Vor allem in die Bibliothek.
Der Toshi kommt morgens in die friscanische Kuriertasche und dieselbe samt strampelnder Besitzerin aufs Fahrrad (heute mußte ich mir Spott anhören, nachdem ich damit angab, mit dem Fahrrad aus der Weststraße in die Uni gefahren zu sein).
In der Bibliothek sitze ich und versuche, nicht mit A&O anzufangen. Von allen Seiten ernte ich erstaunte Blicke und Kommentare, weil ich Schwerpunkt machen muß. Aber das ist mir egal! Schlimmer eigentlich ist das gleichzeitige Vorhandensein von der anderen Prüfung. Gibt es bei den Abschlußprüfungen denn keine Freude?! Päda, Diagnostik und nun Evaluation und Arbeits- und Organisationspsychologie! Wo sind denn da die Lichtblicke?
Deshalb habe ich eben auch nicht mit Lernen angefangen, sondern eine schöne Begründung dafür geschrieben, daß ich den schmalen Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie für den Grotemeyer-Preis vorschlage. Hoffentlich gewinnt er ihn dann nicht, weil ich dann nämlich eine Laudatio halten müßte, brrr. Beim Schreiben ist mir erneut aufgefallen, wie schwer es fällt, Lobhudeleien zu verfassen, und zwar eigentlich egal, ob es um einen selber geht oder einen, der es wirklich verdient hat. Schnell fällt man ins Schleimer-Fach, und das will man ja nicht. Und was fast ebenso schwer fällt: Jemanden gutzufinden ist ja einfach. Aber warum eigentlich? Weiß man ja eigentlich auch. Aber in ein, zwei Sätzen formuliert? Für jemanden, der die betreffende Person gar nicht kennt? Das ist schwer. Wenn der Betreffende dann auch noch selbst ein eher zurückhaltender Typ ist, bekommt man direkt ein schlechtes Gewissen, weil man in dessen Abwesen- und Unwissenheit gut über ihn redet.
Draußen im Wohnzimmer versammeln sich prototypische BWL-Studenten zum Vortrinken vor der Westendparty. Das erzeugt Geräusche. Komisch eigentlich, dieses kollektive Warmtrinken zuhause, bevor es auf die eigentliche Party geht: dadurch wird es natürlich extrem unattraktiv, überhaupt auf das Fest zu gehen, denn vor Mitternacht ist da ja eh keiner. Dabei könnte man doch um Mitternacht mit dem Feiern schon wieder fertig sein und in der letzten Bahn nach Hause fahren! Aber man muß ja vorher in ramdösigen Wohngemeinschaften mit Gleichgesinnten nach Korkenziehern suchen. (Wenn das eigentliche Partyziel teuer ist, ist das Vorfeiern ja vielleicht verständlich. Aber bei der Westend-Party?) Das gute an so einer Vorfeierveranstaltung ist das absehbare Ende: irgendwann wird die Meute schon in Richtung Uni abdampfen, und dann ist hier wieder Ruhe. Wenigstens habe ich mal einen Mitbewohner, der überhaupt reden kann und offensichtlich sogar über mehr als zwei Sozialkontakte verfügt. Heute haben wir sogar alle drei gemeinsam auf dem Balkon gestanden, das gabs noch nie! Jedenfalls hören BWL-Studenten schlechte Musik und trinken schlechte Getränke.
Mittwoch, 14. April 2010
Mittwoch, 7. April 2010
Zusatzbeiträge für das Supatopcheckerbunny
Zusatzbeiträge sind ja gerade in, da will ich nicht hintanstehen. Und das schöne Buch vom Supatopcheckerbunny ist, bei aller angestrebter Vollkommenheit, noch nicht vollkommen, weil meine eigenen Erlebnisse aus der Parallelwelt Einzelhandel nicht darin enthalten sind. Hier ein kurzer Vorabdruck für eine mögliche erweiterte Auflage später mal:
Eine Grundregel des Einzelhandels scheint ja zu besagen, daß der anrufende Kunde demjenigen solchen vorzuziehen sei, der sich persönlich in das Geschäft bemüht hat. Zum Beispiel schrillt das Telephon am Karsamstag vor sich hin, daß es eine Art ist. Einer sagt, er wolle lediglich wissen, ob der Artikel mit der Nummer 64585 wieder nachgekommen sei. Selbst ein vorsichtiges Aufklärungsgespräch über die geschätzte Anzahl von unterschiedlichen Artikeln allein in der Herranabteilung führt nicht problemlos zu einer vorsichtigen Eingrenzung des avisierten Artikels seitens des Kunden. Eher scheint er irritiert darüber zu sein, daß man nicht ad hoc Auskunft über beliebige Artikel allein anhand der Artikelnummer zu erteilen in der Lage ist. Ein anderer Kunde ruft im Auftrag der Freundin wegen einer schwarzen Jacke an, mehr wisse er leider auch nicht, bloß die Größe. Auch hier lag es nicht an der mangelnden Kooperationsbereitschaft seitens der Verkäuferin, daß ein zielführendes Gespräch nicht zustandekam.
Eine weitere beliebte Grundregel scheint bei insbesondere schwarzbehaarten männlichen Kunden darin zu bestehen, daß man Verkäuferinnen ohne weiteres mit Ey! ansprechen darf. Reagiert die so Angesprochene allerdings mit Das Ey! hab ich jetzt mal nicht gehört, hat der Kunde gerade "bloß" mit seinem Kumpel geredet.
Bisherige Krönung mißlungener Konversation am Kassentresen wurde bislang von einer Kundin kreiert, die eine Geschenkkarte mit dem geknurrten Gruß Zwanzig über den Tisch schob. Die Verkäuferin, ganz professionell, antwortete mit Sie möchten also diese Geschenkkarte mit 20 Euro aufladen lassen?, und folgte dem wortkarg geäußerten Wunsch. Anschließend steckte sich die Kundin noch einen weiteren der für die verkauften Geschenkkarten gedachten Umschlag ein, ebenfalls kommunikationsfrei. Die Verkäuferin: Entschuldigung, aber die Umschläge sind ja für die verkauften Geschenkkarten gedacht. Darauf die Kundin: Weiß ich doch nicht, welche sie will. (Das ist schon witzig, weil es dem Empfänger von Zwanzig sicherlich egal ist, in welchem Gewand Zwanzig daherkommen.) Daraufhin die Verkäuferin: Na, Sie hätten ja wenigstens fragen können.
Das Supatopcheckerbunny zieht aus seinen eigenen ernüchternden Analysen den Schluß, daß ein Großteil von kundenerzeugtem Ärgernis aus Unachtsamkeit herrührt, und das kann ich bestätigen. Der anrufende Kunde glaubt tatsächlich, daß die Verkäuferin im Laden steht und darauf wartet, daß das Telephon klingelt, um daraufhin alle 1432 Artikel der Herrenabteilung nach dem Artikel 64585 abzusuchen. Der bezahlende Kunde, dem auffällt, daß der Scanner das Preisschild nicht einliest, findet sich besonders komisch, wenn er das gibt es heute umsonst sagt, und ahnt nicht, daß er heute bereits der fünfzehnte ist, der diese originelle Aussage anbringt. Die suchende Kundin, die unaufmerksam an einem Kleiderständer vorbeigeht und wie in Trance jeden einzelnen Ärmel einmal herauszieht, ohne die Kleidungsstücke auch nur zu betrachten, nervt ebenso wie die Kundin, der erst dann einfällt, daß sie keine Tüte braucht, wenn sich die Kassiererin bereits einmal gebückt, das inkrementelle Element aus seinem Stapel befreit und die Ware ungefähr bis zur Hälfte in die Tüte eindrapiert hat. Reine Unachtsamkeit zerstört Pulloverstapel und Kassiererlaune. Von unten heraufstapfen mit einem einzigen Teil, an dem kein Preisschild hängt, und es mit den Worten Da ist kein Preis dran auf den Kassentresen legen führt dazu, daß die Kassiererin wieder nach unten läuft, um den Preis in Erfahrung zu bringen. Das dauert viel länger, als wenn die Kundin einfach unten auch bezahlt hätte, wo es weniger lange dauert, den Preis herauszufinden, und außerdem ist es ja wohl nicht so schwer, noch ein weiteres Teil, wo ein Preis dran ist, mit zur Kasse zu nehmen. Wie soll man denn all diese Preise (siehe Artikelnummern) im Kopf haben!?
Bisheriger Höhepunkt, neben Zwanzig, war seit meiner Rückkehr jener Kunde, der mich original was fragt und noch VOR Beginn meiner MÖGLICHEN Antwort sein Telephon herauszog und mit irgendjemandem zu telephonieren BEGANN! Geht's noch?
Das Supatopcheckerbunny hat eigentlich schon ganz gute Regeln aufgestellt, ich zitiere daher teilweise, hab mir das aber auch selber unabhängig davon überlegt! Also:
Der Kunde ist König - und Könige werden geköpft. Also aufgepaßt! Wie schlecht möchte man selber auf seiner Arbeitsstelle von Leuten, von denen man irgendwie auch abhängig ist, behandelt werden? Das gibt einen guten Maßstab ab.
Die Hauptregel lautet: Du bist nicht allein. Wenn du eine Eins-zu-Eins-Betreuung brauchst, gehe in Boutiquen und kleinen Fachläden einkaufen. Da ist es in der Regel auch teurer, und zwar aus Gründen.
Weiters: Auch wenn du dir als Kunde theoretisch alles erlauben darfst: Ein Verkäufer, der dir nicht schon ein halbes Dutzend zerstörter T-Shirt-Stapel hinterherräumen mußte, wird sich entspannter mit dir befassen können.
An der Kasse wird kassiert, d.h. alle möglichen anderen Fragen, wie zum Beispiel nach den verfügbaren Größen in einer anderen Filiale oder was man zu der schönen Blumenleggins noch schönes anziehen könnte, gehören nicht an die Kasse, sondern an die zugehörige Fachkraft auf der Fläche.
Was viele nicht bedenken: Im Einzelhandel arbeiten wirklich viele Studenten oder Schüler, u.a. weil die entsprechend verbraucherfreundlich genannten Spätöffnungszeiten nicht anders zu machen wären. Und wie das Leben so spielt, pöbelt man evtl. gerade die zukünftige Anwältin an, die einem später die Scheidung für einen fairen Preis machen wird. Oder eben auch nicht, weil man einmal zu oft die Kabine in einem erbärmlichen Zustand hinterlassen hat und sich innerlich auch noch über die unfähigen Aushilfen aufgeregt hat. Oder man unterstellt einem zukünftigen Betriebswirt mangelhafte Kompetenz in Sachen Addition, denn den Job hier könnte natürlich jeder machen, da sind sich alle einig. Nichts ist einfacher als für für alle den Dämlack spielen.
Eine Grundregel des Einzelhandels scheint ja zu besagen, daß der anrufende Kunde demjenigen solchen vorzuziehen sei, der sich persönlich in das Geschäft bemüht hat. Zum Beispiel schrillt das Telephon am Karsamstag vor sich hin, daß es eine Art ist. Einer sagt, er wolle lediglich wissen, ob der Artikel mit der Nummer 64585 wieder nachgekommen sei. Selbst ein vorsichtiges Aufklärungsgespräch über die geschätzte Anzahl von unterschiedlichen Artikeln allein in der Herranabteilung führt nicht problemlos zu einer vorsichtigen Eingrenzung des avisierten Artikels seitens des Kunden. Eher scheint er irritiert darüber zu sein, daß man nicht ad hoc Auskunft über beliebige Artikel allein anhand der Artikelnummer zu erteilen in der Lage ist. Ein anderer Kunde ruft im Auftrag der Freundin wegen einer schwarzen Jacke an, mehr wisse er leider auch nicht, bloß die Größe. Auch hier lag es nicht an der mangelnden Kooperationsbereitschaft seitens der Verkäuferin, daß ein zielführendes Gespräch nicht zustandekam.
Eine weitere beliebte Grundregel scheint bei insbesondere schwarzbehaarten männlichen Kunden darin zu bestehen, daß man Verkäuferinnen ohne weiteres mit Ey! ansprechen darf. Reagiert die so Angesprochene allerdings mit Das Ey! hab ich jetzt mal nicht gehört, hat der Kunde gerade "bloß" mit seinem Kumpel geredet.
Bisherige Krönung mißlungener Konversation am Kassentresen wurde bislang von einer Kundin kreiert, die eine Geschenkkarte mit dem geknurrten Gruß Zwanzig über den Tisch schob. Die Verkäuferin, ganz professionell, antwortete mit Sie möchten also diese Geschenkkarte mit 20 Euro aufladen lassen?, und folgte dem wortkarg geäußerten Wunsch. Anschließend steckte sich die Kundin noch einen weiteren der für die verkauften Geschenkkarten gedachten Umschlag ein, ebenfalls kommunikationsfrei. Die Verkäuferin: Entschuldigung, aber die Umschläge sind ja für die verkauften Geschenkkarten gedacht. Darauf die Kundin: Weiß ich doch nicht, welche sie will. (Das ist schon witzig, weil es dem Empfänger von Zwanzig sicherlich egal ist, in welchem Gewand Zwanzig daherkommen.) Daraufhin die Verkäuferin: Na, Sie hätten ja wenigstens fragen können.
Das Supatopcheckerbunny zieht aus seinen eigenen ernüchternden Analysen den Schluß, daß ein Großteil von kundenerzeugtem Ärgernis aus Unachtsamkeit herrührt, und das kann ich bestätigen. Der anrufende Kunde glaubt tatsächlich, daß die Verkäuferin im Laden steht und darauf wartet, daß das Telephon klingelt, um daraufhin alle 1432 Artikel der Herrenabteilung nach dem Artikel 64585 abzusuchen. Der bezahlende Kunde, dem auffällt, daß der Scanner das Preisschild nicht einliest, findet sich besonders komisch, wenn er das gibt es heute umsonst sagt, und ahnt nicht, daß er heute bereits der fünfzehnte ist, der diese originelle Aussage anbringt. Die suchende Kundin, die unaufmerksam an einem Kleiderständer vorbeigeht und wie in Trance jeden einzelnen Ärmel einmal herauszieht, ohne die Kleidungsstücke auch nur zu betrachten, nervt ebenso wie die Kundin, der erst dann einfällt, daß sie keine Tüte braucht, wenn sich die Kassiererin bereits einmal gebückt, das inkrementelle Element aus seinem Stapel befreit und die Ware ungefähr bis zur Hälfte in die Tüte eindrapiert hat. Reine Unachtsamkeit zerstört Pulloverstapel und Kassiererlaune. Von unten heraufstapfen mit einem einzigen Teil, an dem kein Preisschild hängt, und es mit den Worten Da ist kein Preis dran auf den Kassentresen legen führt dazu, daß die Kassiererin wieder nach unten läuft, um den Preis in Erfahrung zu bringen. Das dauert viel länger, als wenn die Kundin einfach unten auch bezahlt hätte, wo es weniger lange dauert, den Preis herauszufinden, und außerdem ist es ja wohl nicht so schwer, noch ein weiteres Teil, wo ein Preis dran ist, mit zur Kasse zu nehmen. Wie soll man denn all diese Preise (siehe Artikelnummern) im Kopf haben!?
Bisheriger Höhepunkt, neben Zwanzig, war seit meiner Rückkehr jener Kunde, der mich original was fragt und noch VOR Beginn meiner MÖGLICHEN Antwort sein Telephon herauszog und mit irgendjemandem zu telephonieren BEGANN! Geht's noch?
Das Supatopcheckerbunny hat eigentlich schon ganz gute Regeln aufgestellt, ich zitiere daher teilweise, hab mir das aber auch selber unabhängig davon überlegt! Also:
Der Kunde ist König - und Könige werden geköpft. Also aufgepaßt! Wie schlecht möchte man selber auf seiner Arbeitsstelle von Leuten, von denen man irgendwie auch abhängig ist, behandelt werden? Das gibt einen guten Maßstab ab.
Die Hauptregel lautet: Du bist nicht allein. Wenn du eine Eins-zu-Eins-Betreuung brauchst, gehe in Boutiquen und kleinen Fachläden einkaufen. Da ist es in der Regel auch teurer, und zwar aus Gründen.
Weiters: Auch wenn du dir als Kunde theoretisch alles erlauben darfst: Ein Verkäufer, der dir nicht schon ein halbes Dutzend zerstörter T-Shirt-Stapel hinterherräumen mußte, wird sich entspannter mit dir befassen können.
An der Kasse wird kassiert, d.h. alle möglichen anderen Fragen, wie zum Beispiel nach den verfügbaren Größen in einer anderen Filiale oder was man zu der schönen Blumenleggins noch schönes anziehen könnte, gehören nicht an die Kasse, sondern an die zugehörige Fachkraft auf der Fläche.
