Ein Anruf von einer 0381er-Nummer, und in weniger als vierzehn Tagen werde ich mich zum ersten Mal aus ganz freien Stücken nach Rostock begeben - um quasi am Strande der Unterwarnow entspannt mit Chefarzt und Neuropsychologin über kognitive Defizite bei Multipler Sklerose zu plaudern. Oder so was in der Art.
Dass ich filmreif inmitten der Fachschaftssitzung, von dem entscheidenden Anruf ereilt, über Tisch und Bänke hüpfte, machte es fast noch schöner als auch schon. Schließlich ist der Gebrauch von Mobiltelephonen während derartiger Veranstaltungen unzulässig.
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Mittwoch, 24. November 2010
Donnerstag, 23. September 2010
Wofür brauchen "Sport"schützen Ballerwaffen?
Amok ist zunächst ein kulturspezifisches psychisches Phänomen in Indonesien und Malaysia und beschreibt eine "willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich destruktiven Verhaltens, gefolgt von Amnesie oder Erschöpfung. Viele Episoden gipfeln im Suizid. Die meisten Ereignisse treten ohne Vorwarnung auf, einigen geht ein Zeitraum mit intensiver Angst und Feindseligkeit voraus (...)" [International Classification of Mental and Behavioural Disorders (ICD-10), German Version, WHO]
Insofern habe ich zwar das Gefühl, dass einige der als solche benannten gar keine "echten" Amokläufe waren, aber wie man es letzten Endes nennt, wenn einer aus dem Haus geht und scheinbar ziel- und wahllos Menschen tötet, ist selbst Begriffsfanatikern wie mir ziemlich egal.
Was mir nicht egal ist, sind die reflexartigen Entgegnungen der ichsachjetzmalvereinfachend Waffenlobby und ihrer Büttel, dass ja nicht die Waffe (oder das Sportschützentum an sich) das Problem sei, sondern der Mensch, der mit der Waffe losgehe und auf andere schieße; außerdem hätten wir ja in Deutschland sowieso das schärfste Waffenrecht auf der Welt, und nur weil sich Einzelpersonen nicht an das geltende Recht halten, komme es zu leider bedauerlichen Zwischenfällen, was aber niemals ein zentrales Einschließen oder gar ein Verbot von "Sport"waffen rechtfertigen könne. Typisch Deutschland, so ist auch oft zu lesen, immer alles verbieten, nicht mal "Sport" dürfe man treiben, in der Gemeinschaft, usw.
Ich bin ganz klar positioniert: Schießen ist kein Sport. Alles, was über Luftdruckwaffen hinausgeht, gehört für den zivilen Bereich verboten. Wer sich darin üben will, auf eine Scheibe mit aufgemalten Kreisen zu schießen, kann das sehr gut mit einem Luftgewehr tun. Ich habe das selbst einmal ausprobiert und habe festgestellt, dass das funktioniert. Wer Sport treiben will um des Sportes willen, kann auch Mitglied in einem der gefühlten 132.000 Sportvereine in Deutschland werden, die sich so praktischen Tätigkeiten wie Laufen, Schwimmen oder Kanufahren widmen.
Natürlich gibt es Millionen "Sport"schützen in diesem Land, die noch nicht Amok gelaufen sind oder auch nur ihre krebskranke Katze erschossen haben, um die Einschläferungskosten zu sparen.
Wenn jemand, der psychisch gestört ist und infolgedessen Rachegefühle hat, die in die Tat umgesetzt werden wollen, dann kann er sich im Normalfall ein Küchenmesser schnappen und damit losziehen. Ganz schöne Sauerei. Oder er schubst jemanden vor die U-Bahn. Das hat es in Berlin tatsächlich mal gegeben, und niemand ist auf die Idee gekommen, deswegen die U-Bahn abzuschaffen. Es ist aber gar nicht so einfach, sehr viele Menschen auf einmal zu töten, wenn man weder Sprengstoff noch Schusswaffen hat. Und anders als viele "Sport"schützen in diversen Leserbriefen behaupten ist es auch nicht ganz leicht, illegal an eine Schusswaffe zu kommen. Vor allem geht es nicht schnell, was impulsive Taten ausschließt. Aber waren denn die "Amokläufe" in den Schulen impulsiv? Eher nicht, insbesondere der Erfurter Täter hatte seine Tat geplant und nahezu inszeniert. Es plant sich aber leichter, wenn man schon weiß, dass die Waffe in Reichweite herumliegt. Zum Beispiel bei Papa im Schlafzimmerschrank.
Die aktuell besprochene Täterin ist nun wieder keine typische Amokläuferin, einfach schon weil sie weiblich, gebildet, nicht benachteiligt und angeblich nicht psychisch krank gewesen ist. Interessanterweise halte ich ihre Tat auch nicht für einen typischen Amoklauf, sondern eher für eine typische und tragische Beziehungstat. Aber wäre sie mit dem Küchenmesser noch ins Krankenhaus rübergelaufen? Und schafft es eine gewöhnliche Frau überhaupt, einen gewöhnlichen Mann, wenn der jetzt nicht gerade im Tiefschlaf ist, mit einem Messer einfach so umzubringen? Schusswaffen verkehren die Kräfteverhältnisse, einer gegen viele, Schwache gegen Starke.
Ein Kommentar, der die Sachlage mit all den legalen Waffen gut wiedergibt, beschrieb, wie ein Ehepaar abends auf dem Sofa sitzt und überlegt, ob es - rein theoretisch - morgen "einfach mal so" Amok laufen könnte. Antwort: Nein. Keine eigenen Waffen, keine Bekannten, die welche haben, usw. Bei Millionen Sportschützen im Lande ist das wahrscheinlich schon der unwahrscheinliche Zufall. Eher kennt man immer irgendjemanden mit 'ner Knarre. Schlimmstenfalls den eigenen Vater, der aus dubiosen Gründen heraus glaubt, seine Familie jede Nacht mit der Kanone unterm Kopfkissen vor Einbrechern oder der Roten Armee schützen zu müssen.
Jede Schusswaffe ist eine zuviel. Wenn die Schützenvereine nicht willens sind, in ihren Schießanlagen für eine ordnungsgemäße Sicherung der "Sport"waffen zu sorgen, muss die "Sport"schießerei eben abgeschafft werden. Im Einzelfall ist das vielleicht dramatisch, weil man kurz vor der Qualifikation zur Europameisterschaft im Ballern steht und dann nicht mehr üben kann. Der Einzelfall des unbeteiligten Getöteten ist sicherlich mindestens gleichwertig dramatisch.
Es hat vereinzelt Amokläufe ohne Schusswaffen gegeben, zum Beispiel Personen, die mit Autos in Menschenmengen rasen, oder der Messerstecher während der Eröffnung des Hauptbahnhofs in Berlin. Es liegt für mich aber auf der Hand, dass wir wegen des Risikos eines Tötungsdeliktes nicht auf das Zerschneiden von Zwiebeln verzichten können, und wenn aus der Tatsache der impliziten Tödlichkeit von Automobilen überhaupt ein Schluss zu ziehen ist, dann sollte man das Tempolimit auf den Autobahnen endlich einführen, damit könnte man wirklich mehr Leben retten als die 60, die in den vergangenen 15 Jahren durch Missbrauch von "Sport"waffen umgekommen sind.
Ich glaube ja nicht mal, dass es sich in Deutschland um eine "Waffenlobby" handelt. Es ist eher so eine typisch deutsche Vereinslobby, die in ihrem Gebaren extrem unwichtig (was interessiert es, was Leute in ihrer Freizeit so treiben?), in den Folgen ihrer Lobbyarbeit aber offensichtlich erheblich erfolgreich sind.
Insofern habe ich zwar das Gefühl, dass einige der als solche benannten gar keine "echten" Amokläufe waren, aber wie man es letzten Endes nennt, wenn einer aus dem Haus geht und scheinbar ziel- und wahllos Menschen tötet, ist selbst Begriffsfanatikern wie mir ziemlich egal.
Was mir nicht egal ist, sind die reflexartigen Entgegnungen der ichsachjetzmalvereinfachend Waffenlobby und ihrer Büttel, dass ja nicht die Waffe (oder das Sportschützentum an sich) das Problem sei, sondern der Mensch, der mit der Waffe losgehe und auf andere schieße; außerdem hätten wir ja in Deutschland sowieso das schärfste Waffenrecht auf der Welt, und nur weil sich Einzelpersonen nicht an das geltende Recht halten, komme es zu leider bedauerlichen Zwischenfällen, was aber niemals ein zentrales Einschließen oder gar ein Verbot von "Sport"waffen rechtfertigen könne. Typisch Deutschland, so ist auch oft zu lesen, immer alles verbieten, nicht mal "Sport" dürfe man treiben, in der Gemeinschaft, usw.
Ich bin ganz klar positioniert: Schießen ist kein Sport. Alles, was über Luftdruckwaffen hinausgeht, gehört für den zivilen Bereich verboten. Wer sich darin üben will, auf eine Scheibe mit aufgemalten Kreisen zu schießen, kann das sehr gut mit einem Luftgewehr tun. Ich habe das selbst einmal ausprobiert und habe festgestellt, dass das funktioniert. Wer Sport treiben will um des Sportes willen, kann auch Mitglied in einem der gefühlten 132.000 Sportvereine in Deutschland werden, die sich so praktischen Tätigkeiten wie Laufen, Schwimmen oder Kanufahren widmen.
Natürlich gibt es Millionen "Sport"schützen in diesem Land, die noch nicht Amok gelaufen sind oder auch nur ihre krebskranke Katze erschossen haben, um die Einschläferungskosten zu sparen.
Wenn jemand, der psychisch gestört ist und infolgedessen Rachegefühle hat, die in die Tat umgesetzt werden wollen, dann kann er sich im Normalfall ein Küchenmesser schnappen und damit losziehen. Ganz schöne Sauerei. Oder er schubst jemanden vor die U-Bahn. Das hat es in Berlin tatsächlich mal gegeben, und niemand ist auf die Idee gekommen, deswegen die U-Bahn abzuschaffen. Es ist aber gar nicht so einfach, sehr viele Menschen auf einmal zu töten, wenn man weder Sprengstoff noch Schusswaffen hat. Und anders als viele "Sport"schützen in diversen Leserbriefen behaupten ist es auch nicht ganz leicht, illegal an eine Schusswaffe zu kommen. Vor allem geht es nicht schnell, was impulsive Taten ausschließt. Aber waren denn die "Amokläufe" in den Schulen impulsiv? Eher nicht, insbesondere der Erfurter Täter hatte seine Tat geplant und nahezu inszeniert. Es plant sich aber leichter, wenn man schon weiß, dass die Waffe in Reichweite herumliegt. Zum Beispiel bei Papa im Schlafzimmerschrank.
Die aktuell besprochene Täterin ist nun wieder keine typische Amokläuferin, einfach schon weil sie weiblich, gebildet, nicht benachteiligt und angeblich nicht psychisch krank gewesen ist. Interessanterweise halte ich ihre Tat auch nicht für einen typischen Amoklauf, sondern eher für eine typische und tragische Beziehungstat. Aber wäre sie mit dem Küchenmesser noch ins Krankenhaus rübergelaufen? Und schafft es eine gewöhnliche Frau überhaupt, einen gewöhnlichen Mann, wenn der jetzt nicht gerade im Tiefschlaf ist, mit einem Messer einfach so umzubringen? Schusswaffen verkehren die Kräfteverhältnisse, einer gegen viele, Schwache gegen Starke.
Ein Kommentar, der die Sachlage mit all den legalen Waffen gut wiedergibt, beschrieb, wie ein Ehepaar abends auf dem Sofa sitzt und überlegt, ob es - rein theoretisch - morgen "einfach mal so" Amok laufen könnte. Antwort: Nein. Keine eigenen Waffen, keine Bekannten, die welche haben, usw. Bei Millionen Sportschützen im Lande ist das wahrscheinlich schon der unwahrscheinliche Zufall. Eher kennt man immer irgendjemanden mit 'ner Knarre. Schlimmstenfalls den eigenen Vater, der aus dubiosen Gründen heraus glaubt, seine Familie jede Nacht mit der Kanone unterm Kopfkissen vor Einbrechern oder der Roten Armee schützen zu müssen.
Jede Schusswaffe ist eine zuviel. Wenn die Schützenvereine nicht willens sind, in ihren Schießanlagen für eine ordnungsgemäße Sicherung der "Sport"waffen zu sorgen, muss die "Sport"schießerei eben abgeschafft werden. Im Einzelfall ist das vielleicht dramatisch, weil man kurz vor der Qualifikation zur Europameisterschaft im Ballern steht und dann nicht mehr üben kann. Der Einzelfall des unbeteiligten Getöteten ist sicherlich mindestens gleichwertig dramatisch.
Es hat vereinzelt Amokläufe ohne Schusswaffen gegeben, zum Beispiel Personen, die mit Autos in Menschenmengen rasen, oder der Messerstecher während der Eröffnung des Hauptbahnhofs in Berlin. Es liegt für mich aber auf der Hand, dass wir wegen des Risikos eines Tötungsdeliktes nicht auf das Zerschneiden von Zwiebeln verzichten können, und wenn aus der Tatsache der impliziten Tödlichkeit von Automobilen überhaupt ein Schluss zu ziehen ist, dann sollte man das Tempolimit auf den Autobahnen endlich einführen, damit könnte man wirklich mehr Leben retten als die 60, die in den vergangenen 15 Jahren durch Missbrauch von "Sport"waffen umgekommen sind.
Ich glaube ja nicht mal, dass es sich in Deutschland um eine "Waffenlobby" handelt. Es ist eher so eine typisch deutsche Vereinslobby, die in ihrem Gebaren extrem unwichtig (was interessiert es, was Leute in ihrer Freizeit so treiben?), in den Folgen ihrer Lobbyarbeit aber offensichtlich erheblich erfolgreich sind.
Samstag, 20. März 2010
Kleider und IQ-Punkte machen Leute
Zwei Patienten, wie sie gegensätzlicher nicht sein können, und doch sollten sie beide einen Platz in einer Gesellschaft haben, die großen Wert auf die Menschenwürde und den Gleichheitsgedanken legt.
Der eine, ein überdurchschnittlich begabter Betriebswirtschaftler, erleidet unschuldig einen Verkehrsunfall, infolgedessen er Rippenbrüche und einen Darmabriß erleidet. Nach unzähligen Operationen, ist er inklusive des freilich nun verkürzten Darmes einigermaßen wiederhergestellt und versucht über das Hamburger Modell die Wiedereingliederung in den Beruf. Einen Tag vor der Untersuchung hat er seinen positiven Erwerbsunfähigkeitsrentenbescheid bekommen.
Der andere ist nur wenig älter, hat nach acht Schuljahren die Sonderschule verlassen und nie eine ordentliche Ausbildung erhalten. Da er aus irgendeinem Grunde vor dreißig Jahren von einer Brücke auf ein S-Bahn-Gleis fiel und sich bei der Gelegenheit die Wirbelsäule brach, ist er für die im ungelernten Bereich üblichen körperlichen Arbeiten wenig geeignet, und andere Arbeit gibt es für ihn nicht. Trotzdem sitzt er nach wie vor auf Hartz IV. Ein Rentenantrag wird abgelehnt, während der Verhandlung über den Widerspruch äußert ein Gutachter, daß Bewohner des Stadtbezirks Neukölln ja wohl selber schuld seien, wenn sie da lebten und vor die Hunde gingen.
