das gegenüber gelagerte Spaßbad gucken kann, sollte man gleich länger bleiben, vor allem wenn der besagte Balkon mit einem Gasgrill ausgestattet ist...

Das spezifisch "deutsche" am Deutschen Eck besteht übrigens eher in der Tatsache, daß auf diesem durch den Moseleingang gebildeten Dreieck einst das Deutschordenhaus stand (heute ja irgendwie immer noch) (oder so ähnlich). Schön auch, wenn sich Halbwüchsige, nachdem sie sich aus den Kindersitzen geschält haben, an die Mündung stürzen und rufen "Der Rhein!", "Der Main!" Oder wenn Väter im Wildgatter zum Nachwuchs sagen, daß der Hirsch der Mann vom Reh sei.

Mittwoch, 12. Mai 2010

Link bitte benutzen und eine halbe Stunde Zeit nehmen

(auch wenn's Spiegel ist)

Ich bin sicher kein großer Fan von Angela Merkel, aber schon seit langem eine Bewunderin der Reportagen von Alexander Osang, und dieses nicht einmal besonders aktuelle, aber dennoch lesenswerte Beispiel steht beispielhaft für sein Können, für das er deswegen nicht den Nannen-Preis bekommen hat, weil er ihn schonmal bekommen hatte.

Samstag, 8. Mai 2010

Schöne Dinge:

Ich habe mir gerade einen Handtaschen-Organizer bestellt, der extra nach meinen Wünschen angefertigt wurde. Nun fragen sich die Leser wahrscheinlich, was ist das überhaupt, ein Handtaschen-Organzier? Und was will die Sonne damit, wo sie doch nicht mal eine Handtasche hat?

Es handelt sich ursprünglich dabei um ein Lufthansa-Schicksen-Accessoire, welches für die Aufnahme von Parfümfläschchen, Lippen- und Abdeckstift sowie Mont-Blanc-Füller gedacht ist, damit man beim Handtaschenwechsel nicht immer das ganz original Damengerümpel in der einen Tasche zusammensuchen und in die andere Tasche transferieren muß, wobei man natürlich die Hälfte nicht fünde und infolgedessen vergüße.

Dem Schicksen- und somit Handtaschentum bin ich ja weitestmöglichst abhold, aber mehrere Taschen habe ich dennoch in Gebrauch. Somit ist prinzipiell gegen eine Transfervereinfachung für das auch bei mir vorhandene Gerümpel nichts einzuwenden, wenn das Design stimmt.

Und voilá:

http://de.dawanda.com/product/10101902-RESERVIERT-Organizer-fuer-die-Handtasche

Man folge dem Link, denn die Bilder können (wahrscheinlich aus gutem Grund) nicht ohne weiteres kopiert werden. Insbesondere möchte ich dabei den Shop wortmeer für die freundliche Kommunikation und das ausgedehnte Eingehen auf Extrawünsche sowie die schnelle Bearbeitung loben und entsprechend weiterempfehlen.

Mittwoch, 5. Mai 2010

Leider ist ja schon wieder Wahl

Also, so intensiv habe ich meinen staatsbürgerlichen Pflichten noch nie nachgehen müssen! Es ist noch kein Jahr her, daß ein neues SubventionsverschwendungsgremiumEuropaparlament gewählt werden wollte, und nach schlappen Oberbürgermeister-, Kommunal- und Bundestagswahlen folgt nun die Landtagswahl. Eigentlich wollte ich ja, wie immer, wenn ich einen Landtag bzw. ein Abgeordnetenhaus wählen darf, ankreuzen und verschwinden, aber da in Bethel händeringend Neuropsychologinnen gesucht werden, deren einzige Qualifikation offensichtlich in dem Mut besteht, sich selbst als eine solche zu bezeichnen, werde ich vielleicht doch länger als geplant mit den Folgen meiner folgenreichen Stimmenabgabe leben müssen. Mist! Ich meine, wenn sogar die CDU mit Rot-Rot-Grün droht, obwohl sie dann ja selber gar nicht mitspielen könnte, dann scheint ja was dran zu sein.

Es ist also mal wieder Wahlkampf. Etwas wahlkampfdröge scheint der sonst auch dröge Ostwestfale durchaus zu sein. So hielt es Nerv-Matze (Name geändert) heute für angebracht, auf die demnächst anstehende Wahl hinzuweisen, woraufhin einige der anwesenden Studenten tatsächlich "Echt?" machten. Wenn man sich den ebenfalls von Wahldrögität geprägten Wahlkampf ernsthaft anguckt, muß einen tatsächlich das Grübeln anfallen.

Gucken wir doch einmal genau hin (erstmal ausm Kopp):

CDU. Sommer, Zähne, das unvermeidliche Wort Kompetenz. Kompetenz entscheidet, heißt es so schön. Gut, aber daß die CDU den Wählern tatsächlich Kompetenz zuspricht, ist neu. Daß sie selber kompetent ist, hat sie ja im Falle des benachbarten Bundestagskandidaten mit dem gekauften Doktortitel zur Genüge bewiesen - auffliegen durfte das erst, nachdem die letzte Anfechtungsfrist verstrichen war. Sonst, außer der nicht näher bezeichneten Kompetenz, hat die CDU nichts inhaltliches zu vermelden. Unter Photos von Rüttgers steht allen Ernstes Unser Ministerpräsident geschrieben. Dafür wird, was das verfeindete politische Lager betrifft, das Wort Wahlkampf durchaus ernst genommen. So stand beispielsweise einige Tage lang vor einem größeren Schulkomplex neben der Alm, wo ich mit dem Fahrrad langkomme, ein in rot gehaltenes Plakat mit der Aufschrift Diese Schule wird geschlossen (und dann ganz klein) - wenn Rot-rot regiert. Die Linkspartei will die Einheitsschule. Da diese durchsichtige polemische Aktion (die an inhaltlichem Quark kaum zu überbieten ist - lösen sich die Schüler denn nach der Einführung von Gemeinschaftsschulen in Luft auf?) offensichtlich auch woanders als nur bei mir Argwohn hervorrief, sind die schönen Schilder inzwischen entfernt. Insgesamt scheint die CDU jedenfalls einer möglichen Rot-rot-grün-Konstellation mehr Chancen einzuräumen als die entsprechend beteiligten Parteien selbst. Der beste Slogan ist allerdings NRW muß stabil bleiben. Ja, dieses von Unsicherheit und innerer Zerrissenheit geprägte Land droht tatsächlich auseinanderzubrechen! Guerillakämpfer bereiten den Aufstand vor, Partisanen werden in versteckten Winkeln des Teutoburger Waldes auf eine neue Varusschlacht vorbereitet, Zivilisten beginnen Nahrungsmittel zu bunkern!

SPD. Diese jedenfalls werben nicht offen mit Wenn wir erstmal mit den Müslis und den Stalinisten paktieren, lösen wir die CDU auf und verstaatlichen das Parteivermögen - dürfte sich vermutlich lohnen. Eher steht Frau Kraft auf den Photos herum und lächelt, um ihre Kernkompetenz zu demonstrieren. Bei Frauen ist ja auch wichtig, daß sie dekorativ aussehen. Mehr hat Frau Kraft jedenfalls nicht mitzuteilen.

Grüne. Der grüne Direktbewerber und aussichtsreiche Listenkandidat M.B. ist mir persönlich aus rotweinschwangeren Anlässen im Zusammenhang mit dem Konfidenten bekannt. Insofern kenne und schätze ich ihn als intelligenten und eloquenten Zeitgenossen mit wilder Frisur. Daß er auf den Photos spitzbübisch-lieb aussieht wie der vielzitierte Wunsch-Schwiegersohn, ist ihm sicherlich nicht persönlich anzulasten. Allerdings hatte er sich für die Photos offensichtlich rasiert gehabt. Für was für eine Politik er allerdings demnächst im Landtag zu stehen wünscht, ist den Plakaten gleichfalls nicht zu entnehmen - außer der schön-leeren Phrase Für ein kreatives NRW. Na, dann prost!