Was viele nicht bedenken: Im Einzelhandel arbeiten wirklich viele Studenten oder Schüler, u.a. weil die entsprechend verbraucherfreundlich genannten Spätöffnungszeiten nicht anders zu machen wären. Und wie das Leben so spielt, pöbelt man evtl. gerade die zukünftige Anwältin an, die einem später die Scheidung für einen fairen Preis machen wird. Oder eben auch nicht, weil man einmal zu oft die Kabine in einem erbärmlichen Zustand hinterlassen hat und sich innerlich auch noch über die unfähigen Aushilfen aufgeregt hat. Oder man unterstellt einem zukünftigen Betriebswirt mangelhafte Kompetenz in Sachen Addition, denn den Job hier könnte natürlich jeder machen, da sind sich alle einig. Nichts ist einfacher als für für alle den Dämlack spielen.
Montag, 22. März 2010
Bitte das passende Wort benutzen!
Ich möchte keine neue Liste unpassender Worte beginnen, weil das öd ist. Aber trotzdem fällt es mir immer wieder auf, daß Ausländerkinder heutzutage Jugendliche mit Migrationshintergrund sind. Das eigentlich blöde - daß man nämlich nicht sehen kann, ob der im weitesten Sinne südländisch aussehende S-Bahn-Beschmierer wirklich Türke oder nicht doch ein lange eingebürgerter Deutscher mit türkischen (oder jugoslawischen, bulgarischen, italienischen oder griechischen) Eltern ist, bleibt dabei ja verschwiegen. Unser Blut- und Bodenstaatsbürgerrecht macht den Unterschied ja nun nicht daran fest, ob man in Deutschland geboren wurde. Deshalb muß die Bildzeitung immer dazuschreiben Deutsch-Libanese*, wenn mal wieder ein Koffer herrenlos auf einem Kopfbahnhof entdeckt wurde und infolgedessen alle Bankangestellten Frankfurt (Main)s zu spät kamen.
Aber ist es eigentlich nicht egal, welche Nationalität und/oder welchen ethnischen Hintergrund jemand hat?
Ich arbeite gottlob in einer Klinik, in der noch nicht eine einzige Seniorin gesichtet wurde. Wir haben es mit Patienten zu tun, und so werden sie auch genannt. Wenn es wichtig ist, daß sie berentet sind, dann heißen sie Rentner. Die Ärzte heißen Doktor, unabhängig davon, ob sie den Titel erworben haben, und wenn ich einen Kittel anhabe, bin ich auch schnell mal die Frau Doktor, weil ich auf der anderen Seite sitze und einen Kittel anhabe.
Ein weiterer Begriff, der mich zusehends böse machen kann, ist der der sozial schwachen Familien. Erstens wird damit alles mögliche gemeint, das durchaus Differenzierung verdient hätte. Zweitens ist eine Familie mit wenig Geld vermutlich arm, aber ihr gleich Defizite im sozialen Leben zu unterstellen, geht dann doch etwas weit. Umgekehrt ist es wahrscheinlich eher so, daß eine arme Familie nicht adäquat am sozialen Leben insgesamt teilnehmen kann, aber das ist doch nicht Folge eines selbstverschuldeten Versäumnisses! Unter sozial schwach stelle ich mir eher eine Person vor, der ich neulich auf einer Party begegnet bin und die ihr jeweiliges Erscheinen in der Küche mit Habe ich hier irgendwo mein Bier stehengelassen einleitete, um dann mit Pausenfüllern wie Und ihr kennt euch alle aus der Schule? und Seit ihr denn alle vergeben? loszulegen. Aber arm war der Typ wahrscheinlich nicht, wenn man seinen Erzählungen über die Penthäuser, die er beinahe mal erworben hätte, Glauben schenken konnte.
Wenn man den beschriebenen Familien schon eine pauschale Schwäche andichten möchte, wäre finanziell schwach wohl der passendere Ausdruck.
Also bitte aufpassen beim Gebrauch von Floskeln, besonders wenn sie geläufig geworden sind. Auch die Toleranz wird gerne bemüht, dabei kann unhinterfragte Toleranz auch bedeuten, dem netten Nazi von nebenan den Kinderspielplatz als Trainingsplatz für den Pitbull zu überlassen. Immerhin kann der ja auch Männchen machen.
*weil Deutscher klingt banal. Libanese ist nicht ganz richtig. Es ist aber auch ein Kreuz!
Aber ist es eigentlich nicht egal, welche Nationalität und/oder welchen ethnischen Hintergrund jemand hat?
Ich arbeite gottlob in einer Klinik, in der noch nicht eine einzige Seniorin gesichtet wurde. Wir haben es mit Patienten zu tun, und so werden sie auch genannt. Wenn es wichtig ist, daß sie berentet sind, dann heißen sie Rentner. Die Ärzte heißen Doktor, unabhängig davon, ob sie den Titel erworben haben, und wenn ich einen Kittel anhabe, bin ich auch schnell mal die Frau Doktor, weil ich auf der anderen Seite sitze und einen Kittel anhabe.
Ein weiterer Begriff, der mich zusehends böse machen kann, ist der der sozial schwachen Familien. Erstens wird damit alles mögliche gemeint, das durchaus Differenzierung verdient hätte. Zweitens ist eine Familie mit wenig Geld vermutlich arm, aber ihr gleich Defizite im sozialen Leben zu unterstellen, geht dann doch etwas weit. Umgekehrt ist es wahrscheinlich eher so, daß eine arme Familie nicht adäquat am sozialen Leben insgesamt teilnehmen kann, aber das ist doch nicht Folge eines selbstverschuldeten Versäumnisses! Unter sozial schwach stelle ich mir eher eine Person vor, der ich neulich auf einer Party begegnet bin und die ihr jeweiliges Erscheinen in der Küche mit Habe ich hier irgendwo mein Bier stehengelassen einleitete, um dann mit Pausenfüllern wie Und ihr kennt euch alle aus der Schule? und Seit ihr denn alle vergeben? loszulegen. Aber arm war der Typ wahrscheinlich nicht, wenn man seinen Erzählungen über die Penthäuser, die er beinahe mal erworben hätte, Glauben schenken konnte.
Wenn man den beschriebenen Familien schon eine pauschale Schwäche andichten möchte, wäre finanziell schwach wohl der passendere Ausdruck.
Also bitte aufpassen beim Gebrauch von Floskeln, besonders wenn sie geläufig geworden sind. Auch die Toleranz wird gerne bemüht, dabei kann unhinterfragte Toleranz auch bedeuten, dem netten Nazi von nebenan den Kinderspielplatz als Trainingsplatz für den Pitbull zu überlassen. Immerhin kann der ja auch Männchen machen.
*weil Deutscher klingt banal. Libanese ist nicht ganz richtig. Es ist aber auch ein Kreuz!
Samstag, 20. März 2010
Und vorläufiges Fazit will gezogen werden
Oder was macht man mit Faziten (oder wie heißt davon die Mehrzahl?) - hat man die, macht man die, oder zieht man die eben? Wenn ich es so lese, klingt es komisch.
Also, jedenfalls habe ich nun fast ein Vierteljahr in Berlin gelebt, in einem Viertel, wo ich noch nie gewohnt habe, und mit einer Tätigkeit, der ich noch nie nachgegangen bin (und ohne eine Tätigkeit, der ich sonst immer nachgehe). Was nehme ich mit nach Bielefeld?
Wenn man um elf irgendwo sein soll, muß man eher um acht aufstehen, je nachdem, wie geduscht und kaffeegetrunken man sein will. In Bielefeld reicht es locker, um halb zehn aufzustehen, und das ist ja gefühltes ausschlafen.
In Berlin breitet sich schnell Buchstabenarmut aus, und allenthalben muß man die Flohmärkte nach neuem Lesestoffnachschub durchwühlen. Allein schon die langen Straßenbahnminuten lassen die Büchervorhaben purzeln, und daheim kann man auch nicht immer nur das Internet auslesen. In Bielefeld brauche ich für manches Machwerk Wochen, einfach weil ich (Ich!) nicht richtig zum Lesen komme: in der überfüllten Bahn lohnt es kaum, und meistens fahre ich eh Auto bzw. Fahrrad. In der Uni lese ich andern Kram, und von der Arbeit komme ich meist so spät heim, daß das Internet an Zerstreuung ausreicht. Bloß im Bett gibt es ein paar Zeilen, oder wenn ich bei der Prinzessin fernsehen muß.
Haupterkenntnis: Natürlich komme ich mit wenig Kram aus. (Habe eigentlich eh schon wenig, wegen der vielen Umzüge, aber immer noch zu viel.) Trotzdem haben mir Dinge, vor allem Bücher und Photos, gefehlt. Ganz asketisch möchte ich nicht sein.
Weitere Haupterkenntnis: Auf kulturelle Highlights nicht unbedingt ein Dreivierteljahr nach Bekanntgabe noch warten zu müssen, empfinde ich als großartig. Und selbst wenn sich weder Max Goldt noch die berlin bunny lectures nicht die Ehre gegeben hätten, habe ich mittels der Lesebühnen, die es ja praktisch immer gibt (und wo man deshalb dann doch fast nie hingeht) trotzdem immer frei verfügbare, niedrigschwellige Angebote gehabt.
Noch wichtigere Haupterkenntnis: Es wäre der richtige Beruf für mich (zumindest so, wie ich ihn hier ausleben konnte). Und ich habe ein deutliches Gefühl dafür gewonnen, was ich noch alles werde lernen müssen.
Weitere nicht unerhebliche Erkenntnis: Ich liebe diese Stadt. Sie ist groß, laut, manchmal unhöflich und nie charmant, aber gibt es etwas besseres, als sich in einer Straßenbahn von Weißensee nach Mitte schaukeln zu lassen? Ist es nicht großartig, daß ich mitten in der Nacht problemlos von Friedrichshain heimkomme (wenn auch in einer gut besetzten M10)? Daß man wegen Filmarbeiten in der Oranienburger Straße die Straßenseite wechseln muß? Daß man überall leckere Broiler für 2,50 bekommt? Daß man fast immer sein eigenes Tempo laufen kann, ohne ständig zusammenzustoßen oder aufgehalten zu weden? Daß hier diejenigen schief (und spöttischen Lächelns) angeschaut werden, die bei minus 20 Grad in Strumpfhose und Pfennigabsätzen nebst blankem Hüftspeck über Eisberge turnen? Und nicht diejenigen, die in derben und angemessenen Kleidern und Schuhwerken die winterliche Stadt bezwingen? (Und ich könnte noch mehr aufzählen.)
Also, jedenfalls habe ich nun fast ein Vierteljahr in Berlin gelebt, in einem Viertel, wo ich noch nie gewohnt habe, und mit einer Tätigkeit, der ich noch nie nachgegangen bin (und ohne eine Tätigkeit, der ich sonst immer nachgehe). Was nehme ich mit nach Bielefeld?
Wenn man um elf irgendwo sein soll, muß man eher um acht aufstehen, je nachdem, wie geduscht und kaffeegetrunken man sein will. In Bielefeld reicht es locker, um halb zehn aufzustehen, und das ist ja gefühltes ausschlafen.
In Berlin breitet sich schnell Buchstabenarmut aus, und allenthalben muß man die Flohmärkte nach neuem Lesestoffnachschub durchwühlen. Allein schon die langen Straßenbahnminuten lassen die Büchervorhaben purzeln, und daheim kann man auch nicht immer nur das Internet auslesen. In Bielefeld brauche ich für manches Machwerk Wochen, einfach weil ich (Ich!) nicht richtig zum Lesen komme: in der überfüllten Bahn lohnt es kaum, und meistens fahre ich eh Auto bzw. Fahrrad. In der Uni lese ich andern Kram, und von der Arbeit komme ich meist so spät heim, daß das Internet an Zerstreuung ausreicht. Bloß im Bett gibt es ein paar Zeilen, oder wenn ich bei der Prinzessin fernsehen muß.
Haupterkenntnis: Natürlich komme ich mit wenig Kram aus. (Habe eigentlich eh schon wenig, wegen der vielen Umzüge, aber immer noch zu viel.) Trotzdem haben mir Dinge, vor allem Bücher und Photos, gefehlt. Ganz asketisch möchte ich nicht sein.
Weitere Haupterkenntnis: Auf kulturelle Highlights nicht unbedingt ein Dreivierteljahr nach Bekanntgabe noch warten zu müssen, empfinde ich als großartig. Und selbst wenn sich weder Max Goldt noch die berlin bunny lectures nicht die Ehre gegeben hätten, habe ich mittels der Lesebühnen, die es ja praktisch immer gibt (und wo man deshalb dann doch fast nie hingeht) trotzdem immer frei verfügbare, niedrigschwellige Angebote gehabt.
Noch wichtigere Haupterkenntnis: Es wäre der richtige Beruf für mich (zumindest so, wie ich ihn hier ausleben konnte). Und ich habe ein deutliches Gefühl dafür gewonnen, was ich noch alles werde lernen müssen.
Weitere nicht unerhebliche Erkenntnis: Ich liebe diese Stadt. Sie ist groß, laut, manchmal unhöflich und nie charmant, aber gibt es etwas besseres, als sich in einer Straßenbahn von Weißensee nach Mitte schaukeln zu lassen? Ist es nicht großartig, daß ich mitten in der Nacht problemlos von Friedrichshain heimkomme (wenn auch in einer gut besetzten M10)? Daß man wegen Filmarbeiten in der Oranienburger Straße die Straßenseite wechseln muß? Daß man überall leckere Broiler für 2,50 bekommt? Daß man fast immer sein eigenes Tempo laufen kann, ohne ständig zusammenzustoßen oder aufgehalten zu weden? Daß hier diejenigen schief (und spöttischen Lächelns) angeschaut werden, die bei minus 20 Grad in Strumpfhose und Pfennigabsätzen nebst blankem Hüftspeck über Eisberge turnen? Und nicht diejenigen, die in derben und angemessenen Kleidern und Schuhwerken die winterliche Stadt bezwingen? (Und ich könnte noch mehr aufzählen.)
Kleider und IQ-Punkte machen Leute
Zwei Patienten, wie sie gegensätzlicher nicht sein können, und doch sollten sie beide einen Platz in einer Gesellschaft haben, die großen Wert auf die Menschenwürde und den Gleichheitsgedanken legt.
Der eine, ein überdurchschnittlich begabter Betriebswirtschaftler, erleidet unschuldig einen Verkehrsunfall, infolgedessen er Rippenbrüche und einen Darmabriß erleidet. Nach unzähligen Operationen, ist er inklusive des freilich nun verkürzten Darmes einigermaßen wiederhergestellt und versucht über das Hamburger Modell die Wiedereingliederung in den Beruf. Einen Tag vor der Untersuchung hat er seinen positiven Erwerbsunfähigkeitsrentenbescheid bekommen.
Der andere ist nur wenig älter, hat nach acht Schuljahren die Sonderschule verlassen und nie eine ordentliche Ausbildung erhalten. Da er aus irgendeinem Grunde vor dreißig Jahren von einer Brücke auf ein S-Bahn-Gleis fiel und sich bei der Gelegenheit die Wirbelsäule brach, ist er für die im ungelernten Bereich üblichen körperlichen Arbeiten wenig geeignet, und andere Arbeit gibt es für ihn nicht. Trotzdem sitzt er nach wie vor auf Hartz IV. Ein Rentenantrag wird abgelehnt, während der Verhandlung über den Widerspruch äußert ein Gutachter, daß Bewohner des Stadtbezirks Neukölln ja wohl selber schuld seien, wenn sie da lebten und vor die Hunde gingen.
Wer mich kennt, wird sich lebhaft vorstellen können, daß ich da an die Decke gehe.
Wenn mir Herr Westerwelle auch nur einen Job zeigen könnte, der für den zweiten Patienten geeignet wäre und zur Verfügung stünde, dann würde ich seine Auslassungen nachvollziehen können. Welcher Zacken dem Sozialstaat im übrigen aus der Krone bräche, wenn der zweite Patient sein 300 Öre Frührente bekäme, bleibt mir übrigens ebenfalls unklar.
Beide Patienten sind von ihren Voraussetzungen her nicht gleich, aber sie sollten, nach dem Grundgesetz, vor dem Gesetz und dem Sozialstaat neben allen seinen Auswüchsen gleich behandelt werden. Werden sie aber nicht. Einer ist intelligent, eloquent, in adäquate Textilien gehüllt und kennt seine Rechte. Der andere trägt eine zu enge Jeans und viel Blech im Gesicht, kann sich keine drei Wörter merken und hat einen Intelligenzquotienten an der Grenze zur geistigen Behinderung. Dann darf er sich noch von einem amtsmüden und offensichtlich ungeeigneten Gutachter anhören, daß er sich das mit Neukölln ja mal hätte besser überlegen können! Ich glaub', es hackt! Der Gutachter sollte mir nicht im Dunkeln oder überhaupt irgendwo begegnen!