Wer mich kennt, wird sich lebhaft vorstellen können, daß ich da an die Decke gehe.
Wenn mir Herr Westerwelle auch nur einen Job zeigen könnte, der für den zweiten Patienten geeignet wäre und zur Verfügung stünde, dann würde ich seine Auslassungen nachvollziehen können. Welcher Zacken dem Sozialstaat im übrigen aus der Krone bräche, wenn der zweite Patient sein 300 Öre Frührente bekäme, bleibt mir übrigens ebenfalls unklar.
Beide Patienten sind von ihren Voraussetzungen her nicht gleich, aber sie sollten, nach dem Grundgesetz, vor dem Gesetz und dem Sozialstaat neben allen seinen Auswüchsen gleich behandelt werden. Werden sie aber nicht. Einer ist intelligent, eloquent, in adäquate Textilien gehüllt und kennt seine Rechte. Der andere trägt eine zu enge Jeans und viel Blech im Gesicht, kann sich keine drei Wörter merken und hat einen Intelligenzquotienten an der Grenze zur geistigen Behinderung. Dann darf er sich noch von einem amtsmüden und offensichtlich ungeeigneten Gutachter anhören, daß er sich das mit Neukölln ja mal hätte besser überlegen können! Ich glaub', es hackt! Der Gutachter sollte mir nicht im Dunkeln oder überhaupt irgendwo begegnen!
Der erste Patient, der im übrigen ja trotzdem auch eine arme Sau ist, mit wahrscheinlich dauerhaften und durchaus spürbaren Beeinträchtigungen, hat nun die Wahl: sich mit Mitte vierzig zur Ruhe setzen, die EU-Rente genießen und reisen oder sonstwie nett leben? Oder doch arbeiten gehen, die Belastungsfähigkeit austesten, was leisten. Sonst zählt ja hierzulande nichts.
Der zweite Patient hat keine Wahl. Ich hab ihm mal, weil das ja offensichtlich sonst keiner macht, den sozialpsychiatrischen Dienst von Neukölln rausgesucht und aufgeschrieben. Ich hoffe er meldet sich da. Zwingen kann man ihn ja, gottseidank, nicht.
Der eine, ein überdurchschnittlich begabter Betriebswirtschaftler, erleidet unschuldig einen Verkehrsunfall, infolgedessen er Rippenbrüche und einen Darmabriß erleidet. Nach unzähligen Operationen, ist er inklusive des freilich nun verkürzten Darmes einigermaßen wiederhergestellt und versucht über das Hamburger Modell die Wiedereingliederung in den Beruf. Einen Tag vor der Untersuchung hat er seinen positiven Erwerbsunfähigkeitsrentenbescheid bekommen.
Der andere ist nur wenig älter, hat nach acht Schuljahren die Sonderschule verlassen und nie eine ordentliche Ausbildung erhalten. Da er aus irgendeinem Grunde vor dreißig Jahren von einer Brücke auf ein S-Bahn-Gleis fiel und sich bei der Gelegenheit die Wirbelsäule brach, ist er für die im ungelernten Bereich üblichen körperlichen Arbeiten wenig geeignet, und andere Arbeit gibt es für ihn nicht. Trotzdem sitzt er nach wie vor auf Hartz IV. Ein Rentenantrag wird abgelehnt, während der Verhandlung über den Widerspruch äußert ein Gutachter, daß Bewohner des Stadtbezirks Neukölln ja wohl selber schuld seien, wenn sie da lebten und vor die Hunde gingen.
Wer mich kennt, wird sich lebhaft vorstellen können, daß ich da an die Decke gehe.
Wenn mir Herr Westerwelle auch nur einen Job zeigen könnte, der für den zweiten Patienten geeignet wäre und zur Verfügung stünde, dann würde ich seine Auslassungen nachvollziehen können. Welcher Zacken dem Sozialstaat im übrigen aus der Krone bräche, wenn der zweite Patient sein 300 Öre Frührente bekäme, bleibt mir übrigens ebenfalls unklar.
Beide Patienten sind von ihren Voraussetzungen her nicht gleich, aber sie sollten, nach dem Grundgesetz, vor dem Gesetz und dem Sozialstaat neben allen seinen Auswüchsen gleich behandelt werden. Werden sie aber nicht. Einer ist intelligent, eloquent, in adäquate Textilien gehüllt und kennt seine Rechte. Der andere trägt eine zu enge Jeans und viel Blech im Gesicht, kann sich keine drei Wörter merken und hat einen Intelligenzquotienten an der Grenze zur geistigen Behinderung. Dann darf er sich noch von einem amtsmüden und offensichtlich ungeeigneten Gutachter anhören, daß er sich das mit Neukölln ja mal hätte besser überlegen können! Ich glaub', es hackt! Der Gutachter sollte mir nicht im Dunkeln oder überhaupt irgendwo begegnen!
Der erste Patient, der im übrigen ja trotzdem auch eine arme Sau ist, mit wahrscheinlich dauerhaften und durchaus spürbaren Beeinträchtigungen, hat nun die Wahl: sich mit Mitte vierzig zur Ruhe setzen, die EU-Rente genießen und reisen oder sonstwie nett leben? Oder doch arbeiten gehen, die Belastungsfähigkeit austesten, was leisten. Sonst zählt ja hierzulande nichts.
Der zweite Patient hat keine Wahl. Ich hab ihm mal, weil das ja offensichtlich sonst keiner macht, den sozialpsychiatrischen Dienst von Neukölln rausgesucht und aufgeschrieben. Ich hoffe er meldet sich da. Zwingen kann man ihn ja, gottseidank, nicht.
Samstag, 6. März 2010
Seltsame Häufungen
Am interessantesten an der ganzen Arbeit ist sicherlich das Phänomen, dass es in einigen Wochen immer wieder irgendwelche Häufungen zu beobachten gibt. Da man am Tag niemals mehr als drei Patienten zu Gesicht bekommt, kann es nicht an einer verzerrten Aufmerksamkeit infolge eines Einzelerlebnisses liegen.
Noch zu Beginn hatte ich mehrmals Opis, die Demenzangst hatten, aber über 80 und fit wie Turnschuhe waren. Nur einer hingegen war wirklich dement. Dann hatte ich tagelang Leute, die aus unterschiedlichen Gründen Gesichtsfelddefekte hatten. Zwischendurch hatte ich eine plötzliche Aphasie-Häufung, d.h. die Patienten hatten aktuell keine Aphasie, aber entweder Sprachprobleme, oder sie waren in der Vergangenheit aphasisch gewesen, z.B. infolge Schlaganfall (die Häufung war so auffällig, dass ich dringend eine Aphasie-Checkliste finden mußte, weil ich mit dem behämmerten Aachener Aphasietest ja sowas von nicht zurechtkam - man stelle sich das einmal vor: ich untersuche die Patientin mit dem anderen Gedöns, und die Lieblingsmitpraktikantin liest sich eben in die AAT-Handhabung ein!). Nach Wochen ohne einen einzigen weiblichen Patienten rennen mir die Damen fast die Türe ein, so daß ich zwischendrin kurz überlegen mußte, wann ich eigentlich das letzte Mal einen Mann untersucht habe.
Einen Tag sitze ich in der Straßenbahn inmitten einer französischen Klassenfahrt. Am nächsten Tag erklimmt ein zweisprachig-deutsch-französisch-Kindergarten die Bahn, und in der Mensa gibt es Coq à vin. Eine Woche später fahre ich mit der M4, begleitet von einer Rotte russischer Punks, die sich über die Alkoholgehalte verschiedener Wodkamarken unterhalten. Auf russisch natürlich. Gleichen Tags haben wir einen russischen Patienten, der von seiner dolmetschenden Tochter begleitet wird, die während der Untersuchung kaum im Zaum zu halten ist. Die Mensa bringt Soljanka.
Wenn es seltsam anmutende Antworten gibt in den Testverfahren, dann häufen sie sich tageweise. In einer Wortflüssigkeitsaufgabe müssen binnen einer Minute so viele Tiere aufgezählt werden, wie den Patienten eben einfallen. An einem Tag war die erste Nennung zweimal Rhinozeros, sonst kam das Tier nie vor. Auch die Nennung anderer ungewöhnlicher Tiere häuft sich jeweils nach Tagen. So gab es an einem Tag zweimal die Reihung Ameise - Bär - Ameisenbär, sonst niemals, selbst wenn die beiden ersten Tiere genannt wurden. Auch in einer anderen Aufgabe, bei der einfach Bilder von Objekten benannt werden sollen, kommt es zu tagesformabhängigen Gleichnennungen: Die im letzten Bild zu sehenden Dominosteine wurden jeweils, im Brustton der Überzeugung, mit dem Ausruf Mikado! begrüßt. (Dann nicht laut loszulachen ist schwer. Tip: Das Prusten unterdrücken, das Lächeln nicht. Und anschließend kurz mit dem Patienten darüber sprechen, warum ihm das Mikado zuerst eingefallen ist, und den Begriff des semantischen Feldes erobern.)
Ich liebe diesen Beruf. Er ist bloß schwer zu erlernen.
Noch zu Beginn hatte ich mehrmals Opis, die Demenzangst hatten, aber über 80 und fit wie Turnschuhe waren. Nur einer hingegen war wirklich dement. Dann hatte ich tagelang Leute, die aus unterschiedlichen Gründen Gesichtsfelddefekte hatten. Zwischendurch hatte ich eine plötzliche Aphasie-Häufung, d.h. die Patienten hatten aktuell keine Aphasie, aber entweder Sprachprobleme, oder sie waren in der Vergangenheit aphasisch gewesen, z.B. infolge Schlaganfall (die Häufung war so auffällig, dass ich dringend eine Aphasie-Checkliste finden mußte, weil ich mit dem behämmerten Aachener Aphasietest ja sowas von nicht zurechtkam - man stelle sich das einmal vor: ich untersuche die Patientin mit dem anderen Gedöns, und die Lieblingsmitpraktikantin liest sich eben in die AAT-Handhabung ein!). Nach Wochen ohne einen einzigen weiblichen Patienten rennen mir die Damen fast die Türe ein, so daß ich zwischendrin kurz überlegen mußte, wann ich eigentlich das letzte Mal einen Mann untersucht habe.
Einen Tag sitze ich in der Straßenbahn inmitten einer französischen Klassenfahrt. Am nächsten Tag erklimmt ein zweisprachig-deutsch-französisch-Kindergarten die Bahn, und in der Mensa gibt es Coq à vin. Eine Woche später fahre ich mit der M4, begleitet von einer Rotte russischer Punks, die sich über die Alkoholgehalte verschiedener Wodkamarken unterhalten. Auf russisch natürlich. Gleichen Tags haben wir einen russischen Patienten, der von seiner dolmetschenden Tochter begleitet wird, die während der Untersuchung kaum im Zaum zu halten ist. Die Mensa bringt Soljanka.
Wenn es seltsam anmutende Antworten gibt in den Testverfahren, dann häufen sie sich tageweise. In einer Wortflüssigkeitsaufgabe müssen binnen einer Minute so viele Tiere aufgezählt werden, wie den Patienten eben einfallen. An einem Tag war die erste Nennung zweimal Rhinozeros, sonst kam das Tier nie vor. Auch die Nennung anderer ungewöhnlicher Tiere häuft sich jeweils nach Tagen. So gab es an einem Tag zweimal die Reihung Ameise - Bär - Ameisenbär, sonst niemals, selbst wenn die beiden ersten Tiere genannt wurden. Auch in einer anderen Aufgabe, bei der einfach Bilder von Objekten benannt werden sollen, kommt es zu tagesformabhängigen Gleichnennungen: Die im letzten Bild zu sehenden Dominosteine wurden jeweils, im Brustton der Überzeugung, mit dem Ausruf Mikado! begrüßt. (Dann nicht laut loszulachen ist schwer. Tip: Das Prusten unterdrücken, das Lächeln nicht. Und anschließend kurz mit dem Patienten darüber sprechen, warum ihm das Mikado zuerst eingefallen ist, und den Begriff des semantischen Feldes erobern.)
Ich liebe diesen Beruf. Er ist bloß schwer zu erlernen.
Herr B. und Herr C.
Gewaltig ist die Angst vor der Demenz, dabei ist sie mitnichten das einzige, das uns ereilen kann und uns alles nimmt, was uns teuer ist: das Gedächtnis, die Intelligenz, die Freude und den Schmerz. Herr C. wartet bereits auf dem Flur, in Begleitung seiner asiatisch anmutenden, zierlichen Frau, die draußen auf ihn warten wird. Er trägt einen gleichfalls asiatisch anmutenden Morgenmantel aus schwerer, bestickter Seide. Der Dialekt ist gefärbt, vermutlich hessisch, der Mann ist, wie es im internistischen Befund heißt, "von adipösem Ernährungszustand", überhaupt stehen in diesen Befunden immer Intima über die Patienten drin, als sollten diese jene nicht lesen! Mindestens vier Sprachen spricht er, außer deutsch, er ist im Auswärtigen Amt, er hat sein Leben dem diplomatischen Dienst gewidmet (und gleich denke ich an meine eigenen Bekannten, die in irgendeiner Form mit Diplomatie in Berührung kamen oder sind), er war in verschiedenen arabischen Ländern und in der Sowjetunion und später Russland, Sibirien; seine Frau ist aus der Mongolei. Eine Enzephalitis unterbrach den Dienst in Saudi-Arabien, der Diplomat wird per Learjet nach Deutschland geflogen, er behält sich eine symptomatische Epilepsie, wegen der er gerade in der Charité liegt. Ob sie ihn nochmal hinbekommen, daß er wieder arbeiten kann?
Herr B. ist vergeßlich; findet manchmal den Weg zurück nicht, wenn er spazieren geht; Krimis sind ihm zu schnell, er kann oft nicht folgen und hat Schwierigkeiten, sich die Gesichter einzuprägen. Daß es mir genauso geht, ließ er nicht gelten! Auch er hat sein Leben lang gearbeitet; er hat eine geheimnisvoll klingende Berufsbezeichnung namens Lichtpauser erworben und dann eigentlich immer auf dem Bau gearbeitet. 1973 hat er der DDR mit Frau und Kind den Rücken gekehrt. Sein Fluchtgerät sei im Museum in der Friedrichstraße ausgestellt, das muß ich mir noch angucken! Und auf die Frage, ob seine Frau oder beide gemeinsam den Haushalt führen würden, guckt er mich groß an und sagt Das mache ich! Er sei bereits früh verwitwet und habe sich dann zehn Jahre mit dem Kind allein durchgeschlagen, zu einer Zeit, in der ein alleinerziehender Vater mit Sicherheit überhaupt nicht hip war, und seither sei er ein ausgesprochener Hausmann, gerade, daß seine Frau Wünsche äußern dürfe. Ein ganz und gar "unsoftiger" Typ, nett, aber von normal männlicher Erscheinung. Hätte man einfach nicht gedacht (und dann im Vergleich der 73jährige, der angibt, seit seiner Verwitwung in Thailand mit zwei Frauen in einem Haushalt zu leben, den die Damen führten, oder mein Lieblingsparkinsoner, der meistenteils bei seiner Frau lebte und dazu noch einen eigenen Haushalt hatte, wo er hingehen könne, wenn seine Frau zu anstrengend wird (oder er der Frau), und beide Haushalte wurden allein von der Frau geführt).