Linke. Gregor Gysi war hier, Sahra Wagenknecht trug ihren Dutt um den Siegfriedplatz herum spazieren, und einer der linken Direktkandidaten ist gegen den Uni/FH-Ausbau auf der Langen Lage, weil... naja, wie sollen denn die Studenten da alle hinkommen? Und außerdem ist ja sonst keiner richtig dagegen. Weiters wird auf Plakaten die Entmachtung von E.on und noch wem verlangt, auch nett. Verstaatlichung der Schlüsselindustrien hieß das früher, und ich bin linke Bazille genug, um solche Forderungen für sinnvoll und notwendig zu halten. Andererseits bin ich nicht mehr 16 und habe meine Zweifel, daß auf NRW-Ebene so eine Entmachtung problemlos vonstatten ginge. Bemerkenswert an den Linken ist überhaupt die Tatsache, daß es sie nun auch in hiesigen Gefilden gibt.

Büso. In gewohnt unlogischer Berichterstattung verbreitet die Politsekte die Botschaft vom Heil des Transrapid und der Atomkraftwerke und labt sich an den griechischen Verhältnissen, denn den Euro wollten die LaRouche-Spezialisten sowieso wieder abschaffen. Zur Debatte tragen sie nicht bei, aber die teuren und überflüssigen Flyer müssen nun wieder von einem ebenfalls teuren, aber keinesfalls überflüssigen Hausmeister unten zusammengefegt werden.

Violette. Die haben nur paar Laternenbeschriftungen aufgehängt. Die sind reiner Geist, die fallen nicht ins Gewicht.

Fehlt noch wer?

Ach, die Partei der pickelnarbigen Schwuppen - sind die überhaupt mit dabei? Wollen die denn mitregieren? Haben die's nicht mehr nötig, auf sich aufmerksam zu machen? Auf dem Wahlzettel sind keine Bilder!

Im Grunde könnte es wie in Hessen ganz banal werden - Studiengebühren werden abgewählt. Wer weiß? Vielleicht wird die Bundesregierung abgestraft - übrigens einer der Gründe, warum ich das Landtagswahlenkonzept für komplett idiotisch halte. (Das Landtagskonzept übrigens auch, wie auch den Rest des Bundeslandkonzeptes.)

Wenn man sich den optischen Wahlkampf so anschaut, würde es mich nicht wundern, wenn die Wahlbeteiligung unter 30% liegen wird. Es ist ja nicht der Hauch einer Debatte über Inhalte und Ziele zu spüren.

Ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha

Well done, taz. 

Und gut, daß ihr durchgehalten und durchgezogen habt!

Habe den Spot übrigens seinerzeit wirklich im Kino gesehen - was einem statistischen Wunder gleichkommt, so oft wie ich ins Kino gehe! Und habe mich totgelacht. Und womit? - Mit Recht. Eben.

Mittwoch, 21. April 2010

Kann ich's glauben?


Nach 17 Jahren Widerstand verzichtet die Bundeswehr nicht nur auf den geplanten Bombenabwurfplatz, sondern auf den gesamten Bundeswehrstandort in der Wittstocker Heide.

Puh.

Vielleicht glaube ich doch noch irgendwann an die demokratisch legitimierte Macht des Volkes.

Dienstag, 20. April 2010

Soll ich oder soll ich nicht?

Was zur Aschewolke schreiben, meine ich. Es haben ja alle schon was dazu gesagt, mehrmals täglich. Auf der Onlineseite der Süddeutschen Zeitung gibt es einen Online-Ticker zum aktuellen Stand der Dinge. Auch sind alle Meinungen vertreten, von so ein übertriebener Quatsch, bei so einem bißchen Asche den Flugverkehr komplett lahmzulegen  bis zu wie schön, diese Besinnung, die sich von alleine einfach nicht einstellen will und die uns die Natur jetzt quasi aufzwingt. Im Onlineangebot der Süddeutschen liest sich das Geschehen wie Frontberichterstattung.

Also schreibe ich:

In Bielefeld merkt man den Unterschied in punkto Fluglärm nicht besonders, da es hier sonst auch kaum welchen gibt; im übrigen gab es aber praktisch keine Kondensstreifen am sonst makellos blauen Himmel der letzten Tage.

Was eigentlich, wenn der ungewöhnlich klare, blaue Himmel mit dem massiven und ausgedehnten Flugverbot zusammenhängt? Wer mir jetzt einen Vogel zeigen möchte, halte kurz inne und bedenke den Gedanken - schließlich wird auch ernsthaft ein Zusammenhang zwischen dem in der Woche stärkeren Individualverkehr und dem am Wochenende signifikant schlechteren Wetter in Erwägung gezogen. Hab ich irgendwo mal gelesen.

Bei einem gemischten Mittagessen neulich (alle vorhandenen Kliniker, egal welche Altersklasse) äußerte einen leitende Psychologin laut den schönen Gedanken, was wohl wäre, wenn "der", also der Vulkan, jetzt einfach 14 Tage nicht aufhörte mit Aschespucken. Hat er früher ja schließlich auch schon gemacht. Heute bereits weiß man die Antwort: Man fliegt einfach trotzdem und zerstreut des Volkes und der Fluglotsen bzw. Piloten Bedenken mit irreführenden Angaben über die vermutete, tatsächliche oder auch wahrscheinlich gefährliche Höhe der Ascheschicht.

(Las gerade einen Artikel, in welchem es hieß, daß man bei den jetzt sondergenehmigten Sichtflügen mit 6000 Metern Flughöhe bereits ÜBER der Aschewolke fliege. Das muß ja Quatsch sein, denn dann könnte man natürlich auch auf die üblichen 10.000 Meter steigen.)

Es hat mich insgesamt überrascht, daß es plötzlich einfach so ein komplettes Flugverbot geben kann. Für alle (zunächst).

Außerdem hat mich überrascht, daß die Bahn dramatisch schnell und unproblematisch in die Bresche springt mit Extrazügen und Extramitarbeitern. Allerdings so schnell, daß die Türschrauben nicht mehr richtig festgezogen werden konnten, naja. Jedenfalls hat sie ihre eigenen Fahrgäste, die bereits teures Geld für ein ICE-Ticket bezahlt hatten, während der im Winter völlig unerwartet hereingebrochen Schnee- und Frostwitterung schlechter behandelt und im Gegensatz Züge gestrichen und das Personal sicherheitshalber versteckt gehabt.

Insgesamt, Fazit jetze, hat sich für mich nicht viel geändert. Ich hatte ja weder Flugurlaub gebucht, noch wohne ich in einer Einflugschneise. Klar, für viele gab es Unannehmlichkeiten. Es fallen mir aber sofort Flugrouten und -ziele ein, bei denen man Menschen, die dafür Geld bezahlen, da oder dahin zu fliegen, nicht genug bestrafen kann. Aber leider haben die Lerntheoretiker eh recht, und die Leutchens werden nichts draus lernen. Bloß Kerosin versteuern und Zwangs-atmosfair-Abgabe würden helfen, leider.

Post skriptum: Warum finde ich den Vulkanausbruch so sympathisch? Weil ich mir das kleine, früher als fein geltende, finanzkrisengebeutelte Island mit einem schönen langnasigen Nää nänänäänää vorstelle. Und schrieb die BLÖD neulich nicht, daß sich der isländische Präsident für die Asche entschuldigt habe? Ich hoffe ja nicht. Oder hat sich A.M. etwa für das Orkantief Xynthia entschuldigt?

Mittwoch, 14. April 2010

Back to all

Vor allem in die Bibliothek.