Der erste Patient, der im übrigen ja trotzdem auch eine arme Sau ist, mit wahrscheinlich dauerhaften und durchaus spürbaren Beeinträchtigungen, hat nun die Wahl: sich mit Mitte vierzig zur Ruhe setzen, die EU-Rente genießen und reisen oder sonstwie nett leben? Oder doch arbeiten gehen, die Belastungsfähigkeit austesten, was leisten. Sonst zählt ja hierzulande nichts.
Der zweite Patient hat keine Wahl. Ich hab ihm mal, weil das ja offensichtlich sonst keiner macht, den sozialpsychiatrischen Dienst von Neukölln rausgesucht und aufgeschrieben. Ich hoffe er meldet sich da. Zwingen kann man ihn ja, gottseidank, nicht.
Der eine, ein überdurchschnittlich begabter Betriebswirtschaftler, erleidet unschuldig einen Verkehrsunfall, infolgedessen er Rippenbrüche und einen Darmabriß erleidet. Nach unzähligen Operationen, ist er inklusive des freilich nun verkürzten Darmes einigermaßen wiederhergestellt und versucht über das Hamburger Modell die Wiedereingliederung in den Beruf. Einen Tag vor der Untersuchung hat er seinen positiven Erwerbsunfähigkeitsrentenbescheid bekommen.
Der andere ist nur wenig älter, hat nach acht Schuljahren die Sonderschule verlassen und nie eine ordentliche Ausbildung erhalten. Da er aus irgendeinem Grunde vor dreißig Jahren von einer Brücke auf ein S-Bahn-Gleis fiel und sich bei der Gelegenheit die Wirbelsäule brach, ist er für die im ungelernten Bereich üblichen körperlichen Arbeiten wenig geeignet, und andere Arbeit gibt es für ihn nicht. Trotzdem sitzt er nach wie vor auf Hartz IV. Ein Rentenantrag wird abgelehnt, während der Verhandlung über den Widerspruch äußert ein Gutachter, daß Bewohner des Stadtbezirks Neukölln ja wohl selber schuld seien, wenn sie da lebten und vor die Hunde gingen.
Wer mich kennt, wird sich lebhaft vorstellen können, daß ich da an die Decke gehe.
Wenn mir Herr Westerwelle auch nur einen Job zeigen könnte, der für den zweiten Patienten geeignet wäre und zur Verfügung stünde, dann würde ich seine Auslassungen nachvollziehen können. Welcher Zacken dem Sozialstaat im übrigen aus der Krone bräche, wenn der zweite Patient sein 300 Öre Frührente bekäme, bleibt mir übrigens ebenfalls unklar.
Beide Patienten sind von ihren Voraussetzungen her nicht gleich, aber sie sollten, nach dem Grundgesetz, vor dem Gesetz und dem Sozialstaat neben allen seinen Auswüchsen gleich behandelt werden. Werden sie aber nicht. Einer ist intelligent, eloquent, in adäquate Textilien gehüllt und kennt seine Rechte. Der andere trägt eine zu enge Jeans und viel Blech im Gesicht, kann sich keine drei Wörter merken und hat einen Intelligenzquotienten an der Grenze zur geistigen Behinderung. Dann darf er sich noch von einem amtsmüden und offensichtlich ungeeigneten Gutachter anhören, daß er sich das mit Neukölln ja mal hätte besser überlegen können! Ich glaub', es hackt! Der Gutachter sollte mir nicht im Dunkeln oder überhaupt irgendwo begegnen!
Der erste Patient, der im übrigen ja trotzdem auch eine arme Sau ist, mit wahrscheinlich dauerhaften und durchaus spürbaren Beeinträchtigungen, hat nun die Wahl: sich mit Mitte vierzig zur Ruhe setzen, die EU-Rente genießen und reisen oder sonstwie nett leben? Oder doch arbeiten gehen, die Belastungsfähigkeit austesten, was leisten. Sonst zählt ja hierzulande nichts.
Der zweite Patient hat keine Wahl. Ich hab ihm mal, weil das ja offensichtlich sonst keiner macht, den sozialpsychiatrischen Dienst von Neukölln rausgesucht und aufgeschrieben. Ich hoffe er meldet sich da. Zwingen kann man ihn ja, gottseidank, nicht.
Mittwoch, 17. März 2010
Ich habe mit einer Zeichnung, auf der Westberlin (fast) gar nicht vorkommt, ein Buch gewonnen, das noch gar nicht erschienen ist und in welchem es um blöde Kunden geht!
Wie ein Sechser im Lotto sich anfühlt, kann ich mir jetzt ein bißchen besser vorstellen.
Bei den berlin bunny lectures sollten heute als Stille Aufgabe mentale Landkarten bildifiziert werden. Meine Aufgabe war es eigentlich, eine schematische Darstellung Berlins vor bzw. bis 1989 (inkl. Mauerverlauf) anzufertigen. Ich konfundierte allerdings diese Aufgabe unwissentlich mit dem Auftrag der rotweinholenden Nachbarin (Berlins Bezirke) und fabrizierte infolgedessen und des unabhängig davon hereinbrechenden Zeitdrucks lediglich eine verhältnismäßig gelungene Darstellung von Berlin (Hauptstadt der DDR) mit ergänzender, präziser Angabe der Stadtbezirke sowie des Westberliner Grenzverlaufs und ohne nähere Angaben im entsprechenden Inneren (wie auf den Ostberliner Stadtplänen, wo zufällig 'ne Ecke Westberlin mit drauf war). Vulgo: es gab eine komplementäre Zeichnung eines offensichtlich Westberliners, der allerdings nicht, wie ich, zu Ruhm und Ehren gelangte und vorne ein frisch gedrucktes Buch abholen durfte, jedenfalls nicht vor mir!
(Ich werde es versuchen, die entsprechenden Dokumente nachwirksam in meine Pfötchen zu bekommen.)
Bei den berlin bunny lectures sollten heute als Stille Aufgabe mentale Landkarten bildifiziert werden. Meine Aufgabe war es eigentlich, eine schematische Darstellung Berlins vor bzw. bis 1989 (inkl. Mauerverlauf) anzufertigen. Ich konfundierte allerdings diese Aufgabe unwissentlich mit dem Auftrag der rotweinholenden Nachbarin (Berlins Bezirke) und fabrizierte infolgedessen und des unabhängig davon hereinbrechenden Zeitdrucks lediglich eine verhältnismäßig gelungene Darstellung von Berlin (Hauptstadt der DDR) mit ergänzender, präziser Angabe der Stadtbezirke sowie des Westberliner Grenzverlaufs und ohne nähere Angaben im entsprechenden Inneren (wie auf den Ostberliner Stadtplänen, wo zufällig 'ne Ecke Westberlin mit drauf war). Vulgo: es gab eine komplementäre Zeichnung eines offensichtlich Westberliners, der allerdings nicht, wie ich, zu Ruhm und Ehren gelangte und vorne ein frisch gedrucktes Buch abholen durfte, jedenfalls nicht vor mir!
(Ich werde es versuchen, die entsprechenden Dokumente nachwirksam in meine Pfötchen zu bekommen.)
Sonntag, 14. März 2010
Back to Bansin??
Für den Fall, daß ich mal überhaupt nicht weiß, wohin mit meinem Geld, und gleichzeitig eine Gemeinde händeringend nach einem Investor für ein unbewohntes, seit Jahren leerstehendes Haus sucht: ich bin dabei. Das Haus hat alle Vorteile und keine Nachteile: Nordost- und Südwestseite je mit einem großzügigen Balkon ausgestattet, wobei ersterer auf die Ostsee und letzterer auf den Schloonsee und überhaupt nicht auf andere Ferienhäuser guckt. Der Garten erscheint üppig und nach Abriß einer überflüssigen Baracke direkt im Sinne des Freizeitverbrings nutzbar. Straßenverkehr, unmittelbarer: keiner. Ausblick: grandios. Das Haus ist auch nicht zu groß, sondern in allen Belangen völlig angemessen. Also!
So sieht die Strandpromenda direkt vor dem Haus aus.
Das allerdings war heute der Blick aus dem Autofenster kurz vor Berlin (ca. Wandlitz). Jetzt bin ich langsam auch bereit, in den allgemeinen Chor (der seit 6 Wochen schon erschallt) einzustimmen, daß es nun aber mal genug sei mit dem Winter, und daß es jetzt mal mit dem Frühling losgehen könne.
Man kann sagen, daß hier in Berlin-Weißensee ungefähr zehn Zentimeter Schneematsch gefallen sind, denn so sieht es zumindest aus.
Die nächsten Tage bringen übrigens den Film Boxhagener Platz und die neue Ausgabe der Berlin Bunny lectures, Bericht folgt vielleicht!
So sieht die Strandpromenda direkt vor dem Haus aus.
Das allerdings war heute der Blick aus dem Autofenster kurz vor Berlin (ca. Wandlitz). Jetzt bin ich langsam auch bereit, in den allgemeinen Chor (der seit 6 Wochen schon erschallt) einzustimmen, daß es nun aber mal genug sei mit dem Winter, und daß es jetzt mal mit dem Frühling losgehen könne.
Man kann sagen, daß hier in Berlin-Weißensee ungefähr zehn Zentimeter Schneematsch gefallen sind, denn so sieht es zumindest aus.
Die nächsten Tage bringen übrigens den Film Boxhagener Platz und die neue Ausgabe der Berlin Bunny lectures, Bericht folgt vielleicht!
Freitag, 12. März 2010
Ahlbeck
Aus irgendeinem Grunde haben wir die Füße noch nicht ins Wasser gehalten... ansonsten isses aber feudal und daher angemessen, möchte ich sagen!
Sonntag, 7. März 2010
Bilder, mal
Marx, Engels und der Berliner Dom im berliner Schnee (ist schon zwei Wochen her, aber damals erschien der Schnee unverwundbar). Ein früher Feierabend in Ermangelung von Patienten.
Ungewöhnlich, zumindest, dieses gleichzeitige auftreten von Trabi-Pickup-selfmade und Wartburg-tourist MIT Anhänger (ebenfalls, versteht sich, original). In Weißensee ist alles möglich, auch das gehäufte Auftreten von Fahrzeugen, die älter als 20 Jahre sind (um die Ecke steht dauerhaft ein weiterer Trabant, naja, und bei den Straßenbahnen sind auch viele Tatrabahnen bei. Die sind aber immerhin mal von grundauf generalüberholt und gelb angestrichen worden!).
So, liebe Joghurtfreunde, das wars nun: in all euren Fruchtjoghurten befanden sich Fruchtzubereitungen der übelsten Klasse: Erdbeer-Rharbarber, Bircher Müsli und Pfirsich-Maracuja. Einfaches Joghurt ohne Drumherum gestaltet sich hingegen häufig schwierig. Nun ist es noch schwieriger geworden. Was um alles in der Welt soll Maisjoghurt darstellen? Und wer ißt sowas?
Meine liebe Fachschaft in Bielefeld, also, wir haben es ja schon gut, insofern wir über eine eigene studentische Studienberatung UND über einen eigenverantwortlich, unkontrollierten Fachschaftsraum, vulgo Psychocafé verfügen. Aber gegen ein Fachschaftshaus ist das ja wohl nix. Was haben wir eigentlich falsch gemacht?
Apropos falschmachen: Wenn man schon den Medizinstudenten nicht mehr zutraut, ihren entsprechenden Fachbereich zu finden und den Weg dorthin mit den richtigen lokalisationalen Adjektiven zu rezerpieren, dann ist vielleicht wirklich alle Hoffnung in den medizinischen Nachwuchs vergebens. Hätte man doch mehr Migranten und "sozial Schwache" zum Arztberuf ermuntern sollen?
Das ist der Tränenpalast, respektive, was von ihm übrigblieb, nachdem er von dem Schatten des Neubaus auf dem sogenannten Goldenen Dreiecks an der Friedrichstraße ereilt wurde. In der Vergrößerung sieht man noch deutlich die Aufschriften "Ausreise" und "Sortie", das russische Wort ist größtenteils zerstört. Innen ist alles leer. Und doch bin ich auch einmal durch den Tränenpalast gegangen! Aber Zwölfjährige führten damals kein Notizbuch bei sich und notierten. Leider! Jetzt steht der Salat in Form eines extrem langweiligen, grauen Betongebirges zwischen Tränenpalast und Friedrichstraße. Die Firma Ernst & Young scheint involviert.
Warum sind all die entscheidenden berliner Immobilienflächen an schnöden Mammon verscherbelt? Potsdamer Platz, wo ja immerhin von Kriegs- bis Teilungsende gar nichts geschah, außer das Horden von Busreisenden eine Wurst verspeisten und sich aufs Empörungspodest begaben: heute Sony und Benz, nicht schön, nicht innovativ, und für einen nicht sprichwörtlichen, sondern echten Apfel und Ei verkäuft. Einst die verkehrsreichste Kreuzung Europas oder der Welt. Ampel und so. Mediaspree, unendlich öd, darüber zu sprechen, aber ist die Fläche rund um die East Side Gallery so lange freigeblieben, um dann raffgierigen Medienfuzzis in den Rachen geworfen zu werden? Oder sogar Immobilienspekulanten? Das kleine Dreieck am Tränenpalast, hätte das seingemußt? Für so ein häßliches Haus? Für so eine undramatische Firma? Wenn da wenigstens das Bezirksamt Mitte einziehen würde! Aber auf diese Art haben all diese Gebäude auf den sogenannten Sahnegrundstücken nichts mit dem dahergelaufenen Berliner zu tun, und deshalb spaltet sich die Stadt derzeit in ganz andere Hälften als seinerzeit, als der Beton richtig und falsch vorgab. Potsdamer Platz ist für Touristen vermeintlich attraktiv. Aber Berliner? Einkaufszentren gibt es auch woanders, wohnen kann man sich da nicht leisten (und ist auch nicht vorgesehen), und mehr gibt es nicht.
Daß die Stadt an bedeutenden Orten auch mal selbst Akzente hätte setzen können, hat sie nun wieder an der Stelle des Palastes der Republik bewiesen. Anstatt aus der Ruine weiterhin Kultur zu schöpfen, anstatt wenigstens irgendwelche Projekte gleich welcher Art zu fördern, findet der Berliner eine leere Fläche vor, auf der im Winter Schneemänner angebaut werden. Im Sommer mal sehen, vielleicht Vogelscheuchen. Inzwischen haben aber die konservativen Schloß-Befürworter gemerkt, daß die Schloß-Idee bei zumindest denkenden Personen und/oder Berlinern nicht so gut ankommt, und nennen das Ganze jetzt auch ziemlich offiziell "Humboldt-Forum". Bloß, wenn sich alle auf ein Humboldt-Forum einigen können, muß es doch auch nicht wie das versch... Schloß aussehen oder? Oder warum?
Samstag, 6. März 2010
Seltsame Häufungen
Am interessantesten an der ganzen Arbeit ist sicherlich das Phänomen, dass es in einigen Wochen immer wieder irgendwelche Häufungen zu beobachten gibt. Da man am Tag niemals mehr als drei Patienten zu Gesicht bekommt, kann es nicht an einer verzerrten Aufmerksamkeit infolge eines Einzelerlebnisses liegen.
Noch zu Beginn hatte ich mehrmals Opis, die Demenzangst hatten, aber über 80 und fit wie Turnschuhe waren. Nur einer hingegen war wirklich dement. Dann hatte ich tagelang Leute, die aus unterschiedlichen Gründen Gesichtsfelddefekte hatten. Zwischendurch hatte ich eine plötzliche Aphasie-Häufung, d.h. die Patienten hatten aktuell keine Aphasie, aber entweder Sprachprobleme, oder sie waren in der Vergangenheit aphasisch gewesen, z.B. infolge Schlaganfall (die Häufung war so auffällig, dass ich dringend eine Aphasie-Checkliste finden mußte, weil ich mit dem behämmerten Aachener Aphasietest ja sowas von nicht zurechtkam - man stelle sich das einmal vor: ich untersuche die Patientin mit dem anderen Gedöns, und die Lieblingsmitpraktikantin liest sich eben in die AAT-Handhabung ein!). Nach Wochen ohne einen einzigen weiblichen Patienten rennen mir die Damen fast die Türe ein, so daß ich zwischendrin kurz überlegen mußte, wann ich eigentlich das letzte Mal einen Mann untersucht habe.