Ich habe gemerkt, daß es mir egal ist, ob einer mit den Händen oder mit seinem Hirn Geld verdient und Werte schafft (und ob diese Werte geistiger oder monetärer Art sind). Manche der Handarbeiter brachten ein reges Interesse und eine gewisse Furchtlosigkeit mit oder überraschten mit eigenwilligen Lebenskonstellationen. Die meisten meiner Patienten waren mir sympathisch, und die, die es nicht waren, brachten ein ganzes Bündel an antipathierelevanten Eigenschaften mit. Sympathie kam immer auf, wenn die Leute in ihrem Leben immer das beste draus gemacht haben, gekämpft, wenn zu kämpfen war, und hingenommen, wenn die Umstände nicht zu ändern waren. Einer sagte, ich nehme diese Beeinträchtigungen nicht einfach hin; ich will wissen, was es ist und was man dagegen tun kann. Auch wenn es nicht heilbar ist, will ich es dennoch wissen: ob ich es hinzunehmen oder zu bekämpfen habe.
Schlußendlich, wenn ich es mir recht überlege, können Herr B. und Herr C. nur hinnehmen: das Alter bzw. die Enzephalitis. Trotzdem sind sie in der Charité: um die Möglichkeiten auszuschöpfen, und das ist richtig so. (Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.)
Herr B. ist vergeßlich; findet manchmal den Weg zurück nicht, wenn er spazieren geht; Krimis sind ihm zu schnell, er kann oft nicht folgen und hat Schwierigkeiten, sich die Gesichter einzuprägen. Daß es mir genauso geht, ließ er nicht gelten! Auch er hat sein Leben lang gearbeitet; er hat eine geheimnisvoll klingende Berufsbezeichnung namens Lichtpauser erworben und dann eigentlich immer auf dem Bau gearbeitet. 1973 hat er der DDR mit Frau und Kind den Rücken gekehrt. Sein Fluchtgerät sei im Museum in der Friedrichstraße ausgestellt, das muß ich mir noch angucken! Und auf die Frage, ob seine Frau oder beide gemeinsam den Haushalt führen würden, guckt er mich groß an und sagt Das mache ich! Er sei bereits früh verwitwet und habe sich dann zehn Jahre mit dem Kind allein durchgeschlagen, zu einer Zeit, in der ein alleinerziehender Vater mit Sicherheit überhaupt nicht hip war, und seither sei er ein ausgesprochener Hausmann, gerade, daß seine Frau Wünsche äußern dürfe. Ein ganz und gar "unsoftiger" Typ, nett, aber von normal männlicher Erscheinung. Hätte man einfach nicht gedacht (und dann im Vergleich der 73jährige, der angibt, seit seiner Verwitwung in Thailand mit zwei Frauen in einem Haushalt zu leben, den die Damen führten, oder mein Lieblingsparkinsoner, der meistenteils bei seiner Frau lebte und dazu noch einen eigenen Haushalt hatte, wo er hingehen könne, wenn seine Frau zu anstrengend wird (oder er der Frau), und beide Haushalte wurden allein von der Frau geführt).
Ich habe gemerkt, daß es mir egal ist, ob einer mit den Händen oder mit seinem Hirn Geld verdient und Werte schafft (und ob diese Werte geistiger oder monetärer Art sind). Manche der Handarbeiter brachten ein reges Interesse und eine gewisse Furchtlosigkeit mit oder überraschten mit eigenwilligen Lebenskonstellationen. Die meisten meiner Patienten waren mir sympathisch, und die, die es nicht waren, brachten ein ganzes Bündel an antipathierelevanten Eigenschaften mit. Sympathie kam immer auf, wenn die Leute in ihrem Leben immer das beste draus gemacht haben, gekämpft, wenn zu kämpfen war, und hingenommen, wenn die Umstände nicht zu ändern waren. Einer sagte, ich nehme diese Beeinträchtigungen nicht einfach hin; ich will wissen, was es ist und was man dagegen tun kann. Auch wenn es nicht heilbar ist, will ich es dennoch wissen: ob ich es hinzunehmen oder zu bekämpfen habe.
Schlußendlich, wenn ich es mir recht überlege, können Herr B. und Herr C. nur hinnehmen: das Alter bzw. die Enzephalitis. Trotzdem sind sie in der Charité: um die Möglichkeiten auszuschöpfen, und das ist richtig so. (Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.)
Mittwoch, 3. März 2010
Mein erster Bulle
Heute war ein Polizist da. Der war nett und klug. Eigentlich war er so, wie jeder Polizist, gemessen an den Erfordernissen polizeilicher Aufgaben, sein sollte, bloß ist der Dienst für die, die intelligent und menschenfreundlich und dann auch körperlich geschmeidig sind, eben nicht attraktiv genug. Aber das wollte ich nicht erzählen.
Der Polizist hat seit längerer Zeit Benommenheits- und Übelkeitszustände, manchmal Kopfschmerz, und eine unklare Sensibilitätsstörung am Kopf (vulgo: Taubheitsgefühle). Bis jetzt hat noch keiner rausgefunden, was es ist (und ja, Ärzte überschätzen sehr schnell ihre eigenen Kompetenz- und Zuständigkeitszugehörigkeiten, aber dazu später vielleicht mehr). Bereitwillig läßt sich der Polizist zu Psychologen und Psychiatern schicken, was ja landläufig immer als Zeichen für Einbildung und Psychosomatik gilt. Aber die finden auch nichts, keine Somatisierungsstörung, keine Depression. Was bleibt, ist die Benommenheit und die Übelkeit. Der Polizist geht weiter arbeiten. Nun wurde es innerhalb weniger Tage, er sollte ohnehin bald geplant aufgenommen werden, so schlimm, daß er die Rettungsstelle aufsucht, jetzt ist er in der Charité, und ich hoffe, daß unsere tüchtigen Neurologen endlich auch was-auch-immer-es-ist bei ihm ausmachen und behandeln.
So landläufig, so langweilig. Viele unserer Patienten haben vergleichbare Hürdenläufe hinter sich und landen in der Charité, weil endlich irgendwann einmal ein Arzt einknickt und die Kompetenz ans Uniklinikum abtritt. (Es gibt ja einen sogenannten Provinzehrgeiz: Wir schaffen das schon alleine, wir brauchen das BKA/ die Charité/ das Oberlandesgericht nicht.) Aber der Polizist beeindruckte mich mit seiner Entschlossenheit, die Wahrheit erfahren zu wollen, und seiner Bereitschaft, ihr, wenn sie denn ans Licht gezerrt ist, ins Auge zu schauen. Die mir in der Anmeldung vom Stationsarzt fast hämisch untergeschobene verdächtigte "lavierte Depression" (die es im Diagnosemanual eh nicht mehr gibt, aber da scheinen Ärzte ja öfter nicht reinzuschauen, wenn sie einem auch endogene und reaktive Depressionen und Psychosyndrome und Pseudodemenzen aufschreiben) konnte ich mithin nicht ausmachen. Der Polizist hätte sich auch mit einer Depressionsarbeitsdiagnose angefreundet, glaube ich. Aber was mein Weltbild, vielleicht nicht in Bezug auf Polizisten speziell, aber auf mittelständische Erfolgstytpen im allgemeinen etwas durcheinanderrüttelt, war die bedingungslos ehrliche Selbsteinschätzung seiner Situation vor der Erkrankung: Er habe einen Beruf, der ihm Spaß und lediglich "gesunden" Streß bereite, er habe eine Frau und zwei, wie er sich ausdrückte, wohlgeratene Kinder, mit denen er in einem schönen Haus lebe, und er malte dieses Bild nicht allzu idyllisch, nur eben so, wie es war, und er fügte hinzu: fast wie im Bilderbuch. Mit anderen Worten: Er ist glücklich. Oder gerade eben nicht? Wie oft hat er diese Gedanken, auch angestachelt von den teils bohrenden, teils heimtückisch-harmlosen Fragen der Phalanx von Psychotherapeuten, bereits gewälzt: Ist es ein goldener Käfig? Stimmt irgendwas nicht? Belüge ich mich selber, oder meine Frau, oder meine Kinder? Oder belügen die mich?
Am Ende kann er natürlich trotzdem eine Depression und sonst nix haben. Weil der Schein trügt. Weil er trotzdem unbewußt unzufrieden ist. Weil er einfach das 30prozentige Lebenszeitrisiko, eine zu entwickeln, abgegriffen hat. Gut. Aber nun stelle man sich vor, er hat eine limbische Enzephalitis. Das bekommt ein Psychiater mit seiner Somatisierungsstörung oder ein handelsüblicher Neurologe mit der lavierten Depression natürlich nicht heraus. Das würde er aber gar nicht bemerken, sondern den Patienten mit seinen unbestätigten Arbeitshypothesen quälen. Und auf Depression behandelt zu werden, wenn man keine hat, ist im besten Falle unproduktiv.
Der Polizist war ungeduldig, aber auch hartnäckig. Ich sagte das und bemerkte dazu, daß das wahrscheinlich die beiden Eigenschaften seien, die ihn zu einem vermutlich guten Polizisten machten, und da stimmte er nach kurzem Überlegen zu. Ich hoffe, daß wir viele von diesen Polizisten haben, und zwar überall - in Spezialeinheiten und im Streifendienst. Ich wünsche dem Polizisten, daß er genesen wird.
Der Polizist hat seit längerer Zeit Benommenheits- und Übelkeitszustände, manchmal Kopfschmerz, und eine unklare Sensibilitätsstörung am Kopf (vulgo: Taubheitsgefühle). Bis jetzt hat noch keiner rausgefunden, was es ist (und ja, Ärzte überschätzen sehr schnell ihre eigenen Kompetenz- und Zuständigkeitszugehörigkeiten, aber dazu später vielleicht mehr). Bereitwillig läßt sich der Polizist zu Psychologen und Psychiatern schicken, was ja landläufig immer als Zeichen für Einbildung und Psychosomatik gilt. Aber die finden auch nichts, keine Somatisierungsstörung, keine Depression. Was bleibt, ist die Benommenheit und die Übelkeit. Der Polizist geht weiter arbeiten. Nun wurde es innerhalb weniger Tage, er sollte ohnehin bald geplant aufgenommen werden, so schlimm, daß er die Rettungsstelle aufsucht, jetzt ist er in der Charité, und ich hoffe, daß unsere tüchtigen Neurologen endlich auch was-auch-immer-es-ist bei ihm ausmachen und behandeln.
So landläufig, so langweilig. Viele unserer Patienten haben vergleichbare Hürdenläufe hinter sich und landen in der Charité, weil endlich irgendwann einmal ein Arzt einknickt und die Kompetenz ans Uniklinikum abtritt. (Es gibt ja einen sogenannten Provinzehrgeiz: Wir schaffen das schon alleine, wir brauchen das BKA/ die Charité/ das Oberlandesgericht nicht.) Aber der Polizist beeindruckte mich mit seiner Entschlossenheit, die Wahrheit erfahren zu wollen, und seiner Bereitschaft, ihr, wenn sie denn ans Licht gezerrt ist, ins Auge zu schauen. Die mir in der Anmeldung vom Stationsarzt fast hämisch untergeschobene verdächtigte "lavierte Depression" (die es im Diagnosemanual eh nicht mehr gibt, aber da scheinen Ärzte ja öfter nicht reinzuschauen, wenn sie einem auch endogene und reaktive Depressionen und Psychosyndrome und Pseudodemenzen aufschreiben) konnte ich mithin nicht ausmachen. Der Polizist hätte sich auch mit einer Depressionsarbeitsdiagnose angefreundet, glaube ich. Aber was mein Weltbild, vielleicht nicht in Bezug auf Polizisten speziell, aber auf mittelständische Erfolgstytpen im allgemeinen etwas durcheinanderrüttelt, war die bedingungslos ehrliche Selbsteinschätzung seiner Situation vor der Erkrankung: Er habe einen Beruf, der ihm Spaß und lediglich "gesunden" Streß bereite, er habe eine Frau und zwei, wie er sich ausdrückte, wohlgeratene Kinder, mit denen er in einem schönen Haus lebe, und er malte dieses Bild nicht allzu idyllisch, nur eben so, wie es war, und er fügte hinzu: fast wie im Bilderbuch. Mit anderen Worten: Er ist glücklich. Oder gerade eben nicht? Wie oft hat er diese Gedanken, auch angestachelt von den teils bohrenden, teils heimtückisch-harmlosen Fragen der Phalanx von Psychotherapeuten, bereits gewälzt: Ist es ein goldener Käfig? Stimmt irgendwas nicht? Belüge ich mich selber, oder meine Frau, oder meine Kinder? Oder belügen die mich?
Am Ende kann er natürlich trotzdem eine Depression und sonst nix haben. Weil der Schein trügt. Weil er trotzdem unbewußt unzufrieden ist. Weil er einfach das 30prozentige Lebenszeitrisiko, eine zu entwickeln, abgegriffen hat. Gut. Aber nun stelle man sich vor, er hat eine limbische Enzephalitis. Das bekommt ein Psychiater mit seiner Somatisierungsstörung oder ein handelsüblicher Neurologe mit der lavierten Depression natürlich nicht heraus. Das würde er aber gar nicht bemerken, sondern den Patienten mit seinen unbestätigten Arbeitshypothesen quälen. Und auf Depression behandelt zu werden, wenn man keine hat, ist im besten Falle unproduktiv.
Der Polizist war ungeduldig, aber auch hartnäckig. Ich sagte das und bemerkte dazu, daß das wahrscheinlich die beiden Eigenschaften seien, die ihn zu einem vermutlich guten Polizisten machten, und da stimmte er nach kurzem Überlegen zu. Ich hoffe, daß wir viele von diesen Polizisten haben, und zwar überall - in Spezialeinheiten und im Streifendienst. Ich wünsche dem Polizisten, daß er genesen wird.
Sonntag, 7. Februar 2010
Was passiert
Einmal vorweg: Wir haben ja immer vor allem möglichen Angst, wenn es um unsere Gesundheit geht, meist vor Krebs, Demenz und vielleicht noch Schweinegrippe, wenn sie gerade IN ist. Aber nach einem Monat mit neurologischen Patienten habe ich vor ganz anderen Sachen Angst. Schlaganfall zum Beispiel. Oder NMDA-Rezeptor-Antikörper-Enzephalitis. Oder Leukenzephalopathie, hatte ich jetzt schon einige Patienten. Oder spinocerebelläre Ataxie, ist erblich und sowas von unheilbar, und es gibt je nach Genort ca. 17 verschiedene Sorten davon.
Was mich an der Neurologie so fasziniert, ist eben die Entdeckung des gesunden funktionierens anhand der Störungsbilder, die durch lokalisierbare Läsionen oder Entzündungen entstehen. Manchmal, bei Gesichtsfelddefekten z.B., ist das fast Eins-zu-eins ablesbar. Oder bei den verschiedenen Gedächtnisaufgaben, da sind manche mit Zahlen, manche mit Worten, und bei manchen muß man zeichnen. Da gibt es wirklich alle Kombinationsmöglichkeiten an Fähigkeiten, und hinterher sitzt man da und versucht zu begreifen, warum einer sechs Zahlen rückwärts wieder hersagen kann, aber schon beim Abzeichnen einer komplexen Figur völlig seine Grenzen austesten muß.