Der Toshi kommt morgens in die friscanische Kuriertasche und dieselbe samt strampelnder Besitzerin aufs Fahrrad (heute mußte ich mir Spott anhören, nachdem ich damit angab, mit dem Fahrrad aus der Weststraße in die Uni gefahren zu sein).

In der Bibliothek sitze ich und versuche, nicht mit A&O anzufangen. Von allen Seiten ernte ich erstaunte Blicke und Kommentare, weil ich Schwerpunkt machen muß. Aber das ist mir egal! Schlimmer eigentlich ist das gleichzeitige Vorhandensein von der anderen Prüfung. Gibt es bei den Abschlußprüfungen denn keine Freude?! Päda, Diagnostik und nun Evaluation und Arbeits- und Organisationspsychologie! Wo sind denn da die Lichtblicke?

Deshalb habe ich eben auch nicht mit Lernen angefangen, sondern eine schöne Begründung dafür geschrieben, daß ich den schmalen Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie für den Grotemeyer-Preis vorschlage. Hoffentlich gewinnt er ihn dann nicht, weil ich dann nämlich eine Laudatio halten müßte, brrr. Beim Schreiben ist mir erneut aufgefallen, wie schwer es fällt, Lobhudeleien zu verfassen, und zwar eigentlich egal, ob es um einen selber geht oder einen, der es wirklich verdient hat. Schnell fällt man ins Schleimer-Fach, und das will man ja nicht. Und was fast ebenso schwer fällt: Jemanden gutzufinden ist ja einfach. Aber warum eigentlich? Weiß man ja eigentlich auch. Aber in ein, zwei Sätzen formuliert? Für jemanden, der die betreffende Person gar nicht kennt? Das ist schwer. Wenn der Betreffende dann auch noch selbst ein eher zurückhaltender Typ ist, bekommt man direkt ein schlechtes Gewissen, weil man in dessen Abwesen- und Unwissenheit gut über ihn redet.

Draußen im Wohnzimmer versammeln sich prototypische BWL-Studenten zum Vortrinken vor der Westendparty. Das erzeugt Geräusche. Komisch eigentlich, dieses kollektive Warmtrinken zuhause, bevor es auf die eigentliche Party geht: dadurch wird es natürlich extrem unattraktiv, überhaupt auf das Fest zu gehen, denn vor Mitternacht ist da ja eh keiner. Dabei könnte man doch um Mitternacht mit dem Feiern schon wieder fertig sein und in der letzten Bahn nach Hause fahren! Aber man muß ja vorher in ramdösigen Wohngemeinschaften mit Gleichgesinnten nach Korkenziehern suchen. (Wenn das eigentliche Partyziel teuer ist, ist das Vorfeiern ja vielleicht verständlich. Aber bei der Westend-Party?) Das gute an so einer Vorfeierveranstaltung ist das absehbare Ende: irgendwann wird die Meute schon in Richtung Uni abdampfen, und dann ist hier wieder Ruhe. Wenigstens habe ich mal einen Mitbewohner, der überhaupt reden kann und offensichtlich sogar über mehr als zwei Sozialkontakte verfügt. Heute haben wir sogar alle drei gemeinsam auf dem Balkon gestanden, das gabs noch nie! Jedenfalls hören BWL-Studenten schlechte Musik und trinken schlechte Getränke.

Mittwoch, 7. April 2010

Zusatzbeiträge für das Supatopcheckerbunny

Zusatzbeiträge sind ja gerade in, da will ich nicht hintanstehen. Und das schöne Buch vom Supatopcheckerbunny ist, bei aller angestrebter Vollkommenheit, noch nicht vollkommen, weil meine eigenen Erlebnisse aus der Parallelwelt Einzelhandel nicht darin enthalten sind. Hier ein kurzer Vorabdruck für eine mögliche erweiterte Auflage später mal:

Eine Grundregel des Einzelhandels scheint ja zu besagen, daß der anrufende Kunde demjenigen solchen vorzuziehen sei, der sich persönlich in das Geschäft bemüht hat. Zum Beispiel schrillt das Telephon am Karsamstag vor sich hin, daß es eine Art ist. Einer sagt, er wolle lediglich wissen, ob der Artikel mit der Nummer 64585 wieder nachgekommen sei. Selbst ein vorsichtiges Aufklärungsgespräch über die geschätzte Anzahl von unterschiedlichen Artikeln allein in der Herranabteilung führt nicht problemlos zu einer vorsichtigen Eingrenzung des avisierten Artikels seitens des Kunden. Eher scheint er irritiert darüber zu sein, daß man nicht ad hoc Auskunft über beliebige Artikel allein anhand der Artikelnummer zu erteilen in der Lage ist. Ein anderer Kunde ruft im Auftrag der Freundin wegen einer schwarzen Jacke an, mehr wisse er leider auch nicht, bloß die Größe. Auch hier lag es nicht an der mangelnden Kooperationsbereitschaft seitens der Verkäuferin, daß ein zielführendes Gespräch nicht zustandekam.

Eine weitere beliebte Grundregel scheint bei insbesondere schwarzbehaarten männlichen Kunden darin zu bestehen, daß man Verkäuferinnen ohne weiteres mit Ey! ansprechen darf. Reagiert die so Angesprochene allerdings mit Das Ey! hab ich jetzt mal nicht gehört, hat der Kunde gerade "bloß" mit seinem Kumpel geredet.

Bisherige Krönung mißlungener Konversation am Kassentresen wurde bislang von einer Kundin kreiert, die eine Geschenkkarte mit dem geknurrten Gruß Zwanzig über den Tisch schob. Die Verkäuferin, ganz professionell, antwortete mit Sie möchten also diese Geschenkkarte mit 20 Euro aufladen lassen?, und folgte dem wortkarg geäußerten Wunsch. Anschließend steckte sich die Kundin noch einen weiteren der für die verkauften Geschenkkarten gedachten Umschlag ein, ebenfalls kommunikationsfrei. Die Verkäuferin: Entschuldigung, aber die Umschläge sind ja für die verkauften Geschenkkarten gedacht. Darauf die Kundin: Weiß ich doch nicht, welche sie will. (Das ist schon witzig, weil es dem Empfänger von Zwanzig sicherlich egal ist, in welchem Gewand Zwanzig daherkommen.) Daraufhin die Verkäuferin: Na, Sie hätten ja wenigstens fragen können.

Das Supatopcheckerbunny zieht aus seinen eigenen ernüchternden Analysen den Schluß, daß ein Großteil von kundenerzeugtem Ärgernis aus Unachtsamkeit herrührt, und das kann ich bestätigen. Der anrufende Kunde glaubt tatsächlich, daß die Verkäuferin im Laden steht und darauf wartet, daß das Telephon klingelt, um daraufhin alle 1432 Artikel der Herrenabteilung nach dem Artikel 64585 abzusuchen. Der bezahlende Kunde, dem auffällt, daß der Scanner das Preisschild nicht einliest, findet sich besonders komisch, wenn er das gibt es heute umsonst sagt, und ahnt nicht, daß er heute bereits der fünfzehnte ist, der diese originelle Aussage anbringt. Die suchende Kundin, die unaufmerksam an einem Kleiderständer vorbeigeht und wie in Trance jeden einzelnen Ärmel einmal herauszieht, ohne die Kleidungsstücke auch nur zu betrachten, nervt ebenso wie die Kundin, der erst dann einfällt, daß sie keine Tüte braucht, wenn sich die Kassiererin bereits einmal gebückt, das inkrementelle Element aus seinem Stapel befreit und die Ware ungefähr bis zur Hälfte in die Tüte eindrapiert hat. Reine Unachtsamkeit zerstört Pulloverstapel und Kassiererlaune. Von unten heraufstapfen mit einem einzigen Teil, an dem kein Preisschild hängt, und es mit den Worten Da ist kein Preis dran auf den Kassentresen legen führt dazu, daß die Kassiererin wieder nach unten läuft, um den Preis in Erfahrung zu bringen. Das dauert viel länger, als wenn die Kundin einfach unten auch bezahlt hätte, wo es weniger lange dauert, den Preis herauszufinden, und außerdem ist es ja wohl nicht so schwer, noch ein weiteres Teil, wo ein Preis dran ist, mit zur Kasse zu nehmen. Wie soll man denn all diese Preise (siehe Artikelnummern) im Kopf haben!?