Einen Tag sitze ich in der Straßenbahn inmitten einer französischen Klassenfahrt. Am nächsten Tag erklimmt ein zweisprachig-deutsch-französisch-Kindergarten die Bahn, und in der Mensa gibt es Coq à vin. Eine Woche später fahre ich mit der M4, begleitet von einer Rotte russischer Punks, die sich über die Alkoholgehalte verschiedener Wodkamarken unterhalten. Auf russisch natürlich. Gleichen Tags haben wir einen russischen Patienten, der von seiner dolmetschenden Tochter begleitet wird, die während der Untersuchung kaum im Zaum zu halten ist. Die Mensa bringt Soljanka.
Wenn es seltsam anmutende Antworten gibt in den Testverfahren, dann häufen sie sich tageweise. In einer Wortflüssigkeitsaufgabe müssen binnen einer Minute so viele Tiere aufgezählt werden, wie den Patienten eben einfallen. An einem Tag war die erste Nennung zweimal Rhinozeros, sonst kam das Tier nie vor. Auch die Nennung anderer ungewöhnlicher Tiere häuft sich jeweils nach Tagen. So gab es an einem Tag zweimal die Reihung Ameise - Bär - Ameisenbär, sonst niemals, selbst wenn die beiden ersten Tiere genannt wurden. Auch in einer anderen Aufgabe, bei der einfach Bilder von Objekten benannt werden sollen, kommt es zu tagesformabhängigen Gleichnennungen: Die im letzten Bild zu sehenden Dominosteine wurden jeweils, im Brustton der Überzeugung, mit dem Ausruf Mikado! begrüßt. (Dann nicht laut loszulachen ist schwer. Tip: Das Prusten unterdrücken, das Lächeln nicht. Und anschließend kurz mit dem Patienten darüber sprechen, warum ihm das Mikado zuerst eingefallen ist, und den Begriff des semantischen Feldes erobern.)
Ich liebe diesen Beruf. Er ist bloß schwer zu erlernen.
Noch zu Beginn hatte ich mehrmals Opis, die Demenzangst hatten, aber über 80 und fit wie Turnschuhe waren. Nur einer hingegen war wirklich dement. Dann hatte ich tagelang Leute, die aus unterschiedlichen Gründen Gesichtsfelddefekte hatten. Zwischendurch hatte ich eine plötzliche Aphasie-Häufung, d.h. die Patienten hatten aktuell keine Aphasie, aber entweder Sprachprobleme, oder sie waren in der Vergangenheit aphasisch gewesen, z.B. infolge Schlaganfall (die Häufung war so auffällig, dass ich dringend eine Aphasie-Checkliste finden mußte, weil ich mit dem behämmerten Aachener Aphasietest ja sowas von nicht zurechtkam - man stelle sich das einmal vor: ich untersuche die Patientin mit dem anderen Gedöns, und die Lieblingsmitpraktikantin liest sich eben in die AAT-Handhabung ein!). Nach Wochen ohne einen einzigen weiblichen Patienten rennen mir die Damen fast die Türe ein, so daß ich zwischendrin kurz überlegen mußte, wann ich eigentlich das letzte Mal einen Mann untersucht habe.
Einen Tag sitze ich in der Straßenbahn inmitten einer französischen Klassenfahrt. Am nächsten Tag erklimmt ein zweisprachig-deutsch-französisch-Kindergarten die Bahn, und in der Mensa gibt es Coq à vin. Eine Woche später fahre ich mit der M4, begleitet von einer Rotte russischer Punks, die sich über die Alkoholgehalte verschiedener Wodkamarken unterhalten. Auf russisch natürlich. Gleichen Tags haben wir einen russischen Patienten, der von seiner dolmetschenden Tochter begleitet wird, die während der Untersuchung kaum im Zaum zu halten ist. Die Mensa bringt Soljanka.
Wenn es seltsam anmutende Antworten gibt in den Testverfahren, dann häufen sie sich tageweise. In einer Wortflüssigkeitsaufgabe müssen binnen einer Minute so viele Tiere aufgezählt werden, wie den Patienten eben einfallen. An einem Tag war die erste Nennung zweimal Rhinozeros, sonst kam das Tier nie vor. Auch die Nennung anderer ungewöhnlicher Tiere häuft sich jeweils nach Tagen. So gab es an einem Tag zweimal die Reihung Ameise - Bär - Ameisenbär, sonst niemals, selbst wenn die beiden ersten Tiere genannt wurden. Auch in einer anderen Aufgabe, bei der einfach Bilder von Objekten benannt werden sollen, kommt es zu tagesformabhängigen Gleichnennungen: Die im letzten Bild zu sehenden Dominosteine wurden jeweils, im Brustton der Überzeugung, mit dem Ausruf Mikado! begrüßt. (Dann nicht laut loszulachen ist schwer. Tip: Das Prusten unterdrücken, das Lächeln nicht. Und anschließend kurz mit dem Patienten darüber sprechen, warum ihm das Mikado zuerst eingefallen ist, und den Begriff des semantischen Feldes erobern.)
Ich liebe diesen Beruf. Er ist bloß schwer zu erlernen.
Herr B. und Herr C.
Gewaltig ist die Angst vor der Demenz, dabei ist sie mitnichten das einzige, das uns ereilen kann und uns alles nimmt, was uns teuer ist: das Gedächtnis, die Intelligenz, die Freude und den Schmerz. Herr C. wartet bereits auf dem Flur, in Begleitung seiner asiatisch anmutenden, zierlichen Frau, die draußen auf ihn warten wird. Er trägt einen gleichfalls asiatisch anmutenden Morgenmantel aus schwerer, bestickter Seide. Der Dialekt ist gefärbt, vermutlich hessisch, der Mann ist, wie es im internistischen Befund heißt, "von adipösem Ernährungszustand", überhaupt stehen in diesen Befunden immer Intima über die Patienten drin, als sollten diese jene nicht lesen! Mindestens vier Sprachen spricht er, außer deutsch, er ist im Auswärtigen Amt, er hat sein Leben dem diplomatischen Dienst gewidmet (und gleich denke ich an meine eigenen Bekannten, die in irgendeiner Form mit Diplomatie in Berührung kamen oder sind), er war in verschiedenen arabischen Ländern und in der Sowjetunion und später Russland, Sibirien; seine Frau ist aus der Mongolei. Eine Enzephalitis unterbrach den Dienst in Saudi-Arabien, der Diplomat wird per Learjet nach Deutschland geflogen, er behält sich eine symptomatische Epilepsie, wegen der er gerade in der Charité liegt. Ob sie ihn nochmal hinbekommen, daß er wieder arbeiten kann?
Herr B. ist vergeßlich; findet manchmal den Weg zurück nicht, wenn er spazieren geht; Krimis sind ihm zu schnell, er kann oft nicht folgen und hat Schwierigkeiten, sich die Gesichter einzuprägen. Daß es mir genauso geht, ließ er nicht gelten! Auch er hat sein Leben lang gearbeitet; er hat eine geheimnisvoll klingende Berufsbezeichnung namens Lichtpauser erworben und dann eigentlich immer auf dem Bau gearbeitet. 1973 hat er der DDR mit Frau und Kind den Rücken gekehrt. Sein Fluchtgerät sei im Museum in der Friedrichstraße ausgestellt, das muß ich mir noch angucken! Und auf die Frage, ob seine Frau oder beide gemeinsam den Haushalt führen würden, guckt er mich groß an und sagt Das mache ich! Er sei bereits früh verwitwet und habe sich dann zehn Jahre mit dem Kind allein durchgeschlagen, zu einer Zeit, in der ein alleinerziehender Vater mit Sicherheit überhaupt nicht hip war, und seither sei er ein ausgesprochener Hausmann, gerade, daß seine Frau Wünsche äußern dürfe. Ein ganz und gar "unsoftiger" Typ, nett, aber von normal männlicher Erscheinung. Hätte man einfach nicht gedacht (und dann im Vergleich der 73jährige, der angibt, seit seiner Verwitwung in Thailand mit zwei Frauen in einem Haushalt zu leben, den die Damen führten, oder mein Lieblingsparkinsoner, der meistenteils bei seiner Frau lebte und dazu noch einen eigenen Haushalt hatte, wo er hingehen könne, wenn seine Frau zu anstrengend wird (oder er der Frau), und beide Haushalte wurden allein von der Frau geführt).
Ich habe gemerkt, daß es mir egal ist, ob einer mit den Händen oder mit seinem Hirn Geld verdient und Werte schafft (und ob diese Werte geistiger oder monetärer Art sind). Manche der Handarbeiter brachten ein reges Interesse und eine gewisse Furchtlosigkeit mit oder überraschten mit eigenwilligen Lebenskonstellationen. Die meisten meiner Patienten waren mir sympathisch, und die, die es nicht waren, brachten ein ganzes Bündel an antipathierelevanten Eigenschaften mit. Sympathie kam immer auf, wenn die Leute in ihrem Leben immer das beste draus gemacht haben, gekämpft, wenn zu kämpfen war, und hingenommen, wenn die Umstände nicht zu ändern waren. Einer sagte, ich nehme diese Beeinträchtigungen nicht einfach hin; ich will wissen, was es ist und was man dagegen tun kann. Auch wenn es nicht heilbar ist, will ich es dennoch wissen: ob ich es hinzunehmen oder zu bekämpfen habe.
Schlußendlich, wenn ich es mir recht überlege, können Herr B. und Herr C. nur hinnehmen: das Alter bzw. die Enzephalitis. Trotzdem sind sie in der Charité: um die Möglichkeiten auszuschöpfen, und das ist richtig so. (Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.)
Herr B. ist vergeßlich; findet manchmal den Weg zurück nicht, wenn er spazieren geht; Krimis sind ihm zu schnell, er kann oft nicht folgen und hat Schwierigkeiten, sich die Gesichter einzuprägen. Daß es mir genauso geht, ließ er nicht gelten! Auch er hat sein Leben lang gearbeitet; er hat eine geheimnisvoll klingende Berufsbezeichnung namens Lichtpauser erworben und dann eigentlich immer auf dem Bau gearbeitet. 1973 hat er der DDR mit Frau und Kind den Rücken gekehrt. Sein Fluchtgerät sei im Museum in der Friedrichstraße ausgestellt, das muß ich mir noch angucken! Und auf die Frage, ob seine Frau oder beide gemeinsam den Haushalt führen würden, guckt er mich groß an und sagt Das mache ich! Er sei bereits früh verwitwet und habe sich dann zehn Jahre mit dem Kind allein durchgeschlagen, zu einer Zeit, in der ein alleinerziehender Vater mit Sicherheit überhaupt nicht hip war, und seither sei er ein ausgesprochener Hausmann, gerade, daß seine Frau Wünsche äußern dürfe. Ein ganz und gar "unsoftiger" Typ, nett, aber von normal männlicher Erscheinung. Hätte man einfach nicht gedacht (und dann im Vergleich der 73jährige, der angibt, seit seiner Verwitwung in Thailand mit zwei Frauen in einem Haushalt zu leben, den die Damen führten, oder mein Lieblingsparkinsoner, der meistenteils bei seiner Frau lebte und dazu noch einen eigenen Haushalt hatte, wo er hingehen könne, wenn seine Frau zu anstrengend wird (oder er der Frau), und beide Haushalte wurden allein von der Frau geführt).
Ich habe gemerkt, daß es mir egal ist, ob einer mit den Händen oder mit seinem Hirn Geld verdient und Werte schafft (und ob diese Werte geistiger oder monetärer Art sind). Manche der Handarbeiter brachten ein reges Interesse und eine gewisse Furchtlosigkeit mit oder überraschten mit eigenwilligen Lebenskonstellationen. Die meisten meiner Patienten waren mir sympathisch, und die, die es nicht waren, brachten ein ganzes Bündel an antipathierelevanten Eigenschaften mit. Sympathie kam immer auf, wenn die Leute in ihrem Leben immer das beste draus gemacht haben, gekämpft, wenn zu kämpfen war, und hingenommen, wenn die Umstände nicht zu ändern waren. Einer sagte, ich nehme diese Beeinträchtigungen nicht einfach hin; ich will wissen, was es ist und was man dagegen tun kann. Auch wenn es nicht heilbar ist, will ich es dennoch wissen: ob ich es hinzunehmen oder zu bekämpfen habe.
Schlußendlich, wenn ich es mir recht überlege, können Herr B. und Herr C. nur hinnehmen: das Alter bzw. die Enzephalitis. Trotzdem sind sie in der Charité: um die Möglichkeiten auszuschöpfen, und das ist richtig so. (Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.)
Mittwoch, 3. März 2010
Liebe ist... Thunfischpizza. Das ist mein Lieblingsgericht.
http://www.youtube.com/watch?v=N1naG4CyB0I
Mein erster Bulle
Heute war ein Polizist da. Der war nett und klug. Eigentlich war er so, wie jeder Polizist, gemessen an den Erfordernissen polizeilicher Aufgaben, sein sollte, bloß ist der Dienst für die, die intelligent und menschenfreundlich und dann auch körperlich geschmeidig sind, eben nicht attraktiv genug. Aber das wollte ich nicht erzählen.
Der Polizist hat seit längerer Zeit Benommenheits- und Übelkeitszustände, manchmal Kopfschmerz, und eine unklare Sensibilitätsstörung am Kopf (vulgo: Taubheitsgefühle). Bis jetzt hat noch keiner rausgefunden, was es ist (und ja, Ärzte überschätzen sehr schnell ihre eigenen Kompetenz- und Zuständigkeitszugehörigkeiten, aber dazu später vielleicht mehr). Bereitwillig läßt sich der Polizist zu Psychologen und Psychiatern schicken, was ja landläufig immer als Zeichen für Einbildung und Psychosomatik gilt. Aber die finden auch nichts, keine Somatisierungsstörung, keine Depression. Was bleibt, ist die Benommenheit und die Übelkeit. Der Polizist geht weiter arbeiten. Nun wurde es innerhalb weniger Tage, er sollte ohnehin bald geplant aufgenommen werden, so schlimm, daß er die Rettungsstelle aufsucht, jetzt ist er in der Charité, und ich hoffe, daß unsere tüchtigen Neurologen endlich auch was-auch-immer-es-ist bei ihm ausmachen und behandeln.
So landläufig, so langweilig. Viele unserer Patienten haben vergleichbare Hürdenläufe hinter sich und landen in der Charité, weil endlich irgendwann einmal ein Arzt einknickt und die Kompetenz ans Uniklinikum abtritt. (Es gibt ja einen sogenannten Provinzehrgeiz: Wir schaffen das schon alleine, wir brauchen das BKA/ die Charité/ das Oberlandesgericht nicht.) Aber der Polizist beeindruckte mich mit seiner Entschlossenheit, die Wahrheit erfahren zu wollen, und seiner Bereitschaft, ihr, wenn sie denn ans Licht gezerrt ist, ins Auge zu schauen. Die mir in der Anmeldung vom Stationsarzt fast hämisch untergeschobene verdächtigte "lavierte Depression" (die es im Diagnosemanual eh nicht mehr gibt, aber da scheinen Ärzte ja öfter nicht reinzuschauen, wenn sie einem auch endogene und reaktive Depressionen und Psychosyndrome und Pseudodemenzen aufschreiben) konnte ich mithin nicht ausmachen. Der Polizist hätte sich auch mit einer Depressionsarbeitsdiagnose angefreundet, glaube ich. Aber was mein Weltbild, vielleicht nicht in Bezug auf Polizisten speziell, aber auf mittelständische Erfolgstytpen im allgemeinen etwas durcheinanderrüttelt, war die bedingungslos ehrliche Selbsteinschätzung seiner Situation vor der Erkrankung: Er habe einen Beruf, der ihm Spaß und lediglich "gesunden" Streß bereite, er habe eine Frau und zwei, wie er sich ausdrückte, wohlgeratene Kinder, mit denen er in einem schönen Haus lebe, und er malte dieses Bild nicht allzu idyllisch, nur eben so, wie es war, und er fügte hinzu: fast wie im Bilderbuch. Mit anderen Worten: Er ist glücklich. Oder gerade eben nicht? Wie oft hat er diese Gedanken, auch angestachelt von den teils bohrenden, teils heimtückisch-harmlosen Fragen der Phalanx von Psychotherapeuten, bereits gewälzt: Ist es ein goldener Käfig? Stimmt irgendwas nicht? Belüge ich mich selber, oder meine Frau, oder meine Kinder? Oder belügen die mich?
Am Ende kann er natürlich trotzdem eine Depression und sonst nix haben. Weil der Schein trügt. Weil er trotzdem unbewußt unzufrieden ist. Weil er einfach das 30prozentige Lebenszeitrisiko, eine zu entwickeln, abgegriffen hat. Gut. Aber nun stelle man sich vor, er hat eine limbische Enzephalitis. Das bekommt ein Psychiater mit seiner Somatisierungsstörung oder ein handelsüblicher Neurologe mit der lavierten Depression natürlich nicht heraus. Das würde er aber gar nicht bemerken, sondern den Patienten mit seinen unbestätigten Arbeitshypothesen quälen. Und auf Depression behandelt zu werden, wenn man keine hat, ist im besten Falle unproduktiv.