Ich gehe also gerne in diese Patientenkontakte. Ich habe einen weißen Kittel an und murmele meinen Namen und "Neuropsychologie", und für die nächsten neunzig Minuten bin ich Halbgöttin. Erwachsene, gestandene Männer sprechen mir Zahlenfolgen nach und hören sich fünfmal die Folge "Trommel, Vorhang, Glocke..." mit einem Ernst an, als sei ich die Hörspielprinzessin. Sie erzählen meist viel, und ich lasse sie auch meist gewähren, weil die Zeit da ist. Es ist auch - entgegen allem, was wir zu recht in Diagnostik lernen - sehr aufschlußreich, was ich mir aus diesen informellen Informationen als klinischen Eindruck zusammenstelle. Nicht aufschlußreicher als die Tests, und ich kann an den Tests immer wieder genau sehen, wo der Patient seine Stärken und Schwächen hat. Aber 80% der Diagnose kann man nach fünf Minuten Gespräch stellen, und 80% dieser Diagnosen sind richtig. Bei den 20%, die einem nach fünf Minuten nicht klar sind, weiß man es nach der Untersuchung immer noch nicht, und 20% der gefühlten, klinischen Diagnostik muß eben nach den Tests korrigiert werden.
Heutzutage gibt es ja immer viele wunderbare Tests auf alles mögliche, und darüber kann man auch jede Menge lernen. Morbus Huntington, manche erinnern sich aus dem Biologieunterricht, den anderen ist der entsprechende Wikipedia-Eintrag verlinkt, ist autosomal dominant vererbt. Somit haben es die eigenen Kinder mit jeweils 50%. Leider wußte man früher erst, wenn der eigene Elternteil betroffen war, daß mans haben könnte, und dann waren die Kinder schon da (early onset vielleicht mit 40, da hatten die eigenen Kinder schon Kinder). Heutzutage kann man eine relativ zuverlässige genetische Untersuchung machen lassen, und ich hatte jetzt schon einen selber und von zwei weiteren gehört, die ebendiese Untersuchung (bei positiver Familienanamnese!) verweigert haben. Ein schönes Beispiel dafür, daß die Verfügbarkeit von Antworten nicht immer bedeutet, daß die Menschen die Frage auch stellen wollen. Denn was würde der Patient, den ich neulich untersucht habe, mit der Antwort machen? Eigentlich auch nichts anderes, als er ohne Genetik auch tun müßte (aber nicht macht). Er müßte seine halb erwachsenen Kinder aufklären, bevor diese blauäugig wiederum Kinder bekommen. Er müßte sich selber mit der Erkrankung, die er wahrscheinlich in einer milderen und hoffnungsvollen Ausprägung hat, auseinandersetzen. Immerhin ist es in Deutschland so, daß dieser genetische Test zwingend an eine psychotherapeutische Begleitung gekoppelt ist. Denn was ist das Ergebnis weniger als ein deutliches, qualvolles Todesurteil?!
Also: entzündet euch nicht nur nicht euer Kleinhirn, sondern möglichst auch nicht eure NMDA-Rezeptoren. Schlaganfall ist ebenfalls schlecht. Und nehmt euch ernst - neulich hatte ich einen Patienten, der offenbar vor langer Zeit mal einen Schlaganfall hatte, infolgedessen er zunächst gelähmt war. Was macht er? Liegt zwei Tage im Bett, weil er gelähmt ist. Als er wieder bißchen laufen kann, geht er zum Arzt, der ihn natürlich ins Krankenhaus schickt, und zwar samt Reha für ein Vierteljahr. Das war einfach nur suboptimal, und heute weiß man nicht mehr, obs daran oder an seiner Herz-OP oder sonstwas gelegen hat, daß er sich heute keine drei Wörter mehr merken kann.
Berlin ist gerade die größe anzunehmende Herausforderung für die Körperselbstwahrnehmung, das Gleichgewichtssystem und das Kleinhirn als Instanz für Korrekturen aller Art. Es besteht der gesamt Untergrund nicht aus den gewohnten Granitsteinen, sondern nahezu ausschließlich aus mehreren Lagen Schnee, die in unterschiedlichen Stadien von auftauen und wieder frieren befindlich schlußendlich zusammengefroren sind und nun einen uneinheitlich-buckeligen, glatten und kreuzgefährlichen Überzug bilden, der einen 5-10 Zentimeter höher als gewohnt durch die Stadt trägt. Oder besser schlittert.
Was mich an der Neurologie so fasziniert, ist eben die Entdeckung des gesunden funktionierens anhand der Störungsbilder, die durch lokalisierbare Läsionen oder Entzündungen entstehen. Manchmal, bei Gesichtsfelddefekten z.B., ist das fast Eins-zu-eins ablesbar. Oder bei den verschiedenen Gedächtnisaufgaben, da sind manche mit Zahlen, manche mit Worten, und bei manchen muß man zeichnen. Da gibt es wirklich alle Kombinationsmöglichkeiten an Fähigkeiten, und hinterher sitzt man da und versucht zu begreifen, warum einer sechs Zahlen rückwärts wieder hersagen kann, aber schon beim Abzeichnen einer komplexen Figur völlig seine Grenzen austesten muß.
Ich gehe also gerne in diese Patientenkontakte. Ich habe einen weißen Kittel an und murmele meinen Namen und "Neuropsychologie", und für die nächsten neunzig Minuten bin ich Halbgöttin. Erwachsene, gestandene Männer sprechen mir Zahlenfolgen nach und hören sich fünfmal die Folge "Trommel, Vorhang, Glocke..." mit einem Ernst an, als sei ich die Hörspielprinzessin. Sie erzählen meist viel, und ich lasse sie auch meist gewähren, weil die Zeit da ist. Es ist auch - entgegen allem, was wir zu recht in Diagnostik lernen - sehr aufschlußreich, was ich mir aus diesen informellen Informationen als klinischen Eindruck zusammenstelle. Nicht aufschlußreicher als die Tests, und ich kann an den Tests immer wieder genau sehen, wo der Patient seine Stärken und Schwächen hat. Aber 80% der Diagnose kann man nach fünf Minuten Gespräch stellen, und 80% dieser Diagnosen sind richtig. Bei den 20%, die einem nach fünf Minuten nicht klar sind, weiß man es nach der Untersuchung immer noch nicht, und 20% der gefühlten, klinischen Diagnostik muß eben nach den Tests korrigiert werden.
Heutzutage gibt es ja immer viele wunderbare Tests auf alles mögliche, und darüber kann man auch jede Menge lernen. Morbus Huntington, manche erinnern sich aus dem Biologieunterricht, den anderen ist der entsprechende Wikipedia-Eintrag verlinkt, ist autosomal dominant vererbt. Somit haben es die eigenen Kinder mit jeweils 50%. Leider wußte man früher erst, wenn der eigene Elternteil betroffen war, daß mans haben könnte, und dann waren die Kinder schon da (early onset vielleicht mit 40, da hatten die eigenen Kinder schon Kinder). Heutzutage kann man eine relativ zuverlässige genetische Untersuchung machen lassen, und ich hatte jetzt schon einen selber und von zwei weiteren gehört, die ebendiese Untersuchung (bei positiver Familienanamnese!) verweigert haben. Ein schönes Beispiel dafür, daß die Verfügbarkeit von Antworten nicht immer bedeutet, daß die Menschen die Frage auch stellen wollen. Denn was würde der Patient, den ich neulich untersucht habe, mit der Antwort machen? Eigentlich auch nichts anderes, als er ohne Genetik auch tun müßte (aber nicht macht). Er müßte seine halb erwachsenen Kinder aufklären, bevor diese blauäugig wiederum Kinder bekommen. Er müßte sich selber mit der Erkrankung, die er wahrscheinlich in einer milderen und hoffnungsvollen Ausprägung hat, auseinandersetzen. Immerhin ist es in Deutschland so, daß dieser genetische Test zwingend an eine psychotherapeutische Begleitung gekoppelt ist. Denn was ist das Ergebnis weniger als ein deutliches, qualvolles Todesurteil?!
Also: entzündet euch nicht nur nicht euer Kleinhirn, sondern möglichst auch nicht eure NMDA-Rezeptoren. Schlaganfall ist ebenfalls schlecht. Und nehmt euch ernst - neulich hatte ich einen Patienten, der offenbar vor langer Zeit mal einen Schlaganfall hatte, infolgedessen er zunächst gelähmt war. Was macht er? Liegt zwei Tage im Bett, weil er gelähmt ist. Als er wieder bißchen laufen kann, geht er zum Arzt, der ihn natürlich ins Krankenhaus schickt, und zwar samt Reha für ein Vierteljahr. Das war einfach nur suboptimal, und heute weiß man nicht mehr, obs daran oder an seiner Herz-OP oder sonstwas gelegen hat, daß er sich heute keine drei Wörter mehr merken kann.
Berlin ist gerade die größe anzunehmende Herausforderung für die Körperselbstwahrnehmung, das Gleichgewichtssystem und das Kleinhirn als Instanz für Korrekturen aller Art. Es besteht der gesamt Untergrund nicht aus den gewohnten Granitsteinen, sondern nahezu ausschließlich aus mehreren Lagen Schnee, die in unterschiedlichen Stadien von auftauen und wieder frieren befindlich schlußendlich zusammengefroren sind und nun einen uneinheitlich-buckeligen, glatten und kreuzgefährlichen Überzug bilden, der einen 5-10 Zentimeter höher als gewohnt durch die Stadt trägt. Oder besser schlittert.
Dienstag, 19. Januar 2010
Das Kleinhirn, dein Freund und Helfer
Schon nach zwei Wochen hat man das Gefühl, man möchte auf keinen Fall auf irgendeinen Gehirnteil verzichten, wenn es sich irgendwie vermeiden ließe. Aber heute hatte ich einen Patienten, der im letzten Frühjahr eine Cerebellitis (Kleinhirnentzündung) hatte, und ich sage euch, Freunde, entzündet euch niemals euer Kleinhirn! Egal wie es bettelt und fleht!
Das Kleinhirn, auf den ersten Blick vielleicht unspektakulär, hat bei so vielen Prozessen im Gehirn seine Finger im Spiel, daß es bei Forschungsarbeiten mit funktioneller Bildgebung, bei der also das Gehirn in action beobachtet wird, eigentlich immer als aktiv angezeigt wird. Die gesamte unbewußte Motorik zum Beispiel wird durch einen kontinuierlichen Abgleich zwischen Körperselbstwahrnehmung, Gleichgewichtssinn und aktuell laufenden Bewegungen gewährleistet - eigentlich weiß niemand genau, wie es funktioniert, aber die entscheidende Schaltstelle dabei ist das Kleinhirn. Jeder von euch ist schonmal BEINAHE hingefallen, auf einer Treppe gestolpert oder auf einer Kante umgeknickt. Und daß es beim BEINAHE bleibt, das macht dasKleinhirn. Der motorische Cortex in unserem eigentlich fortgeschrittenen Großhirn ist dafür viel zu langsam. D.h. das Kleinhirn denkt nicht nach, und deshalb ist es sehr schnell trotz sehr vieler Informationen.
Wenn man sich das Kleinhirn entzündet, dann hat man echt die Karte Nr. 8 gezogen. Ich konnte den Patienten heute nicht mal richtig untersuchen, weil er praktisch nicht sitzen konnte, von Zeichnen oder ankreuzen ganz zu schweigen. Die Wortlisten zu lernen fand er uninteressant, was ich eigentlich auch ganz gut verstehen konnte. Er hatte große Schwierigkeiten mit dem Sprechen - motorisch, nicht inhaltlich. Er litt. Er war vor allem voll da - gefangen in einem Körper, der seinen eigenen, unberechenbaren und unbeherrschbaren Weg ging.
Hauptsache gesund bekommt hier eine ganz andere, ernstgemeinte Konnotation. Gesund bedeutet nämlich mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Gesund heißt Vertrauen in die eigene Unverletzlichkeit und nicht den Unwägbarkeiten statistischer Risiken ausgesetzt zu sein, und somit kann keiner von uns gesund sein.
Das Bettenhochhaus der Charité hat 21 Stockwerke, und auf den allermeisten befinden sich Stationen, das heißt Betten, das heißt, Patienten. Also Menschen, die so krank sind, daß man sie nicht zuhause behandeln kann. Es ist ein imposantes (wenn auch häßliches) Gebäude, und man darf davon ausgehen, daß ausnahmslos jeder der darin liegenden Patienten sich sein Leiden nicht ausgesucht, daß er sich nicht dafür entschieden hat, dort zu liegen. Niemand will mit 30 einen Schlaganfall, mit 40 eine Cerebellitis, mit 50 ein Parkinson-Syndrom und mit 60 eine Alzheimer-Demenz. Niemand will mit einer infantilen Zerebralparese (der frühere landläufige "Spastiker") auf die Welt kommen oder mit Verdacht auf juvenile ALS (das ist das, was Stephen Hawkings hat) im Virchow-Klinikum einer unbedarften Praktikantin gegenüber sitzen. Absolut niemand möchte, egal wie alt man geworden ist, am Ende nicht mal mehr wissen, was man für einen Beruf erlernt hat.
Im Falle der Cerebellitis hätte ich mir gewünscht, der Patient würde mehr als ganzheitliches Menschenwesen und weniger als neurologischer Fall behandelt werden, auch wenn die Behandlung hier in der Charité wahrscheinlich auf allen Ebenen erheblich besser ist als im Kreiskrankenhaus Hobbelow. Wie man das genau umsetzen müßte, weiß ich natürlich auch nicht. Aber eine neuropsychologische Diagnostik (vom Arzt angefordert) ist sicherlich die vorletzte Information, die man über diesen Patienten benötigt (jedenfalls für Psychologen).
Eine gute Nachricht: es gibt hier auch ein sozialpädiatrisches Zentrum, in welchem aufgrund der ebenfalls im Virchow vorhandenen Kinder-Neurochirurgie eine Neuropsychologin zugange ist, die ich neulich per fernschriftlichem Kontakt um einen Gesprächstermin anbettelte, und sie hat sich in einer sehr positiven Weise heute gemeldet. Ich werde also demnächst mit der Dame (übrigens eine Neuropsychologin mit BIELEFELDER Ausbildung!) mittagessen und eventuell sogar einer kindlichen Diagnostik beiwohnen können. Zeit habe ich ja meist genug, wie cool!
Das Kleinhirn, auf den ersten Blick vielleicht unspektakulär, hat bei so vielen Prozessen im Gehirn seine Finger im Spiel, daß es bei Forschungsarbeiten mit funktioneller Bildgebung, bei der also das Gehirn in action beobachtet wird, eigentlich immer als aktiv angezeigt wird. Die gesamte unbewußte Motorik zum Beispiel wird durch einen kontinuierlichen Abgleich zwischen Körperselbstwahrnehmung, Gleichgewichtssinn und aktuell laufenden Bewegungen gewährleistet - eigentlich weiß niemand genau, wie es funktioniert, aber die entscheidende Schaltstelle dabei ist das Kleinhirn. Jeder von euch ist schonmal BEINAHE hingefallen, auf einer Treppe gestolpert oder auf einer Kante umgeknickt. Und daß es beim BEINAHE bleibt, das macht dasKleinhirn. Der motorische Cortex in unserem eigentlich fortgeschrittenen Großhirn ist dafür viel zu langsam. D.h. das Kleinhirn denkt nicht nach, und deshalb ist es sehr schnell trotz sehr vieler Informationen.