Bisheriger Höhepunkt, neben Zwanzig, war seit meiner Rückkehr jener Kunde, der mich original was fragt und noch VOR Beginn meiner MÖGLICHEN Antwort sein Telephon herauszog und mit irgendjemandem zu telephonieren BEGANN! Geht's noch?

Das Supatopcheckerbunny hat eigentlich schon ganz gute Regeln aufgestellt, ich zitiere daher teilweise, hab mir das aber auch selber unabhängig davon überlegt! Also:

Der Kunde ist König - und Könige werden geköpft. Also aufgepaßt! Wie schlecht möchte man selber auf seiner Arbeitsstelle von Leuten, von denen man irgendwie auch abhängig ist, behandelt werden? Das gibt einen guten Maßstab ab.

Die Hauptregel lautet: Du bist nicht allein. Wenn du eine Eins-zu-Eins-Betreuung brauchst, gehe in Boutiquen und kleinen Fachläden einkaufen. Da ist es in der Regel auch teurer, und zwar aus Gründen.

Weiters: Auch wenn du dir als Kunde theoretisch alles erlauben darfst: Ein Verkäufer, der dir nicht schon ein halbes Dutzend zerstörter T-Shirt-Stapel hinterherräumen mußte, wird sich entspannter mit dir befassen können.

An der Kasse wird kassiert, d.h. alle möglichen anderen Fragen, wie zum Beispiel nach den verfügbaren Größen in einer anderen Filiale oder was man zu der schönen Blumenleggins noch schönes anziehen könnte, gehören nicht an die Kasse, sondern an die zugehörige Fachkraft auf der Fläche.

Was viele nicht bedenken: Im Einzelhandel arbeiten wirklich viele Studenten oder Schüler, u.a. weil die entsprechend verbraucherfreundlich genannten Spätöffnungszeiten nicht anders zu machen wären.  Und wie das Leben so spielt, pöbelt man evtl. gerade die zukünftige Anwältin an, die einem später die Scheidung für einen fairen Preis machen wird. Oder eben auch nicht, weil man einmal zu oft die Kabine in einem erbärmlichen Zustand hinterlassen hat und sich innerlich auch noch über die unfähigen Aushilfen aufgeregt hat. Oder man unterstellt einem zukünftigen Betriebswirt mangelhafte Kompetenz in Sachen Addition, denn den Job hier könnte natürlich jeder machen, da sind sich alle einig. Nichts ist einfacher als für für alle den Dämlack spielen.

Montag, 22. März 2010

Bitte das passende Wort benutzen!

Ich möchte keine neue Liste unpassender Worte beginnen, weil das öd ist. Aber trotzdem fällt es mir immer wieder auf, daß Ausländerkinder heutzutage Jugendliche mit Migrationshintergrund sind. Das eigentlich blöde - daß man nämlich nicht sehen kann, ob der im weitesten Sinne südländisch aussehende S-Bahn-Beschmierer wirklich Türke oder nicht doch ein lange eingebürgerter Deutscher mit türkischen (oder jugoslawischen, bulgarischen, italienischen oder griechischen) Eltern ist, bleibt dabei ja verschwiegen. Unser Blut- und Bodenstaatsbürgerrecht macht den Unterschied ja nun nicht daran fest, ob man in Deutschland geboren wurde. Deshalb muß die Bildzeitung immer dazuschreiben Deutsch-Libanese*, wenn mal wieder ein Koffer herrenlos auf einem Kopfbahnhof entdeckt wurde und infolgedessen alle Bankangestellten Frankfurt (Main)s zu spät kamen.

Aber ist es eigentlich nicht egal, welche Nationalität und/oder welchen ethnischen Hintergrund jemand hat?

Ich arbeite gottlob in einer Klinik, in der noch nicht eine einzige Seniorin gesichtet wurde. Wir haben es mit Patienten zu tun, und so werden sie auch genannt. Wenn es wichtig ist, daß sie berentet sind, dann heißen sie Rentner. Die Ärzte heißen Doktor, unabhängig davon, ob sie den Titel erworben haben, und wenn ich einen Kittel anhabe, bin ich auch schnell mal die Frau Doktor, weil ich auf der anderen Seite sitze und einen Kittel anhabe.

Ein weiterer Begriff, der mich zusehends böse machen kann, ist der der sozial schwachen Familien. Erstens wird damit alles mögliche gemeint, das durchaus Differenzierung verdient hätte. Zweitens ist eine Familie mit wenig Geld vermutlich arm, aber ihr gleich Defizite im sozialen Leben zu unterstellen, geht dann doch etwas weit. Umgekehrt ist es wahrscheinlich eher so, daß eine arme Familie nicht adäquat am sozialen Leben insgesamt teilnehmen kann, aber das ist doch nicht Folge eines selbstverschuldeten Versäumnisses! Unter sozial schwach stelle ich mir eher eine Person vor, der ich neulich auf einer Party begegnet bin und die ihr jeweiliges Erscheinen in der Küche mit Habe ich hier irgendwo mein Bier stehengelassen einleitete, um dann mit Pausenfüllern wie Und ihr kennt euch alle aus der Schule? und Seit ihr denn alle vergeben? loszulegen. Aber arm war der Typ wahrscheinlich nicht, wenn man seinen Erzählungen über die Penthäuser, die er beinahe mal erworben hätte, Glauben schenken konnte.

Wenn man den beschriebenen Familien schon eine pauschale Schwäche andichten möchte, wäre finanziell schwach wohl der passendere Ausdruck.

Also bitte aufpassen beim Gebrauch von Floskeln, besonders wenn sie geläufig geworden sind. Auch die Toleranz wird gerne bemüht, dabei kann unhinterfragte Toleranz auch bedeuten, dem netten Nazi von nebenan den Kinderspielplatz als Trainingsplatz für den Pitbull zu überlassen. Immerhin kann der ja auch Männchen machen.

*weil Deutscher klingt banal. Libanese ist nicht ganz richtig. Es ist aber auch ein Kreuz!

Samstag, 20. März 2010

Und vorläufiges Fazit will gezogen werden

Oder was macht man mit Faziten (oder wie heißt davon die Mehrzahl?) - hat man die, macht man die, oder zieht man die eben? Wenn ich es so lese, klingt es komisch.

Also, jedenfalls habe ich nun fast ein Vierteljahr in Berlin gelebt, in einem Viertel, wo ich noch nie gewohnt habe, und mit einer Tätigkeit, der ich noch nie nachgegangen bin (und ohne eine Tätigkeit, der ich sonst immer nachgehe). Was nehme ich mit nach Bielefeld?

Wenn man um elf irgendwo sein soll, muß man eher um acht aufstehen, je nachdem, wie geduscht und kaffeegetrunken man sein will. In Bielefeld reicht es locker, um halb zehn aufzustehen, und das ist ja gefühltes ausschlafen.