Der Polizist war ungeduldig, aber auch hartnäckig. Ich sagte das und bemerkte dazu, daß das wahrscheinlich die beiden Eigenschaften seien, die ihn zu einem vermutlich guten Polizisten machten, und da stimmte er nach kurzem Überlegen zu. Ich hoffe, daß wir viele von diesen Polizisten haben, und zwar überall - in Spezialeinheiten und im Streifendienst. Ich wünsche dem Polizisten, daß er genesen wird.
Der Polizist hat seit längerer Zeit Benommenheits- und Übelkeitszustände, manchmal Kopfschmerz, und eine unklare Sensibilitätsstörung am Kopf (vulgo: Taubheitsgefühle). Bis jetzt hat noch keiner rausgefunden, was es ist (und ja, Ärzte überschätzen sehr schnell ihre eigenen Kompetenz- und Zuständigkeitszugehörigkeiten, aber dazu später vielleicht mehr). Bereitwillig läßt sich der Polizist zu Psychologen und Psychiatern schicken, was ja landläufig immer als Zeichen für Einbildung und Psychosomatik gilt. Aber die finden auch nichts, keine Somatisierungsstörung, keine Depression. Was bleibt, ist die Benommenheit und die Übelkeit. Der Polizist geht weiter arbeiten. Nun wurde es innerhalb weniger Tage, er sollte ohnehin bald geplant aufgenommen werden, so schlimm, daß er die Rettungsstelle aufsucht, jetzt ist er in der Charité, und ich hoffe, daß unsere tüchtigen Neurologen endlich auch was-auch-immer-es-ist bei ihm ausmachen und behandeln.
So landläufig, so langweilig. Viele unserer Patienten haben vergleichbare Hürdenläufe hinter sich und landen in der Charité, weil endlich irgendwann einmal ein Arzt einknickt und die Kompetenz ans Uniklinikum abtritt. (Es gibt ja einen sogenannten Provinzehrgeiz: Wir schaffen das schon alleine, wir brauchen das BKA/ die Charité/ das Oberlandesgericht nicht.) Aber der Polizist beeindruckte mich mit seiner Entschlossenheit, die Wahrheit erfahren zu wollen, und seiner Bereitschaft, ihr, wenn sie denn ans Licht gezerrt ist, ins Auge zu schauen. Die mir in der Anmeldung vom Stationsarzt fast hämisch untergeschobene verdächtigte "lavierte Depression" (die es im Diagnosemanual eh nicht mehr gibt, aber da scheinen Ärzte ja öfter nicht reinzuschauen, wenn sie einem auch endogene und reaktive Depressionen und Psychosyndrome und Pseudodemenzen aufschreiben) konnte ich mithin nicht ausmachen. Der Polizist hätte sich auch mit einer Depressionsarbeitsdiagnose angefreundet, glaube ich. Aber was mein Weltbild, vielleicht nicht in Bezug auf Polizisten speziell, aber auf mittelständische Erfolgstytpen im allgemeinen etwas durcheinanderrüttelt, war die bedingungslos ehrliche Selbsteinschätzung seiner Situation vor der Erkrankung: Er habe einen Beruf, der ihm Spaß und lediglich "gesunden" Streß bereite, er habe eine Frau und zwei, wie er sich ausdrückte, wohlgeratene Kinder, mit denen er in einem schönen Haus lebe, und er malte dieses Bild nicht allzu idyllisch, nur eben so, wie es war, und er fügte hinzu: fast wie im Bilderbuch. Mit anderen Worten: Er ist glücklich. Oder gerade eben nicht? Wie oft hat er diese Gedanken, auch angestachelt von den teils bohrenden, teils heimtückisch-harmlosen Fragen der Phalanx von Psychotherapeuten, bereits gewälzt: Ist es ein goldener Käfig? Stimmt irgendwas nicht? Belüge ich mich selber, oder meine Frau, oder meine Kinder? Oder belügen die mich?
Am Ende kann er natürlich trotzdem eine Depression und sonst nix haben. Weil der Schein trügt. Weil er trotzdem unbewußt unzufrieden ist. Weil er einfach das 30prozentige Lebenszeitrisiko, eine zu entwickeln, abgegriffen hat. Gut. Aber nun stelle man sich vor, er hat eine limbische Enzephalitis. Das bekommt ein Psychiater mit seiner Somatisierungsstörung oder ein handelsüblicher Neurologe mit der lavierten Depression natürlich nicht heraus. Das würde er aber gar nicht bemerken, sondern den Patienten mit seinen unbestätigten Arbeitshypothesen quälen. Und auf Depression behandelt zu werden, wenn man keine hat, ist im besten Falle unproduktiv.
Der Polizist war ungeduldig, aber auch hartnäckig. Ich sagte das und bemerkte dazu, daß das wahrscheinlich die beiden Eigenschaften seien, die ihn zu einem vermutlich guten Polizisten machten, und da stimmte er nach kurzem Überlegen zu. Ich hoffe, daß wir viele von diesen Polizisten haben, und zwar überall - in Spezialeinheiten und im Streifendienst. Ich wünsche dem Polizisten, daß er genesen wird.
Dienstag, 2. März 2010
Tja, Schnee is' weg, plötzlich
Auf einmal ist einem die ganze Topographie der Stadt zugänglich, inklusive der Zerstörungen von Bürgersteigen durch Baumwurzeln, sowie die anspruchsvolle Gestaltung der Parkanlagen durch wohlmeinende Landschaftsarchitekten. Der Schnee ist nämlich weg, der hier alles in verschiedenen Stadien von Erscheinung und Zerfall und wieder frieren bedeckte. Er ließ bloß das vorher als verknappt gemeldete Streugut zurück, das jetzt eigentlich einer mal aufsammeln könnte, für den nächsten Winter. Jetzt wird es ja so bald keinen mehr geben. (Wahrscheinlich außer zwei Tage, wo wir mondän am Strand von Ahlbeck bummeln wollen. Da wird es noch einmal, äh, heiß hergehen.)
Es mangelt an Patienten. Soll man dankbar sein? Oder sind bloß die Ärzte zu faul, sie uns zu schicken? Jedenfalls ist quasi nichts zu tun, bloß muß ich einen glattgegelten Jung-FDP-Wähler einarbeiten. Was sagt man der Jugend, wenn sie das Bachelor-System verteidigt, weil es einem erleichtere, Stoff für ausschließlich eine Klausur zu lernen, den man anschließend vollständig vergessen könne? Oder das Zentral-Abitur deswegen doof findet, weil dann in Englisch die Schüler vom John F. Kennedy-Gymnasium bevorzugt würden? Und wie stellt man sich den als Psychologen vor? (Ich habe immer noch ein Psychologen-Idealbild vor Augen, dem einige, aber längst nicht alle Psychologen, die ich kenne, entsprechen.)
Habe mich an alles gewöhnt - lange Fahrtzeiten, blöde Gespräche in der Bahn, Dominanz von Kaiser's-Supermärkten und Allgegenwärtigkeit von Schnee in allen Erscheinungsformen, auch immateriellen. Dann geht es jetzt schon wieder dem Ende zu. Das nächste Mal Bielefeld ist die Rückkehr, nicht der Besuch. Das nächste Mal Berlin ist hingegen wieder als Besuch zu werten. Welch ein Luxus, hier eine eigene Butze zu haben und abends heimzukehren, ohne im vermeintlichen ansonsten-Zeitverschwendungswahn noch hundert Leute zu treffen! Entspannt schaue ich aus der Straßenbahn und weiß, auch in vierzig Jahren werde ich all die Einzelheiten da draußen nicht erobert haben und trotzdem kein schlimmes Defizit erleiden. Großstadt entspannt, was die großen Erledigungsängste angeht.
Es mangelt an Patienten. Soll man dankbar sein? Oder sind bloß die Ärzte zu faul, sie uns zu schicken? Jedenfalls ist quasi nichts zu tun, bloß muß ich einen glattgegelten Jung-FDP-Wähler einarbeiten. Was sagt man der Jugend, wenn sie das Bachelor-System verteidigt, weil es einem erleichtere, Stoff für ausschließlich eine Klausur zu lernen, den man anschließend vollständig vergessen könne? Oder das Zentral-Abitur deswegen doof findet, weil dann in Englisch die Schüler vom John F. Kennedy-Gymnasium bevorzugt würden? Und wie stellt man sich den als Psychologen vor? (Ich habe immer noch ein Psychologen-Idealbild vor Augen, dem einige, aber längst nicht alle Psychologen, die ich kenne, entsprechen.)
Habe mich an alles gewöhnt - lange Fahrtzeiten, blöde Gespräche in der Bahn, Dominanz von Kaiser's-Supermärkten und Allgegenwärtigkeit von Schnee in allen Erscheinungsformen, auch immateriellen. Dann geht es jetzt schon wieder dem Ende zu. Das nächste Mal Bielefeld ist die Rückkehr, nicht der Besuch. Das nächste Mal Berlin ist hingegen wieder als Besuch zu werten. Welch ein Luxus, hier eine eigene Butze zu haben und abends heimzukehren, ohne im vermeintlichen ansonsten-Zeitverschwendungswahn noch hundert Leute zu treffen! Entspannt schaue ich aus der Straßenbahn und weiß, auch in vierzig Jahren werde ich all die Einzelheiten da draußen nicht erobert haben und trotzdem kein schlimmes Defizit erleiden. Großstadt entspannt, was die großen Erledigungsängste angeht.
Freitag, 26. Februar 2010
querbeet
Unterschied zwischen Max Goldt im Berliner Ensemble und Max Goldt im Bielefelder Theater am Alten Markt?
Das berliner Publikum bringt mehr Gelöstheit mit. Wenn das Lachen einmal begonnen hat, sitzt man inmitten eines gelösten, munteren Theaters. In Ostwestfalen wird auch bei gehobener Kunst mehr nach innen gelacht.
Wo ist eher kein Unterschied: Hier wie dort ist das Publikum sehr gemischt, von tuntigen Männerpärchen über Rastalocken bis hin zur Theaterverkleidung ist alles dabei.
Außerdem: Auch mehrfach gehörte (vom lesen ganz zu schweigen!) Texte können in der Wiederholung besser werden.
Das BE: von draußen unspektakulär, innen überrascht es immer wieder mit den neobarocken Schnörkeln und Vergoldungen.
Was gibt es sonst noch: In bereits zwei Wochen gibt es einen dekadenten princesses-of-the-baltic-sea-Kurzurlaub im DZ deluxe mit Meerblick direkt an der Strandpromenade von Ahlbeck. Hehe.
Das berliner Publikum bringt mehr Gelöstheit mit. Wenn das Lachen einmal begonnen hat, sitzt man inmitten eines gelösten, munteren Theaters. In Ostwestfalen wird auch bei gehobener Kunst mehr nach innen gelacht.
Wo ist eher kein Unterschied: Hier wie dort ist das Publikum sehr gemischt, von tuntigen Männerpärchen über Rastalocken bis hin zur Theaterverkleidung ist alles dabei.
Außerdem: Auch mehrfach gehörte (vom lesen ganz zu schweigen!) Texte können in der Wiederholung besser werden.
Das BE: von draußen unspektakulär, innen überrascht es immer wieder mit den neobarocken Schnörkeln und Vergoldungen.
Was gibt es sonst noch: In bereits zwei Wochen gibt es einen dekadenten princesses-of-the-baltic-sea-Kurzurlaub im DZ deluxe mit Meerblick direkt an der Strandpromenade von Ahlbeck. Hehe.
Montag, 22. Februar 2010
q.e.d.
Und dann lese ich das alles, und denke nach, und verbringe den Rest des Abends mit Nippes...
Warum ist das so?
War das schon immer so, aber die Schlauen habens früher aufgeschrieben, und die andern nicht?
Warum ist das so?
War das schon immer so, aber die Schlauen habens früher aufgeschrieben, und die andern nicht?
Es ist Zufall, aber
nachdem ich gestern abend/nacht noch die Maxie Wander auslesen mußte (ich wußte ja, wies ausgeht, aber trotzdem!), habe ich heute Verzichten auf von Matthias Kalle angefangen, ein Mann, der mir aus unerfindlichen Gründen schon seit längerem sympathisch ist (sonst hätte ich das Buch ja nicht gekauft!). Und finde aus westdeutscher Sicht aufgeschrieben, was ich beim Lesen der österreichisch-ostdeutschen Epitheta dachte. Daß man zum Beispiel nicht mehr miteinander spricht, bloß redet. In dem Tagebuchband finden sich mehr kluge und tiefe Gedanken als in allen Ergüssen der Fräuleinwunder und Generationenausrufer zusammen (und sie sind locker 30 Jahre älter), und ich frage mich dann: Wo ist der Unterschied? Bin ich diejenige, die sprachlos ist? Sind es die anderen? Wir alle? Kenne ich einfach die falschen Leute, und zwar ganz banal deshalb, weil ich selber nicht besser bin? Maxie Wander schrieb Brief um Brief; manchmal an Freunde, die gerade eben fortgegangen waren, manchmal an Freunde, die sie nur sehr selten sah. Telephon war rar und teuer; wenn man sich spüren wollte, mußte man schreiben. Aber es gab ja andererseits Ramba-Zamba im Hause Wander in Kleinmachnow; ein Kommen und Gehen von nahen und fernen Freunden, der erwachsenen Kinder, die ihrerseits ihre Freunde mitbrachten und blieben. Und trommelten. Kein Tag (glaubt man den Aufzeichnungen), an dem nicht jemand klopfte, und alle waren immer willkommen. Da heißt es schon was, täglich das Papier vollzuschreiben! Und Maxie Wander berichtet nicht vom Kartoffelschälen. Sie hört Schallplatten und macht sich Gedanken. Ernsthafte Gedanken. An nicht einer einzigen Stelle findet sich ein Hinweis auf begehrenswerte Schuhe (gut, das Tagebuch ist von ihrem Mann herausgegeben.) oder prestigeträchtige Reiseziele oder exquisites Essen. [Konfident, ich glaube, du mußt dieses Buch mal lesen!] Die zentrale Fragen Maxie Wanders lauten: Wie soll man leben? Wo ist Heimat? Wo gehöre ich hin, und wenn ja, warum? Eine ihrer Antworten, sehr explizit: Schreiben. Eine andere: Eine gute Mutter sein - was auch immer das bedeuten mag (und spätestens nach dem Tod ihrer Tochter ist sie sicher, daß sie's nicht ist). Auch: Das Leben als Geschenk sehen und als Aufgabe. Niemals einfach dahindämmern und vor sich hin leben, nicht den Quatsch im Fernsehen für bare Münze nehmen, das Zusammensein mit Freunden genießen, so es genießenswert ist, und ansonsten meiden. Und Rücksicht nehmen, ohne sich selbst zu sehr zurückzunehmen.
Was Matthias Kalle schafft: er kommt von ganz woanders (Ostwestfalen, haha), und er meint etwas anderes. Die ganz zentralen Fragen stellt er auch nicht mehr, aber immerhin stellt er in einem noch zarten Alter (das Buch ist ca. 8 Jahre alt, und Kalle ist ca. 3 Jahre älter als ich) fest, daß Angehörige unserer Generation völlig sinnentleerte Gespräche führen. Welche Attribute für aktuelles Coolsein notwendig seien (heute fällt einem als erstes das umfangreiche Angebot eines Apple-Ladens ein, damals waren es die richtigen Turnschuhe), was man am vergangenen Wochenende wieder brav im Feuilleton auswendiggelernt habe (Fräuleinwunder, Popliteratur) oder welche aufregenden Clubtüren man nach stundenlangem Outfit-Feilsching und banalem Anstehen (was der brave DDR-Bürger tat, wenn er mal Obst essen wollte) habe bezwingen können. Das ist natürlich keine Substanz, nichts, was einen trägt, in guten wie in schlechten Zeiten. Es ist eher der berliner Schneemann am Dom, dessen massive Eiskugeln unter den Sonnenstrahlen zerbrechen, weil der Wind plötzlich warm und nicht kalt weht. (Das hat natürlich nicht Matthias Kalle geschrieben; der Schmonz ist von mir selber.)