Wenn man sich das Kleinhirn entzündet, dann hat man echt die Karte Nr. 8 gezogen. Ich konnte den Patienten heute nicht mal richtig untersuchen, weil er praktisch nicht sitzen konnte, von Zeichnen oder ankreuzen ganz zu schweigen. Die Wortlisten zu lernen fand er uninteressant, was ich eigentlich auch ganz gut verstehen konnte. Er hatte große Schwierigkeiten mit dem Sprechen - motorisch, nicht inhaltlich. Er litt. Er war vor allem voll da - gefangen in einem Körper, der seinen eigenen, unberechenbaren und unbeherrschbaren Weg ging.
Hauptsache gesund bekommt hier eine ganz andere, ernstgemeinte Konnotation. Gesund bedeutet nämlich mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Gesund heißt Vertrauen in die eigene Unverletzlichkeit und nicht den Unwägbarkeiten statistischer Risiken ausgesetzt zu sein, und somit kann keiner von uns gesund sein.
Das Bettenhochhaus der Charité hat 21 Stockwerke, und auf den allermeisten befinden sich Stationen, das heißt Betten, das heißt, Patienten. Also Menschen, die so krank sind, daß man sie nicht zuhause behandeln kann. Es ist ein imposantes (wenn auch häßliches) Gebäude, und man darf davon ausgehen, daß ausnahmslos jeder der darin liegenden Patienten sich sein Leiden nicht ausgesucht, daß er sich nicht dafür entschieden hat, dort zu liegen. Niemand will mit 30 einen Schlaganfall, mit 40 eine Cerebellitis, mit 50 ein Parkinson-Syndrom und mit 60 eine Alzheimer-Demenz. Niemand will mit einer infantilen Zerebralparese (der frühere landläufige "Spastiker") auf die Welt kommen oder mit Verdacht auf juvenile ALS (das ist das, was Stephen Hawkings hat) im Virchow-Klinikum einer unbedarften Praktikantin gegenüber sitzen. Absolut niemand möchte, egal wie alt man geworden ist, am Ende nicht mal mehr wissen, was man für einen Beruf erlernt hat.
Im Falle der Cerebellitis hätte ich mir gewünscht, der Patient würde mehr als ganzheitliches Menschenwesen und weniger als neurologischer Fall behandelt werden, auch wenn die Behandlung hier in der Charité wahrscheinlich auf allen Ebenen erheblich besser ist als im Kreiskrankenhaus Hobbelow. Wie man das genau umsetzen müßte, weiß ich natürlich auch nicht. Aber eine neuropsychologische Diagnostik (vom Arzt angefordert) ist sicherlich die vorletzte Information, die man über diesen Patienten benötigt (jedenfalls für Psychologen).
Eine gute Nachricht: es gibt hier auch ein sozialpädiatrisches Zentrum, in welchem aufgrund der ebenfalls im Virchow vorhandenen Kinder-Neurochirurgie eine Neuropsychologin zugange ist, die ich neulich per fernschriftlichem Kontakt um einen Gesprächstermin anbettelte, und sie hat sich in einer sehr positiven Weise heute gemeldet. Ich werde also demnächst mit der Dame (übrigens eine Neuropsychologin mit BIELEFELDER Ausbildung!) mittagessen und eventuell sogar einer kindlichen Diagnostik beiwohnen können. Zeit habe ich ja meist genug, wie cool!
Dienstag, 12. Januar 2010
Go neuro
Heute war Frühbesprechung.
Das ist so eine Art Teamtreffen, einmal in der Woche, wo der Chef und seine Grandenzum Rapport bitten vortanzen lassen, und alle haben was davon.
Heute gab es eine Fallkonferenz, d.h. der Doktor mit der unleserlichen Handschrift (wir üben uns regelmäßig in graphologischen Gutachten) stellte eine Patientin vor, die ein seltenes Syndrom mit dem schönen Namen Bálint-Syndrom zu haben scheint, vielleicht ist es aber auch was ganz anderes, höchstwahrscheinlich aber immerhin keine Alzheimer-Demenz.
Prinzipiell war die Veranstaltung offensichtlich dafür gedacht, mir den Sex-Appeal von Neurologen vorzuführen. Im Ernst: Der Chef und seine beiden Helferlein sitzen da durchaus wie die beiden alten Herren in der Muppetshow (bloß daß sie nicht alt sind). Und aber, neue Generationen eroberten Chefarztsessel, die Gesprächsführung ist kooperativ und konstruktiv, von Alphatiergehabe ist nichts zu spüren. Witzigerweise wird eine kleinere Runde im Benjamin-Franklin-Krankenhaus Steglitz, das der Charité angegliedert wurde, per Skype zugeschaltet. "Hallo, Steglitz, könnt ihr uns hören?", brachte heute ein paar Lacher (trotz der frühen Stunde).
Dann hatte ich meinen zweiten Patienten. Meine erste Patientin gestern litt vor allem unter Logorrhoe, d.h. mehr leidet ja in der Regel die Umwelt, in diesem Falle also ich. Diese Logorrhoe war auch auf dem Anmeldungszettelchen von Dr. Herbst, dem Mann, dem Graphologinnen nicht vertrauen, hübsch unter Besonderheiten vermerkt. Lesbar. Der heutige Patient war insofern nett, als daß er trotz seines erheblich fortgeschrittenen Alters nicht nur nicht dement, sondern überhaupt erfrischend aktiv und lebendig war. Fragen nach dem Datum und dem Stadtbezirk konnte er besser beantworten als so mancher Sechzigjähriger in den letzten Tagen, und bei der Frage nach der Bundeskanzlerin fragte er vor der korrekten Antwort schmunzelnd, ob er das wirklich wissen müsse. Ach, der war schon sehr fit! Morgens im Bett mache er immer seine Gymnastik, "allein, nicht was Sie vielleicht denken", was auch immer ich mir unter morgendlich allein im Bett durchgeführter Gymnastik vorstellen mochte. Er nahm ASS und Gingko-Präparate ein. Wahrscheinlich braucht man ein überdurchschnittliches Ausgangsniveau, ein paar Pseudo-Gedächtnispillen und regelmäßige Gymnastik, und dann wird man nicht dement und bleibt sogar nett, insofern man jeden Morgen für sich und die Frau das Frühstück bereitet. Letzte Woche hingegen war einer im ähnlichen Alter da, den hatte es schon schwer erwischt. Jetzt habe ich mal den Unterschied gesehen - in der Jugend kannst du die Leute nach Jahrgängen klassifizieren. Im Alter ist die Leistungsfähigkeit viel variabler, und das, obwohl ja einige auch schon gestorben sind!
Morgen bin ich wieder im Virchow. Also, man muß mir immer eine Woche mit möglichst wenig Anforderungen geben, und dann wird schnell alles gut. Aber zwei Tage lang zweifle ich selber daran, ob es so eine gute Idee war, mich als Praktikantin zu nehmen ;-).
Schneller noch als in die Praktikantinnenrolle zu schlüpfen habe ich mich an Berlin gewöhnt und daran, hier unterwegs zu sein. Und das trotz der Schneeberge! Keine Passanten kommen mir ins Gehege. Ich achte grad extra drauf, aber niente. Man kann intuitiv besser überholen, selbst bei den eingeschränkten Verhältnissen auf den teilgeräumten, eher festgetrampelten Bürgersteigen. Und überhaupt wächst meine Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit rapide. Überallher kommen Informationen, und sie werden knackig verarbeitet und integriert. Eine Fähigkeit, die in Bielefeld offensichtlich verkümmert und hier nun wieder zu neuem Leben erwacht.
Das ist so eine Art Teamtreffen, einmal in der Woche, wo der Chef und seine Granden
Heute gab es eine Fallkonferenz, d.h. der Doktor mit der unleserlichen Handschrift (wir üben uns regelmäßig in graphologischen Gutachten) stellte eine Patientin vor, die ein seltenes Syndrom mit dem schönen Namen Bálint-Syndrom zu haben scheint, vielleicht ist es aber auch was ganz anderes, höchstwahrscheinlich aber immerhin keine Alzheimer-Demenz.
Prinzipiell war die Veranstaltung offensichtlich dafür gedacht, mir den Sex-Appeal von Neurologen vorzuführen. Im Ernst: Der Chef und seine beiden Helferlein sitzen da durchaus wie die beiden alten Herren in der Muppetshow (bloß daß sie nicht alt sind). Und aber, neue Generationen eroberten Chefarztsessel, die Gesprächsführung ist kooperativ und konstruktiv, von Alphatiergehabe ist nichts zu spüren. Witzigerweise wird eine kleinere Runde im Benjamin-Franklin-Krankenhaus Steglitz, das der Charité angegliedert wurde, per Skype zugeschaltet. "Hallo, Steglitz, könnt ihr uns hören?", brachte heute ein paar Lacher (trotz der frühen Stunde).
Dann hatte ich meinen zweiten Patienten. Meine erste Patientin gestern litt vor allem unter Logorrhoe, d.h. mehr leidet ja in der Regel die Umwelt, in diesem Falle also ich. Diese Logorrhoe war auch auf dem Anmeldungszettelchen von Dr. Herbst, dem Mann, dem Graphologinnen nicht vertrauen, hübsch unter Besonderheiten vermerkt. Lesbar. Der heutige Patient war insofern nett, als daß er trotz seines erheblich fortgeschrittenen Alters nicht nur nicht dement, sondern überhaupt erfrischend aktiv und lebendig war. Fragen nach dem Datum und dem Stadtbezirk konnte er besser beantworten als so mancher Sechzigjähriger in den letzten Tagen, und bei der Frage nach der Bundeskanzlerin fragte er vor der korrekten Antwort schmunzelnd, ob er das wirklich wissen müsse. Ach, der war schon sehr fit! Morgens im Bett mache er immer seine Gymnastik, "allein, nicht was Sie vielleicht denken", was auch immer ich mir unter morgendlich allein im Bett durchgeführter Gymnastik vorstellen mochte. Er nahm ASS und Gingko-Präparate ein. Wahrscheinlich braucht man ein überdurchschnittliches Ausgangsniveau, ein paar Pseudo-Gedächtnispillen und regelmäßige Gymnastik, und dann wird man nicht dement und bleibt sogar nett, insofern man jeden Morgen für sich und die Frau das Frühstück bereitet. Letzte Woche hingegen war einer im ähnlichen Alter da, den hatte es schon schwer erwischt. Jetzt habe ich mal den Unterschied gesehen - in der Jugend kannst du die Leute nach Jahrgängen klassifizieren. Im Alter ist die Leistungsfähigkeit viel variabler, und das, obwohl ja einige auch schon gestorben sind!
Morgen bin ich wieder im Virchow. Also, man muß mir immer eine Woche mit möglichst wenig Anforderungen geben, und dann wird schnell alles gut. Aber zwei Tage lang zweifle ich selber daran, ob es so eine gute Idee war, mich als Praktikantin zu nehmen ;-).
Schneller noch als in die Praktikantinnenrolle zu schlüpfen habe ich mich an Berlin gewöhnt und daran, hier unterwegs zu sein. Und das trotz der Schneeberge! Keine Passanten kommen mir ins Gehege. Ich achte grad extra drauf, aber niente. Man kann intuitiv besser überholen, selbst bei den eingeschränkten Verhältnissen auf den teilgeräumten, eher festgetrampelten Bürgersteigen. Und überhaupt wächst meine Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit rapide. Überallher kommen Informationen, und sie werden knackig verarbeitet und integriert. Eine Fähigkeit, die in Bielefeld offensichtlich verkümmert und hier nun wieder zu neuem Leben erwacht.
Mittwoch, 6. Januar 2010
Go East
Berlin ist kalt. Überall stapelt sich der Schnee, und niemand macht sich mehr die Mühe, ihn irgendwie wegzuschaffen. Man hat einfach abgewartet, bis er festgetrampelt wurde und in Verbindung mit einigen Splitkörnchen eine einigermaßen zuverlässig begehbare Oberfläche gebildet hat.
Das Bettenhochhaus der Charité in der Luisenstraße ist nicht ganz so alt wie ich, sieht aber von außen wesentlich ramponierter aus, wenn ich das in aller Bescheidenheit so sagen darf. Wenn man drinnen arbeitet, kriegt man vom ramponierten Äußeren aber nichts mit und kann dafür ganz ungeniert einen herrlichen Ausblick auf alles genießen - Hauptbahnhof, Reichstag, Potsdamer Platz, Regierungsviertel und alles, bis zum Turm vom Flughafen Tempelhof. Innen ist auch alles - Patienten, deren Besucher, Studenten, Praktikanten, Ärzte, Pfleger, Assistenten, Putzfrauen (bei den anderen sind auch Frauen dabei); im Fahrstuhl wird gegrüßt; in der Verwaltung herrscht die gefährliche Mischung aus DDR, Preußentum und Berliner Schnauze.
Schon nach drei Tagen und vier Patienten, die ich selber zu Gesicht bekommen habe, spüre ich, wie sehr diese Wende und der nachfolgende Anschluß an die BRD Biographien und Vertrauen zerstört haben. Die wollten mich nich mehr, die wollten uns bloß loswerden, die hatten dann keene Verwendung mehr für uns, die ham mich vorher rausjeschmissen. Diese Menschen sind deswegen nicht depressiv oder verzweifelt; sie beklagen sich nicht - aber eins ist klar: die Fete 1989 war den Kater 1990 ff. nicht wert.
Meine Chefin mag die Berliner nicht, und schon gar nicht die aus dem Osten. Sie sagt, sie hätten Schnauze, aber kein Herz. Ich sehe das naturgemäß anders, und ich entdecke auch immer wieder Beispiele (genauso, wie sie wahrscheinlich auch immer Beispiele, die ihre Hypothese untermauern, findet). Ich bin froh, hier zu sein und ausgerechnet hier erstmals ernsthaften Patientenkontakt zu haben, wo ich dann wenigstens die Hintergründe und Geschichten ohne weiteres nachvollziehen kann. Ich jedenfalls mag die Berliner, die einem wenigstens nicht vor den Füßen rumhampeln, sondern in der Regel wissen, wohin sie wollen, und das auch zügig in die Tat umsetzen. Sie haben praktische, witterungsgemäße Kleidung an, weswegen ihnen häufig mangelndes Modebewußtsein nachgesagt wird. Was für ein lächerlicher Einwand! Als wenn Modebewußtsein irgendein höheres, erstrebenswertes Ziel wäre, im Vergleich zu keine Lungenentzündung. Gut aussehen kann man auch in alten Skijacken, sofern man gut aussieht. Wenn man nicht gut aussieht, machts eine dünne BOSS-Jacke auch nicht wett. Ach, und ich berliner natürlich wie wild. Die Prinzessin wird sich freuen.
Die als inspirierend erwartete WG mit Finnin und Italienerin war bislang zur Hälfte nicht vorhanden (in Form der erst morgen eintreffenden Italienerin) und zum Teil anstrengend, weil die Finnin einen finnischen Freund da hatte, der anstrengend war (und der von ihr auch als anstrengend empfunden wurde), und zudem ebenbesagte Finnin auch an jeder Ecke und zu jeder Uhrzeit mitteilt, wie sie und Erika es mit den Haaren im Duschabfluß halten würden und daß sie nunmehr nicht wüßte, wo sie ihr Handtuch hinhängen sollte. Da mein Englisch noch eingeschränkter ist als auch schon, wenn ich selber angeschlagen bin, habe ich viele ihrer Informationen noch gar nicht richtig verstanden, und das ist wahrscheinlich gut so. Von wegen schweigsame Finnen... puuuuh.