In Berlin breitet sich schnell Buchstabenarmut aus, und allenthalben muß man die Flohmärkte nach neuem Lesestoffnachschub durchwühlen. Allein schon die langen Straßenbahnminuten lassen die Büchervorhaben purzeln, und daheim kann man auch nicht immer nur das Internet auslesen. In Bielefeld brauche ich für manches Machwerk Wochen, einfach weil ich (Ich!) nicht richtig zum Lesen komme: in der überfüllten Bahn lohnt es kaum, und meistens fahre ich eh Auto bzw. Fahrrad. In der Uni lese ich andern Kram, und von der Arbeit komme ich meist so spät heim, daß das Internet an Zerstreuung ausreicht. Bloß im Bett gibt es ein paar Zeilen, oder wenn ich bei der Prinzessin fernsehen muß.

Haupterkenntnis: Natürlich komme ich mit wenig Kram aus. (Habe eigentlich eh schon wenig, wegen der vielen Umzüge, aber immer noch zu viel.) Trotzdem haben mir Dinge, vor allem Bücher und Photos, gefehlt. Ganz asketisch möchte ich nicht sein.

Weitere Haupterkenntnis: Auf kulturelle Highlights nicht unbedingt ein Dreivierteljahr nach Bekanntgabe noch warten zu müssen, empfinde ich als großartig. Und selbst wenn sich weder Max Goldt noch die berlin bunny lectures nicht die Ehre gegeben hätten, habe ich mittels der Lesebühnen, die es ja praktisch immer gibt (und wo man deshalb dann doch fast nie hingeht) trotzdem immer frei verfügbare, niedrigschwellige Angebote gehabt.

Noch wichtigere Haupterkenntnis: Es wäre der richtige Beruf für mich (zumindest so, wie ich ihn hier ausleben konnte). Und ich habe ein deutliches Gefühl dafür gewonnen, was ich noch alles werde lernen müssen.

Weitere nicht unerhebliche Erkenntnis: Ich liebe diese Stadt. Sie ist groß, laut, manchmal unhöflich und nie charmant, aber gibt es etwas besseres, als sich in einer Straßenbahn von Weißensee nach Mitte schaukeln zu lassen? Ist es nicht großartig, daß ich mitten in der Nacht problemlos von Friedrichshain heimkomme (wenn auch in einer gut besetzten M10)? Daß man wegen Filmarbeiten in der Oranienburger Straße die Straßenseite wechseln muß? Daß man überall leckere Broiler für 2,50 bekommt? Daß man fast immer sein eigenes Tempo laufen kann, ohne ständig zusammenzustoßen oder aufgehalten zu weden? Daß hier diejenigen schief (und spöttischen Lächelns) angeschaut werden, die bei minus 20 Grad in Strumpfhose und Pfennigabsätzen nebst blankem Hüftspeck über Eisberge turnen? Und nicht diejenigen, die in derben und angemessenen Kleidern und Schuhwerken die winterliche Stadt bezwingen? (Und ich könnte noch mehr aufzählen.)

Kleider und IQ-Punkte machen Leute

Zwei Patienten, wie sie gegensätzlicher nicht sein können, und doch sollten sie beide einen Platz in einer Gesellschaft haben, die großen Wert auf die Menschenwürde und den Gleichheitsgedanken legt.

Der eine, ein überdurchschnittlich begabter Betriebswirtschaftler, erleidet unschuldig einen Verkehrsunfall, infolgedessen er Rippenbrüche und einen Darmabriß erleidet. Nach unzähligen Operationen, ist er inklusive des freilich nun verkürzten Darmes einigermaßen wiederhergestellt und versucht über das Hamburger Modell die Wiedereingliederung in den Beruf. Einen Tag vor der Untersuchung hat er seinen positiven Erwerbsunfähigkeitsrentenbescheid bekommen.

Der andere ist nur wenig älter, hat nach acht Schuljahren die Sonderschule verlassen und nie eine ordentliche Ausbildung erhalten. Da er aus irgendeinem Grunde vor dreißig Jahren von einer Brücke auf ein S-Bahn-Gleis fiel und sich bei der Gelegenheit die Wirbelsäule brach, ist er für die im ungelernten Bereich üblichen körperlichen Arbeiten wenig geeignet, und andere Arbeit gibt es für ihn nicht. Trotzdem sitzt er nach wie vor auf Hartz IV. Ein Rentenantrag wird abgelehnt, während der Verhandlung über den Widerspruch äußert ein Gutachter, daß Bewohner des Stadtbezirks Neukölln ja wohl selber schuld seien, wenn sie da lebten und vor die Hunde gingen.

Wer mich kennt, wird sich lebhaft vorstellen können, daß ich da an die Decke gehe.

Wenn mir Herr Westerwelle auch nur einen Job zeigen könnte, der für den zweiten Patienten geeignet wäre und zur Verfügung stünde, dann würde ich seine Auslassungen nachvollziehen können. Welcher Zacken dem Sozialstaat im übrigen aus der Krone bräche, wenn der zweite Patient sein 300 Öre Frührente bekäme, bleibt mir übrigens ebenfalls unklar.

Beide Patienten sind von ihren Voraussetzungen her nicht gleich, aber sie sollten, nach dem Grundgesetz, vor dem Gesetz und dem Sozialstaat neben allen seinen Auswüchsen gleich behandelt werden. Werden sie aber nicht. Einer ist intelligent, eloquent, in adäquate Textilien gehüllt und kennt seine Rechte. Der andere trägt eine zu enge Jeans und viel Blech im Gesicht, kann sich keine drei Wörter merken und hat einen Intelligenzquotienten an der Grenze zur geistigen Behinderung. Dann darf er sich noch von einem amtsmüden und offensichtlich ungeeigneten Gutachter anhören, daß er sich das mit Neukölln ja mal hätte besser überlegen können! Ich glaub', es hackt! Der Gutachter sollte mir nicht im Dunkeln oder überhaupt irgendwo begegnen!

Der erste Patient, der im übrigen ja trotzdem auch eine arme Sau ist, mit wahrscheinlich dauerhaften und durchaus spürbaren Beeinträchtigungen, hat nun die Wahl: sich mit Mitte vierzig zur Ruhe setzen, die EU-Rente genießen und reisen oder sonstwie nett leben? Oder doch arbeiten gehen, die Belastungsfähigkeit austesten, was leisten. Sonst zählt ja hierzulande nichts.

Der zweite Patient hat keine Wahl. Ich hab ihm mal, weil das ja offensichtlich sonst keiner macht, den sozialpsychiatrischen Dienst von Neukölln rausgesucht und aufgeschrieben. Ich hoffe er meldet sich da. Zwingen kann man ihn ja, gottseidank, nicht.

Mittwoch, 17. März 2010

Ich habe mit einer Zeichnung, auf der Westberlin (fast) gar nicht vorkommt, ein Buch gewonnen, das noch gar nicht erschienen ist und in welchem es um blöde Kunden geht!

Wie ein Sechser im Lotto sich anfühlt, kann ich mir jetzt ein bißchen besser vorstellen.

Bei den berlin bunny lectures sollten heute als Stille Aufgabe mentale Landkarten bildifiziert werden. Meine Aufgabe war es eigentlich, eine schematische Darstellung Berlins vor bzw. bis 1989 (inkl. Mauerverlauf) anzufertigen. Ich konfundierte allerdings diese Aufgabe unwissentlich mit dem Auftrag der rotweinholenden Nachbarin (Berlins Bezirke) und fabrizierte infolgedessen und des unabhängig davon hereinbrechenden Zeitdrucks lediglich eine verhältnismäßig gelungene Darstellung von Berlin (Hauptstadt der DDR) mit ergänzender, präziser Angabe der Stadtbezirke sowie des Westberliner Grenzverlaufs und ohne nähere Angaben im entsprechenden Inneren (wie auf den Ostberliner Stadtplänen, wo zufällig 'ne Ecke Westberlin mit drauf war). Vulgo: es gab eine komplementäre Zeichnung eines offensichtlich Westberliners, der allerdings nicht, wie ich, zu Ruhm und Ehren gelangte und vorne ein frisch gedrucktes Buch abholen durfte, jedenfalls nicht vor mir!