Und dann, unabhängig von Absatz 1 (Maxie Wander) und Absatz 2 (Matthias Kalle), stehe ich heute, wie fast jeden Tag, im Kaisers und denke, mann, Sophia, du warst aber auch schon mal konsequenter! Bei Lidl geh ich nicht einkaufen, weil die schlimme Sachen mit den Mitarbeitern machen (und die etwas überraschende Mindestlohnforderung sollte wohl auch nur verdecken, daß kürzlich eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen am Harzer Käse starb), und wenn ich Kaffee kaufe, achte ich auf die Trias Bio, fair, Geschmack. Ich kaufe viele Bioprodukte, auch wenn es Massenprodukte von Handelsmarken sind, weil ich glaube, daß allein schon das geringere Ausbringen von Düngung und die Gentechnikfreiheit für nachhaltiges Bodenbewirtschaften vonnöten sind. Zumindest theoretisch weiß ich ganz gut bescheid. Aber ach, die Praxis! Ich fliege zwar nicht gerne, aber ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, die es fertiggebracht hat, noch nicht so häufig geflogen zu sein wie ich (die Umstände!). Ich mag keine Autos (sehr ernsthaft!), aber wenn partnerschaftlich ein Auto nebst Herumfahrer vorhanden ist, lasse ich mich gerne herumkutschieren, und das nennt man dann Synergieeffekt, weil immerhin zwei Leute und nicht bloß einer im Auto sitzen. Ich kaufe meine Möbel bei Ikea, und meine Anziehsachen kommen nicht nur von *Pieps*, sondern ich arbeite da sogar und stütze das Schweinesystem auf diese Weise doppelt! Kaisers, welcher eine ganz infame, rechtliche Kampagne gegen eine gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiterin führt, welche auf dermaßen wackeligen Füßen steht (rein argumentativ), daß es schon Wunder nimmt, daß die Gerichte dem bislang nicht Einhalt geboten haben, aber Kaisers ist hier der einzige Supermarkt (ja, Edeka, EINE Straßenbahnhaltestelle weiter, und ist der wirklich besser?), und ich bin einfach zu faul, anderen Einkauf zu organisieren! Zu faul, und eingefallen ist es mir auch nicht, obwohl mich die Pfandbonmisere doch sehr aufgeregt hat. Aber da wohnte ich ja noch nicht im Einzugsgebiet eines Kaisers.
Und genau das meinen Maxie Wander und Matthias Kalle. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Das ist leicht dahingesagt, aber schwer gelebt. Früher, Maxie Wander, wenn den ganzen Tag die Haustür nicht stillsteht und alle naselang auf dem heimischen Chaiselonge diskutiert wird, woraus dieses richtige Leben eigentlich besteht und ob es ein gleichzeitiges Recht auf Glück überhaupt beinhaltet, da mußte man ja ständig darüber nachdenken! Heute, Matthias Kalle, wird das nicht mehr diskutiert, es ist in einflußreichen Magazinen abgedruckt und mithin nicht mehr Bestandteil einer Debatte, die aber eh keiner führt.
Ich kenne das selber von Reaktionen auf einige meiner Verhaltensweisen. Ob ich mit Mitfahrzentrale von Berlin nach Bielefeld fahren würde, wo die Bahn doch so teuer wäre. Nö, sage ich da, ich fahre nicht so gerne Auto, und es sei nicht viel teurer und normalerweise (Winter und andere unvorhersehbare Katastrophen ausgenommen) wesentlich schneller als mit dem Auto. Nö, sage ich, Kartoffelchips und anderes Krams wie Nüsse schmecken mir nicht; nö, fernsehen finde ich im besten Falle einfach langweilig. Gefühlte 85% des Angebots eines Supermarkts sind nicht für mich gemacht, und je unkaufhallenartiger ein Supermarkt daherkommt, desto mehr. Leider bin ich dabei kein wirklich guter Mensch geworden. Ich spende fast nie was, weil man dafür das Onlinebanking bewegen müßte (und dran denken auch noch!), aber ich nerve auch den (neuerdings) verhaßten Kaisers-Supermarkt nicht, daß die an ihrem Pfandautomaten die geniale Erfindung anbringen, daß man den Bonwert spenden könne (bin ja eh bald weg; vielleicht ist die vielgelobte und -geforderte Mobilität, daß man quasi immer auf gepackten Koffern sitzt, nicht nur Ursache für ausbleibende Familienplanung, sondern auch dafür, daß sich kein Mensch mehr lokal in irgendwelchen Geschichten engangiert - das ist ja auch nur in Strukturen sinnvoll, die man selbst als stabil begreift. Umgekehrt sind Engagierer, die auf Teufel-komm-raus stadtteilmäßig engagieren und nächste Woche nach Bochum oder Regensburg "machen", in entsprechenden Stadtteilinitiativen auch nur so semi-gern gesehen). Ich habe schon Getränke aus Dosen zu mir genommen (wenn auch in den letzten zehn Jahren noch seltener als davor), ich aß Cheeseburger bei McDonalds, ich flog nicht nur nach Kreta, sondern, viel schlimmer, von Berlin nach Kraków und zurück. Ich kaufe Kaffee in Pappbechern mit Plastedeckeln.
Schlimm, schlimm, schlimm! Ich frage mich nicht ernsthaft, wie ich leben soll, mit Ausnahme meines zukünftigen Berufes. (Ich schreibe leider keine langen und schönen Briefe an meine Freunde.) Und dabei halte ich mich schon für eine von diesen, die nachdenken und die bessere Welt wollen und wissen, daß es dafür nicht immer nur um die eigene Bequemlichkeit und Befindlichkeit gehen kann. Aber ich habe es auch nicht geschafft, den sektiererischen Zirkeln von Vegetariern, Autonomen oder Feministen zu folgen, vielleicht, weil ich auch dafür zu faul bin, oder weil mir die Antworten zu leicht vorkommen.
Die Frage ist doch: warum sucht man nicht nach den Fragen mit den schweren Antworten?
[Und ja, Konfident, es wird Zeit für mich, Frau B. ernsthaft zu lesen!]
Was Matthias Kalle schafft: er kommt von ganz woanders (Ostwestfalen, haha), und er meint etwas anderes. Die ganz zentralen Fragen stellt er auch nicht mehr, aber immerhin stellt er in einem noch zarten Alter (das Buch ist ca. 8 Jahre alt, und Kalle ist ca. 3 Jahre älter als ich) fest, daß Angehörige unserer Generation völlig sinnentleerte Gespräche führen. Welche Attribute für aktuelles Coolsein notwendig seien (heute fällt einem als erstes das umfangreiche Angebot eines Apple-Ladens ein, damals waren es die richtigen Turnschuhe), was man am vergangenen Wochenende wieder brav im Feuilleton auswendiggelernt habe (Fräuleinwunder, Popliteratur) oder welche aufregenden Clubtüren man nach stundenlangem Outfit-Feilsching und banalem Anstehen (was der brave DDR-Bürger tat, wenn er mal Obst essen wollte) habe bezwingen können. Das ist natürlich keine Substanz, nichts, was einen trägt, in guten wie in schlechten Zeiten. Es ist eher der berliner Schneemann am Dom, dessen massive Eiskugeln unter den Sonnenstrahlen zerbrechen, weil der Wind plötzlich warm und nicht kalt weht. (Das hat natürlich nicht Matthias Kalle geschrieben; der Schmonz ist von mir selber.)
Und dann, unabhängig von Absatz 1 (Maxie Wander) und Absatz 2 (Matthias Kalle), stehe ich heute, wie fast jeden Tag, im Kaisers und denke, mann, Sophia, du warst aber auch schon mal konsequenter! Bei Lidl geh ich nicht einkaufen, weil die schlimme Sachen mit den Mitarbeitern machen (und die etwas überraschende Mindestlohnforderung sollte wohl auch nur verdecken, daß kürzlich eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen am Harzer Käse starb), und wenn ich Kaffee kaufe, achte ich auf die Trias Bio, fair, Geschmack. Ich kaufe viele Bioprodukte, auch wenn es Massenprodukte von Handelsmarken sind, weil ich glaube, daß allein schon das geringere Ausbringen von Düngung und die Gentechnikfreiheit für nachhaltiges Bodenbewirtschaften vonnöten sind. Zumindest theoretisch weiß ich ganz gut bescheid. Aber ach, die Praxis! Ich fliege zwar nicht gerne, aber ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, die es fertiggebracht hat, noch nicht so häufig geflogen zu sein wie ich (die Umstände!). Ich mag keine Autos (sehr ernsthaft!), aber wenn partnerschaftlich ein Auto nebst Herumfahrer vorhanden ist, lasse ich mich gerne herumkutschieren, und das nennt man dann Synergieeffekt, weil immerhin zwei Leute und nicht bloß einer im Auto sitzen. Ich kaufe meine Möbel bei Ikea, und meine Anziehsachen kommen nicht nur von *Pieps*, sondern ich arbeite da sogar und stütze das Schweinesystem auf diese Weise doppelt! Kaisers, welcher eine ganz infame, rechtliche Kampagne gegen eine gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiterin führt, welche auf dermaßen wackeligen Füßen steht (rein argumentativ), daß es schon Wunder nimmt, daß die Gerichte dem bislang nicht Einhalt geboten haben, aber Kaisers ist hier der einzige Supermarkt (ja, Edeka, EINE Straßenbahnhaltestelle weiter, und ist der wirklich besser?), und ich bin einfach zu faul, anderen Einkauf zu organisieren! Zu faul, und eingefallen ist es mir auch nicht, obwohl mich die Pfandbonmisere doch sehr aufgeregt hat. Aber da wohnte ich ja noch nicht im Einzugsgebiet eines Kaisers.
Und genau das meinen Maxie Wander und Matthias Kalle. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Das ist leicht dahingesagt, aber schwer gelebt. Früher, Maxie Wander, wenn den ganzen Tag die Haustür nicht stillsteht und alle naselang auf dem heimischen Chaiselonge diskutiert wird, woraus dieses richtige Leben eigentlich besteht und ob es ein gleichzeitiges Recht auf Glück überhaupt beinhaltet, da mußte man ja ständig darüber nachdenken! Heute, Matthias Kalle, wird das nicht mehr diskutiert, es ist in einflußreichen Magazinen abgedruckt und mithin nicht mehr Bestandteil einer Debatte, die aber eh keiner führt.
Ich kenne das selber von Reaktionen auf einige meiner Verhaltensweisen. Ob ich mit Mitfahrzentrale von Berlin nach Bielefeld fahren würde, wo die Bahn doch so teuer wäre. Nö, sage ich da, ich fahre nicht so gerne Auto, und es sei nicht viel teurer und normalerweise (Winter und andere unvorhersehbare Katastrophen ausgenommen) wesentlich schneller als mit dem Auto. Nö, sage ich, Kartoffelchips und anderes Krams wie Nüsse schmecken mir nicht; nö, fernsehen finde ich im besten Falle einfach langweilig. Gefühlte 85% des Angebots eines Supermarkts sind nicht für mich gemacht, und je unkaufhallenartiger ein Supermarkt daherkommt, desto mehr. Leider bin ich dabei kein wirklich guter Mensch geworden. Ich spende fast nie was, weil man dafür das Onlinebanking bewegen müßte (und dran denken auch noch!), aber ich nerve auch den (neuerdings) verhaßten Kaisers-Supermarkt nicht, daß die an ihrem Pfandautomaten die geniale Erfindung anbringen, daß man den Bonwert spenden könne (bin ja eh bald weg; vielleicht ist die vielgelobte und -geforderte Mobilität, daß man quasi immer auf gepackten Koffern sitzt, nicht nur Ursache für ausbleibende Familienplanung, sondern auch dafür, daß sich kein Mensch mehr lokal in irgendwelchen Geschichten engangiert - das ist ja auch nur in Strukturen sinnvoll, die man selbst als stabil begreift. Umgekehrt sind Engagierer, die auf Teufel-komm-raus stadtteilmäßig engagieren und nächste Woche nach Bochum oder Regensburg "machen", in entsprechenden Stadtteilinitiativen auch nur so semi-gern gesehen). Ich habe schon Getränke aus Dosen zu mir genommen (wenn auch in den letzten zehn Jahren noch seltener als davor), ich aß Cheeseburger bei McDonalds, ich flog nicht nur nach Kreta, sondern, viel schlimmer, von Berlin nach Kraków und zurück. Ich kaufe Kaffee in Pappbechern mit Plastedeckeln.
Schlimm, schlimm, schlimm! Ich frage mich nicht ernsthaft, wie ich leben soll, mit Ausnahme meines zukünftigen Berufes. (Ich schreibe leider keine langen und schönen Briefe an meine Freunde.) Und dabei halte ich mich schon für eine von diesen, die nachdenken und die bessere Welt wollen und wissen, daß es dafür nicht immer nur um die eigene Bequemlichkeit und Befindlichkeit gehen kann. Aber ich habe es auch nicht geschafft, den sektiererischen Zirkeln von Vegetariern, Autonomen oder Feministen zu folgen, vielleicht, weil ich auch dafür zu faul bin, oder weil mir die Antworten zu leicht vorkommen.
Die Frage ist doch: warum sucht man nicht nach den Fragen mit den schweren Antworten?
[Und ja, Konfident, es wird Zeit für mich, Frau B. ernsthaft zu lesen!]
Sonntag, 21. Februar 2010
Tauwetter
Tagsüber jedenfalls. Nachts bricht man sich die Haxen, weil das Streugut unter den Sonnenstrahlen in die Schmelzlachen sinkt und dann beim Überfrieren fehlt.
Lese Maxie Wander, wieder, nach vielleicht fünfzehn Jahren. Oder zehn - und staune! Das Frauenbuch hab ich immer wieder verschlungen, und immer wieder neu. Aber die Tagebücher und Briefe? Das hat nicht mehr gelockt. Und nun doch, weil neulich auf dem Flohmarkt für einen Öre erstanden (und der "Briefroman" von Yalom/Elkin so psychoanalytisch-öd ist, immer nur Masturbation und sexuelle Übertragung, bäh!), und gleich schreibe ich wie sie, zerhackt und doch einer Linie folgend. Wienerisch singt es mir im Ohr, und ich glaube, ich möchte einmal nach Kleinmachnow fahren und ihr Grab besuchen (wie rührend, daß Fred Wander, der Jahre nach ihrem Tod mit einer neuen Frau die DDR wieder verließ und vor vier Jahren in Wien gestorben ist, in Kleinmachnow begraben ist!), und das Haus würde ich gerne sehen! Wo die 95 Menschen (sie hat sie nachgezählt!) ein und aus gingen, und dann hatte sie den Haushalt am Hacken und wollte doch lieber schreiben oder Platten hören. Ein unbeugsames linkes Herz, das mit der DDR so viel aushalten mußte, was nicht paßte zu dem Anspruch, ein Arbeiterparadies zu sein. Und sich mit ehrgeizigen Lehrerinnen und müden, resignierten Bürgern stritt. Und an die institutionalisierte Schlamperei ihr Kind verlor und schließlich selbst starb, vielleicht, weil das Land lange sehr menschenfeindlich mit seinen Bürgern umging.
Ich genieße Berlin und die Arbeit, ich kann es nicht anders sagen. Und dann, wenn der Frühling kommt, geht es in den Teutoburger Wald zurück? In die Bibliothek? Das ist unvermeidlich, wenn ich wiederkommen will - als Psychologin mit Abschluß und dem festen Willen, etwas anständiges zu beginnen. Neuropsychologie zum Beispiel.
Ich muß hochanonymisiert Patienten beschreiben, sonst entgleiten sie mir. Manche sind sehr alt und sehr fit, manche sind mittelalt und habens schwer. Fast alle sind sehr nett; der Kittel tut ein übriges. Nach fünf Minuten ahnt man, was der Patient kann und was nicht. Zu einer sehr alten Dame sagte ich nach zwei Minuten, daß wir die Untersuchung sehr gerne durchführen, aber ich könne ihr bereits jetzt sagen, daß sie nicht dement sei. Was stimmte. Sie war nach der Rente vom Land nach Hannover gezogen, um Philosophie zu studieren. Seit drei Jahren lebt sie in Berlin. Wenn sie einen Tag nicht rauskann, gehts ihr schlecht. Sie geht in die Philharmonie zu Konzerten. Manche schickt das Bundeswehrkrankenhaus, und wir können deren Überweisungsdiagnose "dementielles Syndrom" auch nur bestätigen - für 400 Öre, so erklärt sich der Verteidigungsetat. Neulich hatte ich einen, der war Facharbeiter für Filmvorführtechnik, und ich frage ihn, in welchem Kino er dann gearbeitet hätte, da war er im Ministerium des Inneren gewesen, "oder schreiben Sie gleich MfS, das macht auch keinen Unterschied". Nach der Wende hat er 17 Jahre Nachtschicht im Photogroßlabor malocht, froh über jede Arbeit. Jetzt kriegt er nicht mal mehr Hartz IV, weil die Frau verdient. Ein anderer war da, der hat Staat und Recht studiert gehabt, ein Fernstudium bei der NVA. Nach der Wende konnte er sich mit dem Diplom den Hintern abwischen. Jetzt ist er in der Behindertenbetreuung, mit seit Jahren befristeten und verlängerten Verträgen. Kriecht einem kalt den Rücken hoch, wenn man sieht, wie dieses Land mit seinen Bürgern umgeht, und das sage ich nicht, weil ich das zufällig bei den beiden Menschen mit Stasihintergund gedacht hätte. Die Patienten aus dem Osten sind alle, aus dem Westen sogar auch einige gebeutelt worden, und nur eigene Tatkraft und Anpackerei bewahrte die meisten vor der Resignation. Sich regen bringt Segen, heißt es, und ergänzend würde ich sagen, und schützt vielleicht ein bißchen vor den Wirren des Alters. Nicht die Feuerwehr anzurufen, wenn man aufwacht und infolge Beinlähmung nicht aufstehen kann, ist dagegen dämlich. Ein unbehandelter Schlaganfall hat Folgen.