Mittwoch, 2. Dezember 2009
Es hat nix mit Verschwörungstheorien zu tun! Oder vielleicht doch!?
Früher hing ich gerne Verschwörungstheorien an. Es war einfach, selbsterklärend, duldete keinen Widerspruch, und man hatte immer recht. Optimale Zustände, meine ich. Aber ach, das Alter. Plötzlich beginnt Kamerad "Gesunder Menschenverstand" sich in das Selbst zu nagen, manchmal begleitet von seiner Freundin "Nachvollziehbare Argumentation". Gemeinsam führen sie die Gang "Nur weil es einfach ist, muß es nicht richtig sein" an. Fad ist es, wenn man erwachsen wird! Wenn man erwachsen wird, denkt man Sachen wie "es ist Quatsch, Hörsäle zu besetzen" und schämt sich nicht einmal dafür. Und ich, das kann ich ganz sicher sagen, bin sicherlich nicht vor den Verlockungen der Reaktion eingeknickt und schwöre früheren Überzeugungen ab, weil ich bestechlich geworden bin! Die Reaktion hat es bislang gar nicht versucht, mich mit Verlockungen aller Art zu umgarnen!
Andererseits scheint mich Post nicht mehr zu erreichen. Das Adventspaket ist noch immer nicht hier; das Dezember-Magazin ist auch noch nicht eingetroffen. Nicht einmal Rechnungen erreichen den schützenden Hafen meines Altpapierstapels. Schneidet mich jemand bewußt von den Errungenschaften moderner Kommunikationsmittel ab? Ist es derselbe, der an meinem Laptop erst das drahtlose Internet und nun auch den CD-Brenner zum Erliegen brachte? Und warum, zum Henker, tut er das?
Immerhin haben wir alle hier in Ostwestfalen den aufsehenerregenden Gefängnisausbruch unverletzt, sogar meistenteils unbeteiligt überstanden. Nächtlicher Hubschraubereinsatz gepaart mit tagsüber Autodurchsuchungen, da kann man hierzulande schon aus dem Häuschen geraten. Und dann flieht der Bewußte auf einem silbernen Damenrad gen holländische Grenze, hat sich vermutlich gar nicht "hier bei uns" aufgehalten... die Enttäuschung unter den Einheimischen wird verborgen, ist aber zu spüren. Wieder nix mit Hotspot EastWestFalia.
Vor einer Woche haben wir Wiglaf Droste gelauscht und bewundert. Es ist retrospektiv wirklich überhaupt nicht mehr zu verstehen, wie es kommen konnte, daß Wiglaf Droste und Max Goldt seinerzeit in Berlin gleichzeitg, höchstens 500 Meter voneinander entfernt, zur Lesung eingeteilt gewesen sein konnten! Eigentlich hätte man sogar erwarten können, daß die beiden Künstler protestiert hätten, sie würden gerne jeweils zur Parallelveranstaltung gehen wollen, aber nichts dergleichen; Max Goldt im Berliner Ensemble und Wiglaf Droste nebst Herr Nilsson im Friedrichstadtpalast, was am späten Abend noch zu einer kombinierten Darstellung von Johnny Cashs Ring of Fire führte. Und es ist ein schönes, seltsames Vergnügen, Wiglaf Droste zuzuhören. Er ist extrovertierter als Max Goldt, verfügt aber dennoch über dieselbe bescheidene Zurückhaltung, was die eigene Person betrifft.
Ich stelle gerade schmerzhaft auf einen ursprünglichen Uni-Modus um. Kein Büro, kein Uni-Rechner. Das klingt banal, aber Morgenroutinen zeichnen sich durch eine unhinterfragbare Zuverlässigkeit aus. Sofort ist es verlockender, einfach im Bett zu bleiben, weil ja in der Uni ohnehin nichts lockt außer die Bibliothek mit ihrer Prüfungsmentalität, ihren Zombies, ihren ungenutzten Semesterapparaten und ihrer Erklärungsbedürftigkeit - im Büro ist die Frage "Und du arbeitest fleißig?", obwohl es nicht stimmt, aber in der Bib ist die erste Frage stets "Und was machst du?", und gemeint ist die avisierte nächste Prüfung. So läuft das, und selber macht mans auch so.
Bißchen Studiermüdigkeit isses, und bißchen bin ich ja bald eh weh hier, und danach, wenn ich wieder hier bin, hab ich Prüfungen und schreibe Diplomarbeit. Also spannend wird es in diesem Studium nicht mehr, dafür geht es seinem Ende zu. Das begrüße ich sehr.
Andererseits scheint mich Post nicht mehr zu erreichen. Das Adventspaket ist noch immer nicht hier; das Dezember-Magazin ist auch noch nicht eingetroffen. Nicht einmal Rechnungen erreichen den schützenden Hafen meines Altpapierstapels. Schneidet mich jemand bewußt von den Errungenschaften moderner Kommunikationsmittel ab? Ist es derselbe, der an meinem Laptop erst das drahtlose Internet und nun auch den CD-Brenner zum Erliegen brachte? Und warum, zum Henker, tut er das?
Immerhin haben wir alle hier in Ostwestfalen den aufsehenerregenden Gefängnisausbruch unverletzt, sogar meistenteils unbeteiligt überstanden. Nächtlicher Hubschraubereinsatz gepaart mit tagsüber Autodurchsuchungen, da kann man hierzulande schon aus dem Häuschen geraten. Und dann flieht der Bewußte auf einem silbernen Damenrad gen holländische Grenze, hat sich vermutlich gar nicht "hier bei uns" aufgehalten... die Enttäuschung unter den Einheimischen wird verborgen, ist aber zu spüren. Wieder nix mit Hotspot EastWestFalia.
Vor einer Woche haben wir Wiglaf Droste gelauscht und bewundert. Es ist retrospektiv wirklich überhaupt nicht mehr zu verstehen, wie es kommen konnte, daß Wiglaf Droste und Max Goldt seinerzeit in Berlin gleichzeitg, höchstens 500 Meter voneinander entfernt, zur Lesung eingeteilt gewesen sein konnten! Eigentlich hätte man sogar erwarten können, daß die beiden Künstler protestiert hätten, sie würden gerne jeweils zur Parallelveranstaltung gehen wollen, aber nichts dergleichen; Max Goldt im Berliner Ensemble und Wiglaf Droste nebst Herr Nilsson im Friedrichstadtpalast, was am späten Abend noch zu einer kombinierten Darstellung von Johnny Cashs Ring of Fire führte. Und es ist ein schönes, seltsames Vergnügen, Wiglaf Droste zuzuhören. Er ist extrovertierter als Max Goldt, verfügt aber dennoch über dieselbe bescheidene Zurückhaltung, was die eigene Person betrifft.
Ich stelle gerade schmerzhaft auf einen ursprünglichen Uni-Modus um. Kein Büro, kein Uni-Rechner. Das klingt banal, aber Morgenroutinen zeichnen sich durch eine unhinterfragbare Zuverlässigkeit aus. Sofort ist es verlockender, einfach im Bett zu bleiben, weil ja in der Uni ohnehin nichts lockt außer die Bibliothek mit ihrer Prüfungsmentalität, ihren Zombies, ihren ungenutzten Semesterapparaten und ihrer Erklärungsbedürftigkeit - im Büro ist die Frage "Und du arbeitest fleißig?", obwohl es nicht stimmt, aber in der Bib ist die erste Frage stets "Und was machst du?", und gemeint ist die avisierte nächste Prüfung. So läuft das, und selber macht mans auch so.
Bißchen Studiermüdigkeit isses, und bißchen bin ich ja bald eh weh hier, und danach, wenn ich wieder hier bin, hab ich Prüfungen und schreibe Diplomarbeit. Also spannend wird es in diesem Studium nicht mehr, dafür geht es seinem Ende zu. Das begrüße ich sehr.
Dienstag, 24. November 2009
Antwort auf vert, aber kurz und intuitiv
Ja, sicher ist der neue Rektor nicht aus dem Nichts gekommen. Trotzdem scheint er ein paar Sachen radikal anders zu machen als sein Vorgänger. Übrigens war er schon als Prorektor verhältnismäßig beliebt und zählte im Rektorat zu den wenigen nicht vollständig verrückt gewordenen, und da ich das Glück habe, ihn persönlich kennenlernen zu können, kann ich das hiermit bestätigen: Ja, den Eindruck machte er durchaus!
Ja, es ist wahnsinnig dämlich, sowohl eine 40-Jahr-Feier der Universität als auch eine entsprechende Uni-Gala ohne Studierende durchzuführen und zu planen. Auch hier ist fraglich, inwieweit die aktuelle Unileitung darauf überhaupt Einfluß hatte; solche Events werden erfahrungsgemäß mit erheblichem zeitlichen Vorlauf vorbereitet. Gerhard Schröder wurde ja auch unendlich für die architektonische Pompösität und Überheblichkeit des Bundeskanzleramts in Berlin gescholten, obwohl dessen monströse Auswüchse, sofern nicht ohnehin vom Architekten verbrochen, verbindlichen Vorschlägen seines Amtsvorgängers Helmut Kohl zu verdanken sind. Natürlich sind fünf Minuten Redezeit für den Asta peinlich, andererseits wollte der Asta in der Ansprache laut NW zur allgemeinen Lage an den deutschen Universitäten, in den neuen Studiengängen, zu Studiengebühren und weiß der Henker was sagen - das hätte vielleicht auch nicht so recht zum Anlaß gepaßt. Und, wohlgemerkt, die Proteste letzte Woche waren ja eben nicht eine vom Asta konzertierte Aktion, die gegen den Ausschluß der durchaus wichtigsten Statusgruppe der Uni protestiert hätte - mit aufsehenerregenden und vielleicht sogar witzigen Aktionen (wo waren die denn eigentlich?), sondern es handelte sich um ein paar Hitzköpfe, die sich bei der Demo noch nicht genug ausgetobt haben und dann mal eben Ballett in der Halle veranstalteten (ich habs gesehen und gehört). Das man bei so einem angehitzten Haufen nicht das Risiko eingehen möchte, daß dann doch ein paar austicken und ordentlich Rambazamba machen, kann ich eigentlich gut verstehen. Schließlich waren ja weder die Audimax-Besetzer noch die Demo-Aufrufer Leute, die ihr Gesicht zeigen oder eben mal für ihren ach so friedlichen Protest mit ihrem Namen und ihrer Person stehen.
Im übrigen: Der Asta braucht keine Daten der Studierenden und somit nicht einmal den Datenschutz zu verletzen. Es gibt komfortable Möglichkeiten, über das eKVV beliebige Statusgruppen anschreiben zu können. Ich habe das selbst bereits erfolgreich gemacht. Wenn die Uni diese Emails nicht durchläßt (was ich einerseits zwar, wenn es um den Studiengebührenboykott geht, verstehen kann, andererseits natürlich trotzdem Zensur ist), dann gibt es immer noch die Möglichkeit, die Studierenden über die Fachschaften zu erreichen. Schlußendlich scheint mich ja die Asta-Verkehrsgruppe ganz altmodisch per Snailmail zu erreichen, wenn sie mir das ungeliebte Semesterticket zukommen läßt.
Da ich mich gerade eine Stunde lang mit einem der Krawallbrüder konstruktiv unterhalten habe, ist mir meine eigene Quintessenz des Themas bewußter geworden: es ist einfach nicht mein Thema. In Sachen Durchlässigkeit akademischer Bildung für alle sozialen Schichten, vor allem unabhängig von den Eltern, rennt man bei mir offene Türen ein. Auch das selbständige Denken möchte ich immer und überall, sogar außerhalb der Uni, gefördert und gefordert sehen, und ich meine, daß eine Abkehr von allzu unstrukturierten Studiengängen nicht automatisch bedeuten muß, daß man Studenten wieder zu Grundschülern macht. Im neuerdings eingeführten Hochschulrat (was macht der eigentlich?), der sich offensichtlich einfach selber gegenseitig wählt und der bei uns pikanterweise von Annette Fugmann-Heesing angeführt wird, die wiederum auf eine mittelstolze Karriere (Verkauf der relevanten stadteigenen Betriebe BEWAG, GASAG, GEHAG und Wasserbetriebe) als Berliner Finanzsenatorin zurückblicken darf, aber das nur nebenbei, jedenfalls ist da kein einziger Student drin! Natürlich ist das skandalös. Kurzum: Viele Forderungen sind nachvollziehbar, aber finden nicht immer den richtigen Weg oder Adressaten, und irgendwie räume ich mir das Recht auf bildungsrelevante Selbstbestimmung ein. In einem Diplomstudiengang mit zurückhaltender Studienstruktur ist natürlich auch viel einfacher.
Ja, es ist wahnsinnig dämlich, sowohl eine 40-Jahr-Feier der Universität als auch eine entsprechende Uni-Gala ohne Studierende durchzuführen und zu planen. Auch hier ist fraglich, inwieweit die aktuelle Unileitung darauf überhaupt Einfluß hatte; solche Events werden erfahrungsgemäß mit erheblichem zeitlichen Vorlauf vorbereitet. Gerhard Schröder wurde ja auch unendlich für die architektonische Pompösität und Überheblichkeit des Bundeskanzleramts in Berlin gescholten, obwohl dessen monströse Auswüchse, sofern nicht ohnehin vom Architekten verbrochen, verbindlichen Vorschlägen seines Amtsvorgängers Helmut Kohl zu verdanken sind. Natürlich sind fünf Minuten Redezeit für den Asta peinlich, andererseits wollte der Asta in der Ansprache laut NW zur allgemeinen Lage an den deutschen Universitäten, in den neuen Studiengängen, zu Studiengebühren und weiß der Henker was sagen - das hätte vielleicht auch nicht so recht zum Anlaß gepaßt. Und, wohlgemerkt, die Proteste letzte Woche waren ja eben nicht eine vom Asta konzertierte Aktion, die gegen den Ausschluß der durchaus wichtigsten Statusgruppe der Uni protestiert hätte - mit aufsehenerregenden und vielleicht sogar witzigen Aktionen (wo waren die denn eigentlich?), sondern es handelte sich um ein paar Hitzköpfe, die sich bei der Demo noch nicht genug ausgetobt haben und dann mal eben Ballett in der Halle veranstalteten (ich habs gesehen und gehört). Das man bei so einem angehitzten Haufen nicht das Risiko eingehen möchte, daß dann doch ein paar austicken und ordentlich Rambazamba machen, kann ich eigentlich gut verstehen. Schließlich waren ja weder die Audimax-Besetzer noch die Demo-Aufrufer Leute, die ihr Gesicht zeigen oder eben mal für ihren ach so friedlichen Protest mit ihrem Namen und ihrer Person stehen.
Im übrigen: Der Asta braucht keine Daten der Studierenden und somit nicht einmal den Datenschutz zu verletzen. Es gibt komfortable Möglichkeiten, über das eKVV beliebige Statusgruppen anschreiben zu können. Ich habe das selbst bereits erfolgreich gemacht. Wenn die Uni diese Emails nicht durchläßt (was ich einerseits zwar, wenn es um den Studiengebührenboykott geht, verstehen kann, andererseits natürlich trotzdem Zensur ist), dann gibt es immer noch die Möglichkeit, die Studierenden über die Fachschaften zu erreichen. Schlußendlich scheint mich ja die Asta-Verkehrsgruppe ganz altmodisch per Snailmail zu erreichen, wenn sie mir das ungeliebte Semesterticket zukommen läßt.