(Ich werde es versuchen, die entsprechenden Dokumente nachwirksam in meine Pfötchen zu bekommen.)

Sonntag, 14. März 2010

Back to Bansin??

Für den Fall, daß ich mal überhaupt nicht weiß, wohin mit meinem Geld, und gleichzeitig eine Gemeinde händeringend nach einem Investor für ein unbewohntes, seit Jahren leerstehendes Haus sucht: ich bin dabei. Das Haus hat alle Vorteile und keine Nachteile: Nordost- und Südwestseite je mit einem großzügigen Balkon ausgestattet, wobei ersterer auf die Ostsee und letzterer auf den Schloonsee und überhaupt nicht auf andere Ferienhäuser guckt. Der Garten erscheint üppig und nach Abriß einer überflüssigen Baracke direkt im Sinne des Freizeitverbrings nutzbar. Straßenverkehr, unmittelbarer: keiner. Ausblick: grandios. Das Haus ist auch nicht zu groß, sondern in allen Belangen völlig angemessen. Also!

So sieht die Strandpromenda direkt vor dem Haus aus.

Das allerdings war heute der Blick aus dem Autofenster kurz vor Berlin (ca. Wandlitz). Jetzt bin ich langsam auch bereit, in den allgemeinen Chor (der seit 6 Wochen schon erschallt) einzustimmen, daß es nun aber mal genug sei mit dem Winter, und daß es jetzt mal mit dem Frühling losgehen könne.

Man kann sagen, daß hier in Berlin-Weißensee ungefähr zehn Zentimeter Schneematsch gefallen sind, denn so sieht es zumindest aus.

Die nächsten Tage bringen übrigens den Film Boxhagener Platz und die neue Ausgabe der Berlin Bunny lectures, Bericht folgt vielleicht!

Freitag, 12. März 2010

Ahlbeck

Aus irgendeinem Grunde haben wir die Füße noch nicht ins Wasser gehalten... ansonsten isses aber feudal und daher angemessen, möchte ich sagen!

Sonntag, 7. März 2010

Bilder, mal


Marx, Engels und der Berliner Dom im berliner Schnee (ist schon zwei Wochen her, aber damals erschien der Schnee unverwundbar). Ein früher Feierabend in Ermangelung von Patienten.

 

Ungewöhnlich, zumindest, dieses gleichzeitige auftreten von Trabi-Pickup-selfmade und Wartburg-tourist MIT Anhänger (ebenfalls, versteht sich, original). In Weißensee ist alles möglich, auch das gehäufte Auftreten von Fahrzeugen, die älter als 20 Jahre sind (um die Ecke steht dauerhaft ein weiterer Trabant, naja, und bei den Straßenbahnen sind auch viele Tatrabahnen bei. Die sind aber immerhin mal von grundauf generalüberholt und gelb angestrichen worden!). 



So, liebe Joghurtfreunde, das wars nun: in all euren Fruchtjoghurten befanden sich Fruchtzubereitungen der übelsten Klasse: Erdbeer-Rharbarber, Bircher Müsli und Pfirsich-Maracuja. Einfaches Joghurt ohne Drumherum gestaltet sich hingegen häufig schwierig. Nun ist es noch schwieriger geworden. Was um alles in der Welt soll Maisjoghurt darstellen? Und wer ißt sowas?


 

Meine liebe Fachschaft in Bielefeld, also, wir haben es ja schon gut, insofern wir über eine eigene studentische Studienberatung UND über einen eigenverantwortlich, unkontrollierten Fachschaftsraum, vulgo Psychocafé verfügen. Aber gegen ein Fachschaftshaus ist das ja wohl nix. Was haben wir eigentlich falsch gemacht? 

 

Apropos falschmachen: Wenn man schon den Medizinstudenten nicht mehr zutraut, ihren entsprechenden Fachbereich zu finden und den Weg dorthin mit den richtigen lokalisationalen Adjektiven zu rezerpieren, dann ist vielleicht wirklich alle Hoffnung in den medizinischen Nachwuchs vergebens. Hätte man doch mehr Migranten und "sozial Schwache" zum Arztberuf ermuntern sollen?

 

Das ist der Tränenpalast, respektive, was von ihm übrigblieb, nachdem er von dem Schatten des Neubaus auf dem sogenannten Goldenen Dreiecks an der Friedrichstraße ereilt wurde. In der Vergrößerung sieht man noch deutlich die Aufschriften "Ausreise" und "Sortie", das russische Wort ist größtenteils zerstört. Innen ist alles leer. Und doch bin ich auch einmal durch den Tränenpalast gegangen! Aber Zwölfjährige führten damals kein Notizbuch bei sich und notierten. Leider! Jetzt steht der Salat in Form eines extrem langweiligen, grauen Betongebirges zwischen Tränenpalast und Friedrichstraße. Die Firma Ernst & Young scheint involviert. 

Warum sind all die entscheidenden berliner Immobilienflächen an schnöden Mammon verscherbelt? Potsdamer Platz, wo ja immerhin von Kriegs- bis Teilungsende gar nichts geschah, außer das Horden von Busreisenden eine Wurst verspeisten und sich aufs Empörungspodest begaben: heute Sony und Benz, nicht schön, nicht innovativ, und für einen nicht sprichwörtlichen, sondern echten Apfel und Ei verkäuft. Einst die verkehrsreichste Kreuzung Europas oder der Welt. Ampel und so. Mediaspree, unendlich öd, darüber zu sprechen, aber ist die Fläche rund um die East Side Gallery so lange freigeblieben, um dann raffgierigen Medienfuzzis in den Rachen geworfen zu werden? Oder sogar Immobilienspekulanten? Das kleine Dreieck am Tränenpalast, hätte das seingemußt? Für so ein häßliches Haus? Für so eine undramatische Firma? Wenn da wenigstens das Bezirksamt Mitte einziehen würde! Aber auf diese Art haben all diese Gebäude auf den sogenannten Sahnegrundstücken nichts mit dem dahergelaufenen Berliner zu tun, und deshalb spaltet sich die Stadt derzeit in ganz andere Hälften als seinerzeit, als der Beton richtig und falsch vorgab. Potsdamer Platz ist für Touristen vermeintlich attraktiv. Aber Berliner? Einkaufszentren gibt es auch woanders, wohnen kann man sich da nicht leisten (und ist auch nicht vorgesehen), und mehr gibt es nicht. 

Daß die Stadt an bedeutenden Orten auch mal selbst Akzente hätte setzen können, hat sie nun wieder an der Stelle des Palastes der Republik bewiesen. Anstatt aus der Ruine weiterhin Kultur zu schöpfen, anstatt wenigstens irgendwelche Projekte gleich welcher Art zu fördern, findet der Berliner eine leere Fläche vor, auf der im Winter Schneemänner angebaut werden. Im Sommer mal sehen, vielleicht Vogelscheuchen. Inzwischen haben aber die konservativen Schloß-Befürworter gemerkt, daß die Schloß-Idee bei zumindest denkenden Personen und/oder Berlinern nicht so gut ankommt, und nennen das Ganze jetzt auch ziemlich offiziell "Humboldt-Forum". Bloß, wenn sich alle auf ein Humboldt-Forum einigen können, muß es doch auch nicht wie das versch... Schloß aussehen oder? Oder warum? 

Samstag, 6. März 2010

Seltsame Häufungen

Am interessantesten an der ganzen Arbeit ist sicherlich das Phänomen, dass es in einigen Wochen immer wieder irgendwelche Häufungen zu beobachten gibt. Da man am Tag niemals mehr als drei Patienten zu Gesicht bekommt, kann es nicht an einer verzerrten Aufmerksamkeit infolge eines Einzelerlebnisses liegen.