Maxie Wander zitiert ihren Mann Fred:
Laßt uns arbeiten, aber auch faul sein. Laßt uns Kraftwerke bauen, aber auch Luftschlösser. Ohne Luftschlösser keine Kraftwerke!
Lese Maxie Wander, wieder, nach vielleicht fünfzehn Jahren. Oder zehn - und staune! Das Frauenbuch hab ich immer wieder verschlungen, und immer wieder neu. Aber die Tagebücher und Briefe? Das hat nicht mehr gelockt. Und nun doch, weil neulich auf dem Flohmarkt für einen Öre erstanden (und der "Briefroman" von Yalom/Elkin so psychoanalytisch-öd ist, immer nur Masturbation und sexuelle Übertragung, bäh!), und gleich schreibe ich wie sie, zerhackt und doch einer Linie folgend. Wienerisch singt es mir im Ohr, und ich glaube, ich möchte einmal nach Kleinmachnow fahren und ihr Grab besuchen (wie rührend, daß Fred Wander, der Jahre nach ihrem Tod mit einer neuen Frau die DDR wieder verließ und vor vier Jahren in Wien gestorben ist, in Kleinmachnow begraben ist!), und das Haus würde ich gerne sehen! Wo die 95 Menschen (sie hat sie nachgezählt!) ein und aus gingen, und dann hatte sie den Haushalt am Hacken und wollte doch lieber schreiben oder Platten hören. Ein unbeugsames linkes Herz, das mit der DDR so viel aushalten mußte, was nicht paßte zu dem Anspruch, ein Arbeiterparadies zu sein. Und sich mit ehrgeizigen Lehrerinnen und müden, resignierten Bürgern stritt. Und an die institutionalisierte Schlamperei ihr Kind verlor und schließlich selbst starb, vielleicht, weil das Land lange sehr menschenfeindlich mit seinen Bürgern umging.
Ich genieße Berlin und die Arbeit, ich kann es nicht anders sagen. Und dann, wenn der Frühling kommt, geht es in den Teutoburger Wald zurück? In die Bibliothek? Das ist unvermeidlich, wenn ich wiederkommen will - als Psychologin mit Abschluß und dem festen Willen, etwas anständiges zu beginnen. Neuropsychologie zum Beispiel.
Ich muß hochanonymisiert Patienten beschreiben, sonst entgleiten sie mir. Manche sind sehr alt und sehr fit, manche sind mittelalt und habens schwer. Fast alle sind sehr nett; der Kittel tut ein übriges. Nach fünf Minuten ahnt man, was der Patient kann und was nicht. Zu einer sehr alten Dame sagte ich nach zwei Minuten, daß wir die Untersuchung sehr gerne durchführen, aber ich könne ihr bereits jetzt sagen, daß sie nicht dement sei. Was stimmte. Sie war nach der Rente vom Land nach Hannover gezogen, um Philosophie zu studieren. Seit drei Jahren lebt sie in Berlin. Wenn sie einen Tag nicht rauskann, gehts ihr schlecht. Sie geht in die Philharmonie zu Konzerten. Manche schickt das Bundeswehrkrankenhaus, und wir können deren Überweisungsdiagnose "dementielles Syndrom" auch nur bestätigen - für 400 Öre, so erklärt sich der Verteidigungsetat. Neulich hatte ich einen, der war Facharbeiter für Filmvorführtechnik, und ich frage ihn, in welchem Kino er dann gearbeitet hätte, da war er im Ministerium des Inneren gewesen, "oder schreiben Sie gleich MfS, das macht auch keinen Unterschied". Nach der Wende hat er 17 Jahre Nachtschicht im Photogroßlabor malocht, froh über jede Arbeit. Jetzt kriegt er nicht mal mehr Hartz IV, weil die Frau verdient. Ein anderer war da, der hat Staat und Recht studiert gehabt, ein Fernstudium bei der NVA. Nach der Wende konnte er sich mit dem Diplom den Hintern abwischen. Jetzt ist er in der Behindertenbetreuung, mit seit Jahren befristeten und verlängerten Verträgen. Kriecht einem kalt den Rücken hoch, wenn man sieht, wie dieses Land mit seinen Bürgern umgeht, und das sage ich nicht, weil ich das zufällig bei den beiden Menschen mit Stasihintergund gedacht hätte. Die Patienten aus dem Osten sind alle, aus dem Westen sogar auch einige gebeutelt worden, und nur eigene Tatkraft und Anpackerei bewahrte die meisten vor der Resignation. Sich regen bringt Segen, heißt es, und ergänzend würde ich sagen, und schützt vielleicht ein bißchen vor den Wirren des Alters. Nicht die Feuerwehr anzurufen, wenn man aufwacht und infolge Beinlähmung nicht aufstehen kann, ist dagegen dämlich. Ein unbehandelter Schlaganfall hat Folgen.
Maxie Wander zitiert ihren Mann Fred:
Laßt uns arbeiten, aber auch faul sein. Laßt uns Kraftwerke bauen, aber auch Luftschlösser. Ohne Luftschlösser keine Kraftwerke!
Samstag, 20. Februar 2010
1-2-3-4
Give me more loving than I’ve ever had
Make me feel better when I’m feeling sad
Tell me I’m special even though I know I’m not
Make me feel good when I hurt so bad
Barely getting mad
I’m so glad I found you
I love being around you
You make it easy
Its as easy as 1-2-1-2-3-4
There’s only one thing
To Do
Three words
For you
(I love you) I love you
There’s only one way to say
Those three words
That’s what I’ll do
(I love you) I love you
Give me more loving from the very start
Piece me back together when I fall apart
Tell me things you never even tell your closest friends
Make me feel good when I hurt so bad
You’re the best that I’ve had
And I’m so glad I found you
I love being around you
You make it easy
It’s easy as 1-2-1-2-3-4
There’s only one thing
To Do
Three words
For you
(I love you) I love you
There’s only one way to say
Those three words
That’s what I’ll do
(I love you) I love you
(I love you) I love you
You make it easy
It’s easy as 1 2 1 2 3 4
There’s only one thing
To Do
Three words
For you
(I love you) I love you
There’s only one way to say
Those three words
That’s what I’ll do
(I love you) I love you
(I love you) I love you
1-2-3-4
I love you
(I love you) I love you
Make me feel better when I’m feeling sad
Tell me I’m special even though I know I’m not
Make me feel good when I hurt so bad
Barely getting mad
I’m so glad I found you
I love being around you
You make it easy
Its as easy as 1-2-1-2-3-4
There’s only one thing
To Do
Three words
For you
(I love you) I love you
There’s only one way to say
Those three words
That’s what I’ll do
(I love you) I love you
Give me more loving from the very start
Piece me back together when I fall apart
Tell me things you never even tell your closest friends
Make me feel good when I hurt so bad
You’re the best that I’ve had
And I’m so glad I found you
I love being around you
You make it easy
It’s easy as 1-2-1-2-3-4
There’s only one thing
To Do
Three words
For you
(I love you) I love you
There’s only one way to say
Those three words
That’s what I’ll do
(I love you) I love you
(I love you) I love you
You make it easy
It’s easy as 1 2 1 2 3 4
There’s only one thing
To Do
Three words
For you
(I love you) I love you
There’s only one way to say
Those three words
That’s what I’ll do
(I love you) I love you
(I love you) I love you
1-2-3-4
I love you
(I love you) I love you
Dienstag, 16. Februar 2010
So. Es ist offensichtlich nur noch unter großen Mühen und körperlichen Schmerzen möglich, einfach mal ein paar Photos zu zeigen. Es ist eben nicht immer so, daß Neuerungen automatisch auch besser sind.
Das ist also der Hof, auf den ich aus meinem Fenster heraus blicken könnte, wenn ich's täte. Da da aber immer nur sehr wenig los ist, mach ich das nie. Allenfalls variiert die Höhe des Schneebatzens auf dem Tisch.

Was ich früher nie für möglich gehalten hätte: Die Rey-Osterrieth Complex Figure, ganz ohne Probleme ganz aus dem Kopf gemalt.
Das ist der Blick aus dem Büro bei Sonnenuntergang. Das ist nicht der allerschlechteste Büroausblick. (Links oben im Bild der Reichstag mit wehenden Fahnen.) Auf Station ist es freilich noch besser, die ist nämlich noch 7 Ebenen höher. Und wenn das Zimmer nach Osten geht, hat man den Fernsehturm und alles. (Hab mich während der Chefvisite allerdings nicht so recht getraut, mit dem Telephon zu hantieren.)
Der Palast der Republik wurde ja dem Erdboden gleichgemacht, um Platz für Aktionen wie folgende zu machen. Ist natürlich auch wichtig, im Kampf gegen die globale Erwärmung Schneemänner zu bauen. Nee, ist klar.
Aber süß sindse schon.
Also, ich war heute auf Chefvisite, und das ist nicht nur wegen der ausgeprägten Grimassenneigung des Chefs ein Erlebnis. Fünf hochgewachsene Männer und einige kleinere Frauen, von denen die Vollpsychologinnen hohe Schuhe angezogen haben, stehen auf dem Flur herum und beflüstern Patienten. Und wir sind ja die Charité, also wird wirklich ausgeschlossen, was der Patient so haben könnte. Es soll sich wirklich keiner beschweren, die Ärzte würden sich nicht um ihn kümmern! Allenfalls, wenn er ein sehr langweiliger, weil total eindeutiger Fall ist. Und selbst dann sind alle hellhörig, weil es eindeutige Fälle eigentlich nicht gibt.
Die Schneebatzen haben sich inzwischen ins Straßenbild eingeprägt. Jeder Berliner mit Führerschein kann problemlos auf ihnen parken. Wer jetzt noch hohe Schuhe trägt, der lernt nicht mehr laufen. Jeden Tag rieseln ganz kleine, ganz wenige und doch sehr beharrliche Schneeflöckchen zu Boden und verkünden: Neinnein, nicht vorbei, immer noch Winter, ich komme wieder und bringe meine Familie mit! Und freu dich ja nicht aufs Tauwetter, denn wer dann noch keine Gummistiefel hat, der kauft sie sich, während es zum ersten Spreehochwasser seit Beginn der Aufzeichnungen kommt. Vielleicht verkehrt der Shuttle zwischen Charité-Mitte und Virchow-Klinikum tatsächlich per Boot auf dem Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal. Nobel wäre es ja.
Montag, 8. Februar 2010
Aus der relativen Ferne betrachtet ist das schon wieder fast liebevoll:
Das Lieblingsnachbarblog, präzis wie immer in den Worten, und im Detail aufschlußreich nahezu anerkennend: Bielefeld, der Sehnsuchtsort all derer, die an allzuviel Umtrieb leiden. Und es existiert nicht, aber es ist überall!
Helfen - ganz einfach
Papa klemmte mit dem Auto auf dem Eis. Wir anderen waren ja eigentlich schon zu dritt. Bloß beim ersten Jaulen der einzeln und eigentlich unclever von der Elektronik abgebremsten Vorderräder blieben schon zwei Damen stehen und fragten, ob sie beim Anschieben helfen sollten. Und schon wurde der Papa von drei Damen übers Eis und aus der Parklücke hinausgeschoben. Alles richtig gemacht!
***
Heute abend komme ich von der Straßenbahn und höre nämliches Geräusch. Bloß ist das Auto so alt, daß mit Sicherheit keine elektronische Abbremshilfe ihre störenden Finger im Spiel hat. Die Räder drehen einfach so durch. Der Autofahrer ein Handwerker. Trotzdem biete ich, die sozialen Lerntheoretiker haben eben vielleicht doch recht, meine Hilfe an, woraufhin der eher muskelbepackte Handwerker ein bißchen guckt. Aber in der Bizetstraße ist auch nicht so viel los, da nimmt man, was man kriegt, und siehe da, es gelingt. (Wahrscheinlich reicht es meist aus, daß einer im Auto sitzen kann, während draußen einer das zurückrollen verhindert, und das kann man auch durch einfaches dagegenstemmen. Schwierig ist es derzeit höchstens, mit den Füßen Grip zu finden.)
***
Also einfach spontan Hilfe anbieten. So funktioniert es hier derzeit.
***
Heute abend komme ich von der Straßenbahn und höre nämliches Geräusch. Bloß ist das Auto so alt, daß mit Sicherheit keine elektronische Abbremshilfe ihre störenden Finger im Spiel hat. Die Räder drehen einfach so durch. Der Autofahrer ein Handwerker. Trotzdem biete ich, die sozialen Lerntheoretiker haben eben vielleicht doch recht, meine Hilfe an, woraufhin der eher muskelbepackte Handwerker ein bißchen guckt. Aber in der Bizetstraße ist auch nicht so viel los, da nimmt man, was man kriegt, und siehe da, es gelingt. (Wahrscheinlich reicht es meist aus, daß einer im Auto sitzen kann, während draußen einer das zurückrollen verhindert, und das kann man auch durch einfaches dagegenstemmen. Schwierig ist es derzeit höchstens, mit den Füßen Grip zu finden.)
***
Also einfach spontan Hilfe anbieten. So funktioniert es hier derzeit.
Kann aber ooch anstrengen:
Bereits ein Kinderwagen versperrt halbe Straßenbahn, aber man sagt ja nix. Bekommen eh schon zu wenig Kinder, die alle. Nich die in meinem Bekanntenkreis, aber sonst alle. Der nächste Kinderwagen entert die Niedrigflurbahn und verstopft hoffnungslos den letzten Ausweg im mittleren Drittel. Die dazugehörige Mutter entschließt sich, das apathische Kind aus dem einzwängenden Gefährt heraus- und sich selbst auf den Schoß zu hieven, nachdem sie Platz auf einem ungefähr 15m entfernten Sitzplatz genommen hat. Da sie bei der Prozedur einen Bekannten trifft, dessen nichtanwesende Tochter "inzwischen" auch schon dreieinhalb geworden ist, fällt ihr zu spät ( nach insgesamt höchstens zwei Stationen) auf, daß sie mit dem immer noch apathisch seinem Schneeanzug ergebenen Kind aussteigen muß, und produziert dabei ein hübsches Verwirrungsknäuel an der Tür. Da fragt man sich schon, ob das jetzt sein mußte!
Sonntag, 7. Februar 2010
Was passiert
Einmal vorweg: Wir haben ja immer vor allem möglichen Angst, wenn es um unsere Gesundheit geht, meist vor Krebs, Demenz und vielleicht noch Schweinegrippe, wenn sie gerade IN ist. Aber nach einem Monat mit neurologischen Patienten habe ich vor ganz anderen Sachen Angst. Schlaganfall zum Beispiel. Oder NMDA-Rezeptor-Antikörper-Enzephalitis. Oder Leukenzephalopathie, hatte ich jetzt schon einige Patienten. Oder spinocerebelläre Ataxie, ist erblich und sowas von unheilbar, und es gibt je nach Genort ca. 17 verschiedene Sorten davon.
Was mich an der Neurologie so fasziniert, ist eben die Entdeckung des gesunden funktionierens anhand der Störungsbilder, die durch lokalisierbare Läsionen oder Entzündungen entstehen. Manchmal, bei Gesichtsfelddefekten z.B., ist das fast Eins-zu-eins ablesbar. Oder bei den verschiedenen Gedächtnisaufgaben, da sind manche mit Zahlen, manche mit Worten, und bei manchen muß man zeichnen. Da gibt es wirklich alle Kombinationsmöglichkeiten an Fähigkeiten, und hinterher sitzt man da und versucht zu begreifen, warum einer sechs Zahlen rückwärts wieder hersagen kann, aber schon beim Abzeichnen einer komplexen Figur völlig seine Grenzen austesten muß.