Da ich mich gerade eine Stunde lang mit einem der Krawallbrüder konstruktiv unterhalten habe, ist mir meine eigene Quintessenz des Themas bewußter geworden: es ist einfach nicht mein Thema. In Sachen Durchlässigkeit akademischer Bildung für alle sozialen Schichten, vor allem unabhängig von den Eltern, rennt man bei mir offene Türen ein. Auch das selbständige Denken möchte ich immer und überall, sogar außerhalb der Uni, gefördert und gefordert sehen, und ich meine, daß eine Abkehr von allzu unstrukturierten Studiengängen nicht automatisch bedeuten muß, daß man Studenten wieder zu Grundschülern macht. Im neuerdings eingeführten Hochschulrat (was macht der eigentlich?), der sich offensichtlich einfach selber gegenseitig wählt und der bei uns pikanterweise von Annette Fugmann-Heesing angeführt wird, die wiederum auf eine mittelstolze Karriere (Verkauf der relevanten stadteigenen Betriebe BEWAG, GASAG, GEHAG und Wasserbetriebe) als Berliner Finanzsenatorin zurückblicken darf, aber das nur nebenbei, jedenfalls ist da kein einziger Student drin! Natürlich ist das skandalös. Kurzum: Viele Forderungen sind nachvollziehbar, aber finden nicht immer den richtigen Weg oder Adressaten, und irgendwie räume ich mir das Recht auf bildungsrelevante Selbstbestimmung ein. In einem Diplomstudiengang mit zurückhaltender Studienstruktur ist natürlich auch viel einfacher.
Mittwoch, 18. November 2009
Studierendenproteste
... sollte ich vielleicht was zu sagen. Bloß, für vieles bin ich ganz und gar inkompetent; ich bin einfach nicht die typische Studentin, weder von der wirtschaftlichen als auch von der motivationalen Ebene her.
Aber Heinis, die mit Masken versehen in die A&O-Vorlesung stürzen, um für eine legale und angemeldete Demo zu werben, stoßen bestenfalls auf Unverständnis, bei mir jedenfalls.
Die möglicherweise gleichen Heinis haben ja zunächst unser Audimax besetzt, sind dann aber weggegangen, als angeblich die Räumung durch die Polizei drohte (das ist alles so ungeklärt, daß mit zumindest nicht klar ist, ob es wirklich eine von der Unileitung veranlaßte Räumung gab oder die Besetzer in einer schwachen Minute Schiß gekriegt haben, auf der Polizeiwache ihre Personalien angeben zu müssen). Wo ich ja schon denke, wenn ich hinter der Besetzung stehe, kann ich mich doch auch verhaften lassen!? Bei einer Verhaftung passiert einem doch gar nichts, und in so einem Rahmen kann das sogar die Aktion deutlich in der Außendarstellung aufwerten.
Als gefühlt Außenstehende hat man zumindest das Gefühl, daß bei den Protestleuten eine Mischung aus das Bachelorstudium ist blöd, Kapitalismus gehört abgeschafft, egal wie und ich bin jung und kann mir mit Papis Scheck protestieren leisten vorherrscht. Sorry, aber is so.
Vielleicht macht es das eigene Alter, aber die feierliche, mit dem 40. Uni-Geburtstag gekoppelte Altrektor-Verabschiedung und Neurektor-Einführung oder wie das heißt dermaßen zu sprengen, daß der Empfang, von Polizei flankiert, abgesagt werden muß, finde ich dämlich.
Aber Heinis, die mit Masken versehen in die A&O-Vorlesung stürzen, um für eine legale und angemeldete Demo zu werben, stoßen bestenfalls auf Unverständnis, bei mir jedenfalls.
Die möglicherweise gleichen Heinis haben ja zunächst unser Audimax besetzt, sind dann aber weggegangen, als angeblich die Räumung durch die Polizei drohte (das ist alles so ungeklärt, daß mit zumindest nicht klar ist, ob es wirklich eine von der Unileitung veranlaßte Räumung gab oder die Besetzer in einer schwachen Minute Schiß gekriegt haben, auf der Polizeiwache ihre Personalien angeben zu müssen). Wo ich ja schon denke, wenn ich hinter der Besetzung stehe, kann ich mich doch auch verhaften lassen!? Bei einer Verhaftung passiert einem doch gar nichts, und in so einem Rahmen kann das sogar die Aktion deutlich in der Außendarstellung aufwerten.
Als gefühlt Außenstehende hat man zumindest das Gefühl, daß bei den Protestleuten eine Mischung aus das Bachelorstudium ist blöd, Kapitalismus gehört abgeschafft, egal wie und ich bin jung und kann mir mit Papis Scheck protestieren leisten vorherrscht. Sorry, aber is so.
Vielleicht macht es das eigene Alter, aber die feierliche, mit dem 40. Uni-Geburtstag gekoppelte Altrektor-Verabschiedung und Neurektor-Einführung oder wie das heißt dermaßen zu sprengen, daß der Empfang, von Polizei flankiert, abgesagt werden muß, finde ich dämlich.
Ich bin noch nicht so richtig
im Prüfungsmodus.
Da die Vorlesung letztendlich der totale Witz ist, weil für 20 Leute, die sich mit Mühe am Kaffeebecher festhalten, vorgeturnt wird, was man SO hoffentlich nie verstehen muß, während die Essenz des Prüfungsstoffes sich merkwürdig-nebulös immer verbirgt, sobald man nach ihr sucht (ein typisches Beispiel für angewandte Heisenbergsche Unschärferelation), befinde ich mich jedenfalls überhaupt nicht im Prüfungsmodus. Ich muß ja schließlich auch drei Referate vorbereiten und einen Ethikantrag schreiben, wobei das Nichtvorbereiten der Referate mit ebendiesem Ethikantrag begründet wird, der allerdings auch nicht von selbst an Umfang zunimmt. Ich habe inzwischen sogar eine Deadline eingefordert, das habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht. Dafür habe ich den Kliniker-Star als Zweitbetreuer gewinnen können, das ist zwar nicht besonders wichtig, klingt aber auch nach Dinge erledigen. Und viele Artikelchen habe ich schon, ääh, ausgedruckt.
Heute abend war Ringvorlesung Psychotherapie, ein ehrgeiziges Unterfangen, das vor ca. einem Jahr vom o.a. Star initiiert wurde und nun also endlich gestartet ist. Die Ehrgeizigkeit besteht in dem ganzen Ideenpaket, das dahinter steht. Zum einen sollen, ganz banal, Studierende über Entwicklungen in der Psychotherapie informiert werden, für die in den regulären Vorlesungen keine Zeit ist bzw. von denen unsere Leute aus pragmatischen Gründen auch einfach keine Ahnung haben. Zweitens sollen aber nicht irgendwelche Heinis kommen, die auch eine Zertifizierung in einer beliebigen anerkannten Therapieform haben, sondern gestandene Professorleute, die eben auch Geld nehmen für so einen Vortrag, und die dann ein Hotelzimmer, und Essen, und eben bezahlt kriegen. Die aber auch die wissenschaftliche Ahnung mitbringen. Daher, drittens, die Zielgruppe der niedergelassenen Psychotherapeuten, die gegen Kohle den Besuch der Veranstaltung als Fortbildung angerechnet bekommen. D.h. hier finanzieren in einem einzigartigen Pilotprojekt Studierende via Studiengebühren und Psychotherapeuten über Fortbildungspunkte eine gemeinsame Veranstaltung! Das ist schon cool, und heute war es auf jeden Fall hörenswert.
Der Vortragende ist Psychiater und Psychotherapeut, mithin Arzt, Chefarzt natürlich (in Kiel) und als solcher schonmal in der Zielgruppe möglicher Feindbilder von zukünftigen oder bereits aktiven Psychologen. Aber darauf geht er gar nicht ein, nicht mal scherzhaft, wie ich das auf Kongressen erlebt habe. Es gibt Psychotherapeuten, und fertig. Das fand ich sofort sympathisch. Und er hat es mit Sicherheit geschafft, die nicht unproblematische Brücke zwischen Neuro und Psychotherapie zu schlagen und sogar sichtbar zu machen! Er redet einfach davon, was sie in Kiel gemacht haben, und wo Grenzen sind, gibt er sie zu. Stereotypendenkengefolgt benimmt er sich also untypisch, und dabei ist er hinreißend sympathisch.
Also, Star, mehr Ringvorlesungen!
Da die Vorlesung letztendlich der totale Witz ist, weil für 20 Leute, die sich mit Mühe am Kaffeebecher festhalten, vorgeturnt wird, was man SO hoffentlich nie verstehen muß, während die Essenz des Prüfungsstoffes sich merkwürdig-nebulös immer verbirgt, sobald man nach ihr sucht (ein typisches Beispiel für angewandte Heisenbergsche Unschärferelation), befinde ich mich jedenfalls überhaupt nicht im Prüfungsmodus. Ich muß ja schließlich auch drei Referate vorbereiten und einen Ethikantrag schreiben, wobei das Nichtvorbereiten der Referate mit ebendiesem Ethikantrag begründet wird, der allerdings auch nicht von selbst an Umfang zunimmt. Ich habe inzwischen sogar eine Deadline eingefordert, das habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht. Dafür habe ich den Kliniker-Star als Zweitbetreuer gewinnen können, das ist zwar nicht besonders wichtig, klingt aber auch nach Dinge erledigen. Und viele Artikelchen habe ich schon, ääh, ausgedruckt.
Heute abend war Ringvorlesung Psychotherapie, ein ehrgeiziges Unterfangen, das vor ca. einem Jahr vom o.a. Star initiiert wurde und nun also endlich gestartet ist. Die Ehrgeizigkeit besteht in dem ganzen Ideenpaket, das dahinter steht. Zum einen sollen, ganz banal, Studierende über Entwicklungen in der Psychotherapie informiert werden, für die in den regulären Vorlesungen keine Zeit ist bzw. von denen unsere Leute aus pragmatischen Gründen auch einfach keine Ahnung haben. Zweitens sollen aber nicht irgendwelche Heinis kommen, die auch eine Zertifizierung in einer beliebigen anerkannten Therapieform haben, sondern gestandene Professorleute, die eben auch Geld nehmen für so einen Vortrag, und die dann ein Hotelzimmer, und Essen, und eben bezahlt kriegen. Die aber auch die wissenschaftliche Ahnung mitbringen. Daher, drittens, die Zielgruppe der niedergelassenen Psychotherapeuten, die gegen Kohle den Besuch der Veranstaltung als Fortbildung angerechnet bekommen. D.h. hier finanzieren in einem einzigartigen Pilotprojekt Studierende via Studiengebühren und Psychotherapeuten über Fortbildungspunkte eine gemeinsame Veranstaltung! Das ist schon cool, und heute war es auf jeden Fall hörenswert.
Der Vortragende ist Psychiater und Psychotherapeut, mithin Arzt, Chefarzt natürlich (in Kiel) und als solcher schonmal in der Zielgruppe möglicher Feindbilder von zukünftigen oder bereits aktiven Psychologen. Aber darauf geht er gar nicht ein, nicht mal scherzhaft, wie ich das auf Kongressen erlebt habe. Es gibt Psychotherapeuten, und fertig. Das fand ich sofort sympathisch. Und er hat es mit Sicherheit geschafft, die nicht unproblematische Brücke zwischen Neuro und Psychotherapie zu schlagen und sogar sichtbar zu machen! Er redet einfach davon, was sie in Kiel gemacht haben, und wo Grenzen sind, gibt er sie zu. Stereotypendenkengefolgt benimmt er sich also untypisch, und dabei ist er hinreißend sympathisch.
Also, Star, mehr Ringvorlesungen!
Dienstag, 3. November 2009
Topf, die Watte quillt:
Wie viele Salzstangen schafft man in einer Minute?
a) 20
b) 15
c) 10
Ohne trinken, mit runterschlucken.
Na?
a) 20
b) 15
c) 10
Ohne trinken, mit runterschlucken.
Na?
Montag, 2. November 2009
Es geht los: die Diplomarbeit
Der Chefarzt findet es super, daher habe ich jetzt ein Diplomarbeitsthema.
Es wird um Entscheidungsverhalten in unsicheren Situationen gehen, und die Opfer werden aus Opiatabhängigen, Alkoholabhängigen und meinen lieben Freunden bestehen, denn eine gesunde Kontrollgruppe braucht man ja auch! Daher kann ich gar nicht so viel darüber erzählen, denn vielleicht sitzt du, der geneigte Leser, die geneigte Leserin, demnächst bei mir auf dem Versuchsstuhl!?
Immerhin gibt es plötzlich Aufgaben und Telephontermine.
Wir sägen an dem Stuhl, in den die Worte "ohne Abschluß" eingefräst sind. Ernsthaft.
Es wird um Entscheidungsverhalten in unsicheren Situationen gehen, und die Opfer werden aus Opiatabhängigen, Alkoholabhängigen und meinen lieben Freunden bestehen, denn eine gesunde Kontrollgruppe braucht man ja auch! Daher kann ich gar nicht so viel darüber erzählen, denn vielleicht sitzt du, der geneigte Leser, die geneigte Leserin, demnächst bei mir auf dem Versuchsstuhl!?
Immerhin gibt es plötzlich Aufgaben und Telephontermine.
Wir sägen an dem Stuhl, in den die Worte "ohne Abschluß" eingefräst sind. Ernsthaft.
Mittwoch, 28. Oktober 2009
Danke für die Blumen
... und schon gibt es einen weiteren erfolgreichen Link, wenn man auf Google nach mir sucht ;-) und wenn schonmal ein Photo von mir im Netz ist, dann doch bitte eins, wo ich einen Rock anhab!
Wahrscheinlich habe ich irgendwo im Zuge der geldgierigen Bewerbungsprozedur meine Zustimmung zu all dem gegeben, in Form eines Häkchens im Onlineformular vielleicht oder als "vorgedrucktes" Unabänderliches. Gut, soll meine Hochschule auf mich stolz sein. Der Papa und die Hauptfrauen sind es ja auch.
Die Feier in Paderborn entsprach in etwa dem, was man Paderborn vorher so dem Hörensagen nach so zugetraut hat: Wer von den geneigten Lesern allerlei Geschlechts kann sich etwa einen Umtrunk und Stehempfang, bei dem wir uns alle mal so richtig kennenlernen und begrüßen wollen, vorstellen, wo es nur Apfelsaft und Wasser zu trinken gibt? Und wie locker ist man da? Immerhin ließ ich mich erfolgreich vom Präsidenten der Universität Paderborn und gleichzeitigem Stiftungsvorstand Prof. Risch ausfragen, während er unbewußt ein größeres Salzkrümel auf seiner Unterlippe balancierte, und ich zuckte nicht mit der Wimper! Das finde ich schon großartig, aber "ich habe mit Prof. Risch persönlich auf mein Stipendium angestoßen" finde ich irgendwie großartiger.