Noch zu Beginn hatte ich mehrmals Opis, die Demenzangst hatten, aber über 80 und fit wie Turnschuhe waren. Nur einer hingegen war wirklich dement. Dann hatte ich tagelang Leute, die aus unterschiedlichen Gründen Gesichtsfelddefekte hatten. Zwischendurch hatte ich eine plötzliche Aphasie-Häufung, d.h. die Patienten hatten aktuell keine Aphasie, aber entweder Sprachprobleme, oder sie waren in der Vergangenheit aphasisch gewesen, z.B. infolge Schlaganfall (die Häufung war so auffällig, dass ich dringend eine Aphasie-Checkliste finden mußte, weil ich mit dem behämmerten Aachener Aphasietest ja sowas von nicht zurechtkam - man stelle sich das einmal vor: ich untersuche die Patientin mit dem anderen Gedöns, und die Lieblingsmitpraktikantin liest sich eben in die AAT-Handhabung ein!). Nach Wochen ohne einen einzigen weiblichen Patienten rennen mir die Damen fast die Türe ein, so daß ich zwischendrin kurz überlegen mußte, wann ich eigentlich das letzte Mal einen Mann untersucht habe.

Einen Tag sitze ich in der Straßenbahn inmitten einer französischen Klassenfahrt. Am nächsten Tag erklimmt ein zweisprachig-deutsch-französisch-Kindergarten die Bahn, und in der Mensa gibt es Coq à vin. Eine Woche später fahre ich mit der M4, begleitet von einer Rotte russischer Punks, die sich über die Alkoholgehalte verschiedener Wodkamarken unterhalten. Auf russisch natürlich. Gleichen Tags haben wir einen russischen Patienten, der von seiner dolmetschenden Tochter begleitet wird, die während der Untersuchung kaum im Zaum zu halten ist. Die Mensa bringt Soljanka.

Wenn es seltsam anmutende Antworten gibt in den Testverfahren, dann häufen sie sich tageweise. In einer Wortflüssigkeitsaufgabe müssen binnen einer Minute so viele Tiere aufgezählt werden, wie den Patienten eben einfallen. An einem Tag war die erste Nennung zweimal Rhinozeros, sonst kam das Tier nie vor. Auch die Nennung anderer ungewöhnlicher Tiere häuft sich jeweils nach Tagen. So gab es an einem Tag zweimal die Reihung Ameise - Bär - Ameisenbär, sonst niemals, selbst wenn die beiden ersten Tiere genannt wurden. Auch in einer anderen Aufgabe, bei der einfach Bilder von Objekten benannt werden sollen, kommt es zu tagesformabhängigen Gleichnennungen: Die im letzten Bild zu sehenden Dominosteine wurden jeweils, im Brustton der Überzeugung, mit dem Ausruf Mikado! begrüßt. (Dann nicht laut loszulachen ist schwer. Tip: Das Prusten unterdrücken, das Lächeln nicht. Und anschließend kurz mit dem Patienten darüber sprechen, warum ihm das Mikado zuerst eingefallen ist, und den Begriff des semantischen Feldes erobern.)

Ich liebe diesen Beruf. Er ist bloß schwer zu erlernen.

Herr B. und Herr C.

Gewaltig ist die Angst vor der Demenz, dabei ist sie mitnichten das einzige, das uns ereilen kann und uns alles nimmt, was uns teuer ist: das Gedächtnis, die Intelligenz, die Freude und den Schmerz. Herr C. wartet bereits auf dem Flur, in Begleitung seiner asiatisch anmutenden, zierlichen Frau, die draußen auf ihn warten wird. Er trägt einen gleichfalls asiatisch anmutenden Morgenmantel aus schwerer, bestickter Seide. Der Dialekt ist gefärbt, vermutlich hessisch, der Mann ist, wie es im internistischen Befund heißt, "von adipösem Ernährungszustand", überhaupt stehen in diesen Befunden immer Intima über die Patienten drin, als sollten diese jene nicht lesen! Mindestens vier Sprachen spricht er, außer deutsch, er ist im Auswärtigen Amt, er hat sein Leben dem diplomatischen Dienst gewidmet (und gleich denke ich an meine eigenen Bekannten, die in irgendeiner Form mit Diplomatie in Berührung kamen oder sind), er war in verschiedenen arabischen Ländern und in der Sowjetunion und später Russland, Sibirien; seine Frau ist aus der Mongolei. Eine Enzephalitis unterbrach den Dienst in Saudi-Arabien, der Diplomat wird per Learjet nach Deutschland geflogen, er behält sich eine symptomatische Epilepsie, wegen der er gerade in der Charité liegt. Ob sie ihn nochmal hinbekommen, daß er wieder arbeiten kann?

Herr B. ist vergeßlich; findet manchmal den Weg zurück nicht, wenn er spazieren geht; Krimis sind ihm zu schnell, er kann oft nicht folgen und hat Schwierigkeiten, sich die Gesichter einzuprägen. Daß es mir genauso geht, ließ er nicht gelten! Auch er hat sein Leben lang gearbeitet; er hat eine geheimnisvoll klingende Berufsbezeichnung namens Lichtpauser erworben und dann eigentlich immer auf dem Bau gearbeitet. 1973 hat er der DDR mit Frau und Kind den Rücken gekehrt. Sein Fluchtgerät sei im Museum in der Friedrichstraße ausgestellt, das muß ich mir noch angucken! Und auf die Frage, ob seine Frau oder beide gemeinsam den Haushalt führen würden, guckt er mich groß an und sagt Das mache ich! Er sei bereits früh verwitwet und habe sich dann zehn Jahre mit dem Kind allein durchgeschlagen, zu einer Zeit, in der ein alleinerziehender Vater mit Sicherheit überhaupt nicht hip war, und seither sei er ein ausgesprochener Hausmann, gerade, daß seine Frau Wünsche äußern dürfe. Ein ganz und gar "unsoftiger" Typ, nett, aber von normal männlicher Erscheinung. Hätte man einfach nicht gedacht (und dann im Vergleich der 73jährige, der angibt, seit seiner Verwitwung in Thailand mit zwei Frauen in einem Haushalt zu leben, den die Damen führten, oder mein Lieblingsparkinsoner, der meistenteils bei seiner Frau lebte und dazu noch einen eigenen Haushalt hatte, wo er hingehen könne, wenn seine Frau zu anstrengend wird (oder er der Frau), und beide Haushalte wurden allein von der Frau geführt).

Ich habe gemerkt, daß es mir egal ist, ob einer mit den Händen oder mit seinem Hirn Geld verdient und Werte schafft (und ob diese Werte geistiger oder monetärer Art sind). Manche der Handarbeiter brachten ein reges Interesse und eine gewisse Furchtlosigkeit mit oder überraschten mit eigenwilligen Lebenskonstellationen. Die meisten meiner Patienten waren mir sympathisch, und die, die es nicht waren, brachten ein ganzes Bündel an antipathierelevanten Eigenschaften mit. Sympathie kam immer auf, wenn die Leute in ihrem Leben immer das beste draus gemacht haben, gekämpft, wenn zu kämpfen war, und hingenommen, wenn die Umstände nicht zu ändern waren. Einer sagte, ich nehme diese Beeinträchtigungen nicht einfach hin; ich will wissen, was es ist und was man dagegen tun kann. Auch wenn es nicht heilbar ist, will ich es dennoch wissen: ob ich es hinzunehmen oder zu bekämpfen habe.

Schlußendlich, wenn ich es mir recht überlege, können Herr B. und Herr C. nur hinnehmen: das Alter bzw. die Enzephalitis. Trotzdem sind sie in der Charité: um die Möglichkeiten auszuschöpfen, und das ist richtig so. (Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.)

Mittwoch, 3. März 2010

Liebe ist... Thunfischpizza. Das ist mein Lieblingsgericht.

http://www.youtube.com/watch?v=N1naG4CyB0I

Mein erster Bulle

Heute war ein Polizist da. Der war nett und klug. Eigentlich war er so, wie jeder Polizist, gemessen an den Erfordernissen polizeilicher Aufgaben, sein sollte, bloß ist der Dienst für die, die intelligent und menschenfreundlich und dann auch körperlich geschmeidig sind, eben nicht attraktiv genug. Aber das wollte ich nicht erzählen.

Der Polizist hat seit längerer Zeit Benommenheits- und Übelkeitszustände, manchmal Kopfschmerz, und eine unklare Sensibilitätsstörung am Kopf (vulgo: Taubheitsgefühle). Bis jetzt hat noch keiner rausgefunden, was es ist (und ja, Ärzte überschätzen sehr schnell ihre eigenen Kompetenz- und Zuständigkeitszugehörigkeiten, aber dazu später vielleicht mehr). Bereitwillig läßt sich der Polizist zu Psychologen und Psychiatern schicken, was ja landläufig immer als Zeichen für Einbildung und Psychosomatik gilt. Aber die finden auch nichts, keine Somatisierungsstörung, keine Depression. Was bleibt, ist die Benommenheit und die Übelkeit. Der Polizist geht weiter arbeiten. Nun wurde es innerhalb weniger Tage, er sollte ohnehin bald geplant aufgenommen werden, so schlimm, daß er die Rettungsstelle aufsucht, jetzt ist er in der Charité, und ich hoffe, daß unsere tüchtigen Neurologen endlich auch was-auch-immer-es-ist bei ihm ausmachen und behandeln.

So landläufig, so langweilig. Viele unserer Patienten haben vergleichbare Hürdenläufe hinter sich und landen in der Charité, weil endlich irgendwann einmal ein Arzt einknickt und die Kompetenz ans Uniklinikum abtritt. (Es gibt ja einen sogenannten Provinzehrgeiz: Wir schaffen das schon alleine, wir brauchen das BKA/ die Charité/ das Oberlandesgericht nicht.) Aber der Polizist beeindruckte mich mit seiner Entschlossenheit, die Wahrheit erfahren zu wollen, und seiner Bereitschaft, ihr, wenn sie denn ans Licht gezerrt ist, ins Auge zu schauen. Die mir in der Anmeldung vom Stationsarzt fast hämisch untergeschobene verdächtigte "lavierte Depression" (die es im Diagnosemanual eh nicht mehr gibt, aber da scheinen Ärzte ja öfter nicht reinzuschauen, wenn sie einem auch endogene und reaktive Depressionen und Psychosyndrome und Pseudodemenzen aufschreiben) konnte ich mithin nicht ausmachen. Der Polizist hätte sich auch mit einer Depressionsarbeitsdiagnose angefreundet, glaube ich. Aber was mein Weltbild, vielleicht nicht in Bezug auf Polizisten speziell, aber auf mittelständische Erfolgstytpen im allgemeinen etwas durcheinanderrüttelt, war die bedingungslos ehrliche Selbsteinschätzung seiner Situation vor der Erkrankung: Er habe einen Beruf, der ihm Spaß und lediglich "gesunden" Streß bereite, er habe eine Frau und zwei, wie er sich ausdrückte, wohlgeratene Kinder, mit denen er in einem schönen Haus lebe, und er malte dieses Bild nicht allzu idyllisch, nur eben so, wie es war, und er fügte hinzu: fast wie im Bilderbuch. Mit anderen Worten: Er ist glücklich. Oder gerade eben nicht? Wie oft hat er diese Gedanken, auch angestachelt von den teils bohrenden, teils heimtückisch-harmlosen Fragen der Phalanx von Psychotherapeuten, bereits gewälzt: Ist es ein goldener Käfig? Stimmt irgendwas nicht? Belüge ich mich selber, oder meine Frau, oder meine Kinder? Oder belügen die mich?

Am Ende kann er natürlich trotzdem eine Depression und sonst nix haben. Weil der Schein trügt. Weil er trotzdem unbewußt unzufrieden ist. Weil er einfach das 30prozentige Lebenszeitrisiko, eine zu entwickeln, abgegriffen hat. Gut. Aber nun stelle man sich vor, er hat eine limbische Enzephalitis. Das bekommt ein Psychiater mit seiner Somatisierungsstörung oder ein handelsüblicher Neurologe mit der lavierten Depression natürlich nicht heraus. Das würde er aber gar nicht bemerken, sondern den Patienten mit seinen unbestätigten Arbeitshypothesen quälen. Und auf Depression behandelt zu werden, wenn man keine hat, ist im besten Falle unproduktiv.

Der Polizist war ungeduldig, aber auch hartnäckig. Ich sagte das und bemerkte dazu, daß das wahrscheinlich die beiden Eigenschaften seien, die ihn zu einem vermutlich guten Polizisten machten, und da stimmte er nach kurzem Überlegen zu. Ich hoffe, daß wir viele von diesen Polizisten haben, und zwar überall - in Spezialeinheiten und im Streifendienst. Ich wünsche dem Polizisten, daß er genesen wird.

Dienstag, 2. März 2010

Tja, Schnee is' weg, plötzlich

Auf einmal ist einem die ganze Topographie der Stadt zugänglich, inklusive der Zerstörungen von Bürgersteigen durch Baumwurzeln, sowie die anspruchsvolle Gestaltung der Parkanlagen durch wohlmeinende Landschaftsarchitekten. Der Schnee ist nämlich weg, der hier alles in verschiedenen Stadien von Erscheinung und Zerfall und wieder frieren bedeckte. Er ließ bloß das vorher als verknappt gemeldete Streugut zurück, das jetzt eigentlich einer mal aufsammeln könnte, für den nächsten Winter. Jetzt wird es ja so bald keinen mehr geben. (Wahrscheinlich außer zwei Tage, wo wir mondän am Strand von Ahlbeck bummeln wollen. Da wird es noch einmal, äh, heiß hergehen.)

Es mangelt an Patienten. Soll man dankbar sein? Oder sind bloß die Ärzte zu faul, sie uns zu schicken? Jedenfalls ist quasi nichts zu tun, bloß muß ich einen glattgegelten Jung-FDP-Wähler einarbeiten. Was sagt man der Jugend, wenn sie das Bachelor-System verteidigt, weil es einem erleichtere, Stoff für ausschließlich eine Klausur zu lernen, den man anschließend vollständig vergessen könne? Oder das Zentral-Abitur deswegen doof findet, weil dann in Englisch die Schüler vom John F. Kennedy-Gymnasium bevorzugt würden? Und wie stellt man sich den als Psychologen vor? (Ich habe immer noch ein Psychologen-Idealbild vor Augen, dem einige, aber längst nicht alle Psychologen, die ich kenne, entsprechen.)

Habe mich an alles gewöhnt - lange Fahrtzeiten, blöde Gespräche in der Bahn, Dominanz von Kaiser's-Supermärkten und Allgegenwärtigkeit von Schnee in allen Erscheinungsformen, auch immateriellen. Dann geht es jetzt schon wieder dem Ende zu. Das nächste Mal Bielefeld ist die Rückkehr, nicht der Besuch. Das nächste Mal Berlin ist hingegen wieder als Besuch zu werten. Welch ein Luxus, hier eine eigene Butze zu haben und abends heimzukehren, ohne im vermeintlichen ansonsten-Zeitverschwendungswahn noch hundert Leute zu treffen! Entspannt schaue ich aus der Straßenbahn und weiß, auch in vierzig Jahren werde ich all die Einzelheiten da draußen nicht erobert haben und trotzdem kein schlimmes Defizit erleiden. Großstadt entspannt, was die großen Erledigungsängste angeht.