Immerhin hatte ich selbst ein inneres Kichererlebnis beim Urkundenüberreichen, weil ich sowohl unseren ehemaligen Rektor Timmermann als auch den mir persönlich die Hand schüttelnden, den aktuellen Rektor vertretenden Prof. König vor einigen Jahren bei einem Fachschafts-Rektoratstermin traf, naja, das ist nicht so schlimm, daß die sich daran nicht mehr erinnert haben. Noch schöner allerdings war der Gedanke einer ebenfalls bedachten Erziehungswissenschaftenstudentin beim Händeschütteln mit Rektor a.D. Timmermann: Ich habe schon unter deinem Schreibtisch geschlafen!, weil sie nämlich seinerzeit in die Besetzung des Rektorats aktiv verwickelt war (damals war ich noch nicht in Bielefeld).
'Unsere' Carina-Stiftung glänzte vermutlich mit Abwesenheit, oder sie hatte ihre sozialextremphobischen Betreuer geschickt, jedenfalls hielt niemand nach uns Ausschau, und wir entdeckten auch niemanden, der so aussah, als würde er bzw. sie nach uns oder überhaupt jemandem Ausschau halten.
Insgesamt: Verleihung selber nett und gut gelungen, Empfang naja, und wenn jetzt das Geld noch kommt, glaub ichs wirklich ;-) so'ne Urkunde sieht aber auch schon nett aus!
Wahrscheinlich habe ich irgendwo im Zuge der geldgierigen Bewerbungsprozedur meine Zustimmung zu all dem gegeben, in Form eines Häkchens im Onlineformular vielleicht oder als "vorgedrucktes" Unabänderliches. Gut, soll meine Hochschule auf mich stolz sein. Der Papa und die Hauptfrauen sind es ja auch.
Die Feier in Paderborn entsprach in etwa dem, was man Paderborn vorher so dem Hörensagen nach so zugetraut hat: Wer von den geneigten Lesern allerlei Geschlechts kann sich etwa einen Umtrunk und Stehempfang, bei dem wir uns alle mal so richtig kennenlernen und begrüßen wollen, vorstellen, wo es nur Apfelsaft und Wasser zu trinken gibt? Und wie locker ist man da? Immerhin ließ ich mich erfolgreich vom Präsidenten der Universität Paderborn und gleichzeitigem Stiftungsvorstand Prof. Risch ausfragen, während er unbewußt ein größeres Salzkrümel auf seiner Unterlippe balancierte, und ich zuckte nicht mit der Wimper! Das finde ich schon großartig, aber "ich habe mit Prof. Risch persönlich auf mein Stipendium angestoßen" finde ich irgendwie großartiger.
Immerhin hatte ich selbst ein inneres Kichererlebnis beim Urkundenüberreichen, weil ich sowohl unseren ehemaligen Rektor Timmermann als auch den mir persönlich die Hand schüttelnden, den aktuellen Rektor vertretenden Prof. König vor einigen Jahren bei einem Fachschafts-Rektoratstermin traf, naja, das ist nicht so schlimm, daß die sich daran nicht mehr erinnert haben. Noch schöner allerdings war der Gedanke einer ebenfalls bedachten Erziehungswissenschaftenstudentin beim Händeschütteln mit Rektor a.D. Timmermann: Ich habe schon unter deinem Schreibtisch geschlafen!, weil sie nämlich seinerzeit in die Besetzung des Rektorats aktiv verwickelt war (damals war ich noch nicht in Bielefeld).
'Unsere' Carina-Stiftung glänzte vermutlich mit Abwesenheit, oder sie hatte ihre sozialextremphobischen Betreuer geschickt, jedenfalls hielt niemand nach uns Ausschau, und wir entdeckten auch niemanden, der so aussah, als würde er bzw. sie nach uns oder überhaupt jemandem Ausschau halten.
Insgesamt: Verleihung selber nett und gut gelungen, Empfang naja, und wenn jetzt das Geld noch kommt, glaub ichs wirklich ;-) so'ne Urkunde sieht aber auch schon nett aus!
Sonntag, 20. September 2009
How to detect a depression screening:
Erstens, sozial unverträglich für Diagnostik lernen.
Zweitens, dabei die Item-Response-Theorie im allgemeinen und die Rasch-Modelle im besonderen nicht verstehen.
Drittens, die fast völlige Abwesenheit rasch*-skalierter Untersuchungsinstrumente lautreich beklagen.
Viertens, im Depressionsseminar mehrmals Klagen darüber hören, daß es kein brauchbares und zweckgeeignetes Depressionsdiagnostikum gebe.
Fünftens, aufmerksame Prinzessinnen, bzw. eine reicht eigentlich, sind geprimt (unbewußt voraufmerksam) auf rasch-basierte Verfahren im allgemeinen und stoßen daher mit Interesse, aber eher zufällig auf das DESC* eines unbekannten Konfidenten an der Uniklinik Aachen.
Sechstens spitzen plötzlich Professoren die Ohren, weil sie (s.o.) auch gerne ein schönes Depressionsscreening hätten.
Siebentens (oder wie WIR sagen: siehmtens) recherchiert die eigentlich gar nicht zuständige Hilfskraft dem DESC hinterher, infolgedessen sich eine nette elektronische E-mail-Korrespondenz mit dem DESC-Erfinder entwickelt.
Achtens entpuppt sich das Ding als aufwendig entwickelt und konstruiert und scheint ersten Zahlen zufolge brauchbar zu sein. Und rasch-skaliert ist es auch noch!
*rasch bezieht sich überhaupt nicht auf Geschwindigkeit, sondern auf den Namen eines Testkonstruktionsprinzipserfinder, der verschiedene mathematische Modelle über Fragebogenskalen und dergleichen entwickelte. Ich kann das hier unmöglich laienverständlich erklären. Auf Nachfrage versende ich gerne das beliebte Schrifttum Studtmann (1999), in welchem alle relevanten Fragen um die IRT erschöpfend behandelt sind.
*bürgerlicher Name des relevanten Depressionsscreenings
Zweitens, dabei die Item-Response-Theorie im allgemeinen und die Rasch-Modelle im besonderen nicht verstehen.
Drittens, die fast völlige Abwesenheit rasch*-skalierter Untersuchungsinstrumente lautreich beklagen.
Viertens, im Depressionsseminar mehrmals Klagen darüber hören, daß es kein brauchbares und zweckgeeignetes Depressionsdiagnostikum gebe.
Fünftens, aufmerksame Prinzessinnen, bzw. eine reicht eigentlich, sind geprimt (unbewußt voraufmerksam) auf rasch-basierte Verfahren im allgemeinen und stoßen daher mit Interesse, aber eher zufällig auf das DESC* eines unbekannten Konfidenten an der Uniklinik Aachen.
Sechstens spitzen plötzlich Professoren die Ohren, weil sie (s.o.) auch gerne ein schönes Depressionsscreening hätten.
Siebentens (oder wie WIR sagen: siehmtens) recherchiert die eigentlich gar nicht zuständige Hilfskraft dem DESC hinterher, infolgedessen sich eine nette elektronische E-mail-Korrespondenz mit dem DESC-Erfinder entwickelt.
Achtens entpuppt sich das Ding als aufwendig entwickelt und konstruiert und scheint ersten Zahlen zufolge brauchbar zu sein. Und rasch-skaliert ist es auch noch!
*rasch bezieht sich überhaupt nicht auf Geschwindigkeit, sondern auf den Namen eines Testkonstruktionsprinzipserfinder, der verschiedene mathematische Modelle über Fragebogenskalen und dergleichen entwickelte. Ich kann das hier unmöglich laienverständlich erklären. Auf Nachfrage versende ich gerne das beliebte Schrifttum Studtmann (1999), in welchem alle relevanten Fragen um die IRT erschöpfend behandelt sind.
*bürgerlicher Name des relevanten Depressionsscreenings
Sonntag, 23. August 2009
1,3 - und ein ganzes Stück weiser
Der Clou an der Prüfung bestand zunächst darin, daß der Prüfer nicht auftauchte, wohl aber irgendwann die nach mir drankommende Kommilitonin. Es wurde hektisch telephoniert, es gab ein Listenverwechslungsproblem und einen wahrscheinlich hektisch unter die Dusche springenden Professor, aber dann konnte es echt losgehen, nachdem ich nochmal ausgiebig auf mein Einstiegsthema und eventuelle Fragen drumherum gepimpt wurde.
Und wenn ich den anderen Schmidt&Hunter wenigstens überhaupt mal angeschaut hätte (den hatte ich einfach gar nicht auf dem Schirm), wäre (sogar!) noch mehr drin gewesen... aber in Diagnostik beschwert man sich einfach nicht über eine Einsdrei und geht selbstredend auch nicht nochmal rein.
Daß ich über der Prüfung nicht verrückt wurde, verdanke ich einzig und allein der Prinzessin mit ihrer gewohnt-angemessen guttuenden Prüfungsvorbereitungsbetreuung und sämtlichem verfügbaren Verständnis für Diagnostikaspiranten. Und ja, man kann echt für Hauptdiplomsprüfungen lernen und trotz des meist gesperrten Sonnabends (arbeiten...) die Sonntage mit liebevoller Freizeit verbringen. Und man kann gegen zehn eintrudeln und trotzdem um sieben, mit gepflegter Mittagspause, wieder abhauen. Quality time rules!
Und wenn ich den anderen Schmidt&Hunter wenigstens überhaupt mal angeschaut hätte (den hatte ich einfach gar nicht auf dem Schirm), wäre (sogar!) noch mehr drin gewesen... aber in Diagnostik beschwert man sich einfach nicht über eine Einsdrei und geht selbstredend auch nicht nochmal rein.
Daß ich über der Prüfung nicht verrückt wurde, verdanke ich einzig und allein der Prinzessin mit ihrer gewohnt-angemessen guttuenden Prüfungsvorbereitungsbetreuung und sämtlichem verfügbaren Verständnis für Diagnostikaspiranten. Und ja, man kann echt für Hauptdiplomsprüfungen lernen und trotz des meist gesperrten Sonnabends (arbeiten...) die Sonntage mit liebevoller Freizeit verbringen. Und man kann gegen zehn eintrudeln und trotzdem um sieben, mit gepflegter Mittagspause, wieder abhauen. Quality time rules!
Donnerstag, 13. August 2009
ganz einfach:
ich mach bis Dienstag die Augen zu, dann kann mich ja keiner sehen, und wenn ich mich während der Prüfung nicht totschäme, wartet ja hinterher wenigstens psychologisch-liebevolle Betreuung auf mich, und der Konfident will auch im Morgengrauen aufschlagen!
Es ist ja so, daß, seit ich mich von der Zwangsvorstellung, ich müßte im September auch noch die Prüfung in klinischer Psychologie machen, befreit habe, alles irgendwie wieder gut ist und ich verhältnismäßig entspannt bin. Aber Diagnostik ist eben nicht Päda, sondern sowohl quantitativ als auch qualitativ viel mehr, mehr denken, mehr Anspruch und mehr trotzdem auch einfaches Wissen, das so langweilig-auswendig abgefragt werden kann. Das einzige clevere erscheint mir (im Hinblick auf die künftigen Prüfungen) darin zu bestehen, daß ich bei den einfacheren späteren Prüfungen dann immer sagen kann, Diagnostik hab ich überlebt, und das war viel schwerer. Leider werde ich immer rumjammern, weil ich über eine wahnsinnig schlechte Selbsteinschätzung verfüge, die mir letztendlich lediglich mitteilt: du weißt nix, und du wirst dich fürchterlich blamieren. Was Prüfungen angeht, bin ich sehr sozialphobisch mitsamt sämtlich dysfunktionalen Kognitionen und unrealistischer Fremdeinschätzungserwartungen. Das wird sich wahrscheinlich nicht mehr bessern.
Wie gut es in diesem Zusammenhang ist, über eine angemessene und liebevolle Prüfungsvorbereitungsbetreuung zu verfügen, die nun ja auch schon infolge ausgiebiger Gelegenheit zur Selbstevaluation und -optimierung das quasi Non-plus-ultra darstellen dürfte, wurde häufig bereits an anderer, hiesiger Stelle erwähnt. Trotzdem jetzt und hier noch einmal: Das ist gut, nicht bis zur Schließzeit in der Bib zu harren. Das tut gut, danach gute Nahrung zu bekommen. Am Tage mit dem launischen Angebot der Mensa und den arroganten Schließzeiten der Cafeteria angemessen zurechtzukommen, mit lieben Emails versorgt zu werden, Testrezensionen ausgedruckt zu bekommen und überhaupt - das tut gut. Und es hilft, sich nicht so sehr, zu sehr in die Prüfung hineinzuversenken, daß nichts anderes mehr existiert und niemand anderes mehr Zugang hat, was man zwar mal machen kann, was aber nicht die Regel sein kann, wenn man gleichzeitig schnell studiert, d.h. ständig Prüfungen hat. Und ich weiß (inzwischen! Die Lerntheoretiker haben vielleicht doch recht!), daß es dem Lernen auch guttut, nicht immer zu lernen, also Pausen zu machen, in denen man abschaltet und anderen Dingen nachgeht, andere Dinge erledigt.
Banal, nich?
Es ist ja so, daß, seit ich mich von der Zwangsvorstellung, ich müßte im September auch noch die Prüfung in klinischer Psychologie machen, befreit habe, alles irgendwie wieder gut ist und ich verhältnismäßig entspannt bin. Aber Diagnostik ist eben nicht Päda, sondern sowohl quantitativ als auch qualitativ viel mehr, mehr denken, mehr Anspruch und mehr trotzdem auch einfaches Wissen, das so langweilig-auswendig abgefragt werden kann. Das einzige clevere erscheint mir (im Hinblick auf die künftigen Prüfungen) darin zu bestehen, daß ich bei den einfacheren späteren Prüfungen dann immer sagen kann, Diagnostik hab ich überlebt, und das war viel schwerer. Leider werde ich immer rumjammern, weil ich über eine wahnsinnig schlechte Selbsteinschätzung verfüge, die mir letztendlich lediglich mitteilt: du weißt nix, und du wirst dich fürchterlich blamieren. Was Prüfungen angeht, bin ich sehr sozialphobisch mitsamt sämtlich dysfunktionalen Kognitionen und unrealistischer Fremdeinschätzungserwartungen. Das wird sich wahrscheinlich nicht mehr bessern.
Wie gut es in diesem Zusammenhang ist, über eine angemessene und liebevolle Prüfungsvorbereitungsbetreuung zu verfügen, die nun ja auch schon infolge ausgiebiger Gelegenheit zur Selbstevaluation und -optimierung das quasi Non-plus-ultra darstellen dürfte, wurde häufig bereits an anderer, hiesiger Stelle erwähnt. Trotzdem jetzt und hier noch einmal: Das ist gut, nicht bis zur Schließzeit in der Bib zu harren. Das tut gut, danach gute Nahrung zu bekommen. Am Tage mit dem launischen Angebot der Mensa und den arroganten Schließzeiten der Cafeteria angemessen zurechtzukommen, mit lieben Emails versorgt zu werden, Testrezensionen ausgedruckt zu bekommen und überhaupt - das tut gut. Und es hilft, sich nicht so sehr, zu sehr in die Prüfung hineinzuversenken, daß nichts anderes mehr existiert und niemand anderes mehr Zugang hat, was man zwar mal machen kann, was aber nicht die Regel sein kann, wenn man gleichzeitig schnell studiert, d.h. ständig Prüfungen hat. Und ich weiß (inzwischen! Die Lerntheoretiker haben vielleicht doch recht!), daß es dem Lernen auch guttut, nicht immer zu lernen, also Pausen zu machen, in denen man abschaltet und anderen Dingen nachgeht, andere Dinge erledigt.
Banal, nich?
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