Ich gehe also gerne in diese Patientenkontakte. Ich habe einen weißen Kittel an und murmele meinen Namen und "Neuropsychologie", und für die nächsten neunzig Minuten bin ich Halbgöttin. Erwachsene, gestandene Männer sprechen mir Zahlenfolgen nach und hören sich fünfmal die Folge "Trommel, Vorhang, Glocke..." mit einem Ernst an, als sei ich die Hörspielprinzessin. Sie erzählen meist viel, und ich lasse sie auch meist gewähren, weil die Zeit da ist. Es ist auch - entgegen allem, was wir zu recht in Diagnostik lernen - sehr aufschlußreich, was ich mir aus diesen informellen Informationen als klinischen Eindruck zusammenstelle. Nicht aufschlußreicher als die Tests, und ich kann an den Tests immer wieder genau sehen, wo der Patient seine Stärken und Schwächen hat. Aber 80% der Diagnose kann man nach fünf Minuten Gespräch stellen, und 80% dieser Diagnosen sind richtig. Bei den 20%, die einem nach fünf Minuten nicht klar sind, weiß man es nach der Untersuchung immer noch nicht, und 20% der gefühlten, klinischen Diagnostik muß eben nach den Tests korrigiert werden.
Heutzutage gibt es ja immer viele wunderbare Tests auf alles mögliche, und darüber kann man auch jede Menge lernen. Morbus Huntington, manche erinnern sich aus dem Biologieunterricht, den anderen ist der entsprechende Wikipedia-Eintrag verlinkt, ist autosomal dominant vererbt. Somit haben es die eigenen Kinder mit jeweils 50%. Leider wußte man früher erst, wenn der eigene Elternteil betroffen war, daß mans haben könnte, und dann waren die Kinder schon da (early onset vielleicht mit 40, da hatten die eigenen Kinder schon Kinder). Heutzutage kann man eine relativ zuverlässige genetische Untersuchung machen lassen, und ich hatte jetzt schon einen selber und von zwei weiteren gehört, die ebendiese Untersuchung (bei positiver Familienanamnese!) verweigert haben. Ein schönes Beispiel dafür, daß die Verfügbarkeit von Antworten nicht immer bedeutet, daß die Menschen die Frage auch stellen wollen. Denn was würde der Patient, den ich neulich untersucht habe, mit der Antwort machen? Eigentlich auch nichts anderes, als er ohne Genetik auch tun müßte (aber nicht macht). Er müßte seine halb erwachsenen Kinder aufklären, bevor diese blauäugig wiederum Kinder bekommen. Er müßte sich selber mit der Erkrankung, die er wahrscheinlich in einer milderen und hoffnungsvollen Ausprägung hat, auseinandersetzen. Immerhin ist es in Deutschland so, daß dieser genetische Test zwingend an eine psychotherapeutische Begleitung gekoppelt ist. Denn was ist das Ergebnis weniger als ein deutliches, qualvolles Todesurteil?!
Also: entzündet euch nicht nur nicht euer Kleinhirn, sondern möglichst auch nicht eure NMDA-Rezeptoren. Schlaganfall ist ebenfalls schlecht. Und nehmt euch ernst - neulich hatte ich einen Patienten, der offenbar vor langer Zeit mal einen Schlaganfall hatte, infolgedessen er zunächst gelähmt war. Was macht er? Liegt zwei Tage im Bett, weil er gelähmt ist. Als er wieder bißchen laufen kann, geht er zum Arzt, der ihn natürlich ins Krankenhaus schickt, und zwar samt Reha für ein Vierteljahr. Das war einfach nur suboptimal, und heute weiß man nicht mehr, obs daran oder an seiner Herz-OP oder sonstwas gelegen hat, daß er sich heute keine drei Wörter mehr merken kann.
Berlin ist gerade die größe anzunehmende Herausforderung für die Körperselbstwahrnehmung, das Gleichgewichtssystem und das Kleinhirn als Instanz für Korrekturen aller Art. Es besteht der gesamt Untergrund nicht aus den gewohnten Granitsteinen, sondern nahezu ausschließlich aus mehreren Lagen Schnee, die in unterschiedlichen Stadien von auftauen und wieder frieren befindlich schlußendlich zusammengefroren sind und nun einen uneinheitlich-buckeligen, glatten und kreuzgefährlichen Überzug bilden, der einen 5-10 Zentimeter höher als gewohnt durch die Stadt trägt. Oder besser schlittert.
Was mich an der Neurologie so fasziniert, ist eben die Entdeckung des gesunden funktionierens anhand der Störungsbilder, die durch lokalisierbare Läsionen oder Entzündungen entstehen. Manchmal, bei Gesichtsfelddefekten z.B., ist das fast Eins-zu-eins ablesbar. Oder bei den verschiedenen Gedächtnisaufgaben, da sind manche mit Zahlen, manche mit Worten, und bei manchen muß man zeichnen. Da gibt es wirklich alle Kombinationsmöglichkeiten an Fähigkeiten, und hinterher sitzt man da und versucht zu begreifen, warum einer sechs Zahlen rückwärts wieder hersagen kann, aber schon beim Abzeichnen einer komplexen Figur völlig seine Grenzen austesten muß.
Ich gehe also gerne in diese Patientenkontakte. Ich habe einen weißen Kittel an und murmele meinen Namen und "Neuropsychologie", und für die nächsten neunzig Minuten bin ich Halbgöttin. Erwachsene, gestandene Männer sprechen mir Zahlenfolgen nach und hören sich fünfmal die Folge "Trommel, Vorhang, Glocke..." mit einem Ernst an, als sei ich die Hörspielprinzessin. Sie erzählen meist viel, und ich lasse sie auch meist gewähren, weil die Zeit da ist. Es ist auch - entgegen allem, was wir zu recht in Diagnostik lernen - sehr aufschlußreich, was ich mir aus diesen informellen Informationen als klinischen Eindruck zusammenstelle. Nicht aufschlußreicher als die Tests, und ich kann an den Tests immer wieder genau sehen, wo der Patient seine Stärken und Schwächen hat. Aber 80% der Diagnose kann man nach fünf Minuten Gespräch stellen, und 80% dieser Diagnosen sind richtig. Bei den 20%, die einem nach fünf Minuten nicht klar sind, weiß man es nach der Untersuchung immer noch nicht, und 20% der gefühlten, klinischen Diagnostik muß eben nach den Tests korrigiert werden.
Heutzutage gibt es ja immer viele wunderbare Tests auf alles mögliche, und darüber kann man auch jede Menge lernen. Morbus Huntington, manche erinnern sich aus dem Biologieunterricht, den anderen ist der entsprechende Wikipedia-Eintrag verlinkt, ist autosomal dominant vererbt. Somit haben es die eigenen Kinder mit jeweils 50%. Leider wußte man früher erst, wenn der eigene Elternteil betroffen war, daß mans haben könnte, und dann waren die Kinder schon da (early onset vielleicht mit 40, da hatten die eigenen Kinder schon Kinder). Heutzutage kann man eine relativ zuverlässige genetische Untersuchung machen lassen, und ich hatte jetzt schon einen selber und von zwei weiteren gehört, die ebendiese Untersuchung (bei positiver Familienanamnese!) verweigert haben. Ein schönes Beispiel dafür, daß die Verfügbarkeit von Antworten nicht immer bedeutet, daß die Menschen die Frage auch stellen wollen. Denn was würde der Patient, den ich neulich untersucht habe, mit der Antwort machen? Eigentlich auch nichts anderes, als er ohne Genetik auch tun müßte (aber nicht macht). Er müßte seine halb erwachsenen Kinder aufklären, bevor diese blauäugig wiederum Kinder bekommen. Er müßte sich selber mit der Erkrankung, die er wahrscheinlich in einer milderen und hoffnungsvollen Ausprägung hat, auseinandersetzen. Immerhin ist es in Deutschland so, daß dieser genetische Test zwingend an eine psychotherapeutische Begleitung gekoppelt ist. Denn was ist das Ergebnis weniger als ein deutliches, qualvolles Todesurteil?!
Also: entzündet euch nicht nur nicht euer Kleinhirn, sondern möglichst auch nicht eure NMDA-Rezeptoren. Schlaganfall ist ebenfalls schlecht. Und nehmt euch ernst - neulich hatte ich einen Patienten, der offenbar vor langer Zeit mal einen Schlaganfall hatte, infolgedessen er zunächst gelähmt war. Was macht er? Liegt zwei Tage im Bett, weil er gelähmt ist. Als er wieder bißchen laufen kann, geht er zum Arzt, der ihn natürlich ins Krankenhaus schickt, und zwar samt Reha für ein Vierteljahr. Das war einfach nur suboptimal, und heute weiß man nicht mehr, obs daran oder an seiner Herz-OP oder sonstwas gelegen hat, daß er sich heute keine drei Wörter mehr merken kann.
Berlin ist gerade die größe anzunehmende Herausforderung für die Körperselbstwahrnehmung, das Gleichgewichtssystem und das Kleinhirn als Instanz für Korrekturen aller Art. Es besteht der gesamt Untergrund nicht aus den gewohnten Granitsteinen, sondern nahezu ausschließlich aus mehreren Lagen Schnee, die in unterschiedlichen Stadien von auftauen und wieder frieren befindlich schlußendlich zusammengefroren sind und nun einen uneinheitlich-buckeligen, glatten und kreuzgefährlichen Überzug bilden, der einen 5-10 Zentimeter höher als gewohnt durch die Stadt trägt. Oder besser schlittert.
Dienstag, 19. Januar 2010
Das Kleinhirn, dein Freund und Helfer
Schon nach zwei Wochen hat man das Gefühl, man möchte auf keinen Fall auf irgendeinen Gehirnteil verzichten, wenn es sich irgendwie vermeiden ließe. Aber heute hatte ich einen Patienten, der im letzten Frühjahr eine Cerebellitis (Kleinhirnentzündung) hatte, und ich sage euch, Freunde, entzündet euch niemals euer Kleinhirn! Egal wie es bettelt und fleht!
Das Kleinhirn, auf den ersten Blick vielleicht unspektakulär, hat bei so vielen Prozessen im Gehirn seine Finger im Spiel, daß es bei Forschungsarbeiten mit funktioneller Bildgebung, bei der also das Gehirn in action beobachtet wird, eigentlich immer als aktiv angezeigt wird. Die gesamte unbewußte Motorik zum Beispiel wird durch einen kontinuierlichen Abgleich zwischen Körperselbstwahrnehmung, Gleichgewichtssinn und aktuell laufenden Bewegungen gewährleistet - eigentlich weiß niemand genau, wie es funktioniert, aber die entscheidende Schaltstelle dabei ist das Kleinhirn. Jeder von euch ist schonmal BEINAHE hingefallen, auf einer Treppe gestolpert oder auf einer Kante umgeknickt. Und daß es beim BEINAHE bleibt, das macht dasKleinhirn. Der motorische Cortex in unserem eigentlich fortgeschrittenen Großhirn ist dafür viel zu langsam. D.h. das Kleinhirn denkt nicht nach, und deshalb ist es sehr schnell trotz sehr vieler Informationen.
Wenn man sich das Kleinhirn entzündet, dann hat man echt die Karte Nr. 8 gezogen. Ich konnte den Patienten heute nicht mal richtig untersuchen, weil er praktisch nicht sitzen konnte, von Zeichnen oder ankreuzen ganz zu schweigen. Die Wortlisten zu lernen fand er uninteressant, was ich eigentlich auch ganz gut verstehen konnte. Er hatte große Schwierigkeiten mit dem Sprechen - motorisch, nicht inhaltlich. Er litt. Er war vor allem voll da - gefangen in einem Körper, der seinen eigenen, unberechenbaren und unbeherrschbaren Weg ging.
Hauptsache gesund bekommt hier eine ganz andere, ernstgemeinte Konnotation. Gesund bedeutet nämlich mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Gesund heißt Vertrauen in die eigene Unverletzlichkeit und nicht den Unwägbarkeiten statistischer Risiken ausgesetzt zu sein, und somit kann keiner von uns gesund sein.
Das Bettenhochhaus der Charité hat 21 Stockwerke, und auf den allermeisten befinden sich Stationen, das heißt Betten, das heißt, Patienten. Also Menschen, die so krank sind, daß man sie nicht zuhause behandeln kann. Es ist ein imposantes (wenn auch häßliches) Gebäude, und man darf davon ausgehen, daß ausnahmslos jeder der darin liegenden Patienten sich sein Leiden nicht ausgesucht, daß er sich nicht dafür entschieden hat, dort zu liegen. Niemand will mit 30 einen Schlaganfall, mit 40 eine Cerebellitis, mit 50 ein Parkinson-Syndrom und mit 60 eine Alzheimer-Demenz. Niemand will mit einer infantilen Zerebralparese (der frühere landläufige "Spastiker") auf die Welt kommen oder mit Verdacht auf juvenile ALS (das ist das, was Stephen Hawkings hat) im Virchow-Klinikum einer unbedarften Praktikantin gegenüber sitzen. Absolut niemand möchte, egal wie alt man geworden ist, am Ende nicht mal mehr wissen, was man für einen Beruf erlernt hat.
Im Falle der Cerebellitis hätte ich mir gewünscht, der Patient würde mehr als ganzheitliches Menschenwesen und weniger als neurologischer Fall behandelt werden, auch wenn die Behandlung hier in der Charité wahrscheinlich auf allen Ebenen erheblich besser ist als im Kreiskrankenhaus Hobbelow. Wie man das genau umsetzen müßte, weiß ich natürlich auch nicht. Aber eine neuropsychologische Diagnostik (vom Arzt angefordert) ist sicherlich die vorletzte Information, die man über diesen Patienten benötigt (jedenfalls für Psychologen).
Eine gute Nachricht: es gibt hier auch ein sozialpädiatrisches Zentrum, in welchem aufgrund der ebenfalls im Virchow vorhandenen Kinder-Neurochirurgie eine Neuropsychologin zugange ist, die ich neulich per fernschriftlichem Kontakt um einen Gesprächstermin anbettelte, und sie hat sich in einer sehr positiven Weise heute gemeldet. Ich werde also demnächst mit der Dame (übrigens eine Neuropsychologin mit BIELEFELDER Ausbildung!) mittagessen und eventuell sogar einer kindlichen Diagnostik beiwohnen können. Zeit habe ich ja meist genug, wie cool!
Das Kleinhirn, auf den ersten Blick vielleicht unspektakulär, hat bei so vielen Prozessen im Gehirn seine Finger im Spiel, daß es bei Forschungsarbeiten mit funktioneller Bildgebung, bei der also das Gehirn in action beobachtet wird, eigentlich immer als aktiv angezeigt wird. Die gesamte unbewußte Motorik zum Beispiel wird durch einen kontinuierlichen Abgleich zwischen Körperselbstwahrnehmung, Gleichgewichtssinn und aktuell laufenden Bewegungen gewährleistet - eigentlich weiß niemand genau, wie es funktioniert, aber die entscheidende Schaltstelle dabei ist das Kleinhirn. Jeder von euch ist schonmal BEINAHE hingefallen, auf einer Treppe gestolpert oder auf einer Kante umgeknickt. Und daß es beim BEINAHE bleibt, das macht dasKleinhirn. Der motorische Cortex in unserem eigentlich fortgeschrittenen Großhirn ist dafür viel zu langsam. D.h. das Kleinhirn denkt nicht nach, und deshalb ist es sehr schnell trotz sehr vieler Informationen.
Wenn man sich das Kleinhirn entzündet, dann hat man echt die Karte Nr. 8 gezogen. Ich konnte den Patienten heute nicht mal richtig untersuchen, weil er praktisch nicht sitzen konnte, von Zeichnen oder ankreuzen ganz zu schweigen. Die Wortlisten zu lernen fand er uninteressant, was ich eigentlich auch ganz gut verstehen konnte. Er hatte große Schwierigkeiten mit dem Sprechen - motorisch, nicht inhaltlich. Er litt. Er war vor allem voll da - gefangen in einem Körper, der seinen eigenen, unberechenbaren und unbeherrschbaren Weg ging.
Hauptsache gesund bekommt hier eine ganz andere, ernstgemeinte Konnotation. Gesund bedeutet nämlich mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Gesund heißt Vertrauen in die eigene Unverletzlichkeit und nicht den Unwägbarkeiten statistischer Risiken ausgesetzt zu sein, und somit kann keiner von uns gesund sein.
Das Bettenhochhaus der Charité hat 21 Stockwerke, und auf den allermeisten befinden sich Stationen, das heißt Betten, das heißt, Patienten. Also Menschen, die so krank sind, daß man sie nicht zuhause behandeln kann. Es ist ein imposantes (wenn auch häßliches) Gebäude, und man darf davon ausgehen, daß ausnahmslos jeder der darin liegenden Patienten sich sein Leiden nicht ausgesucht, daß er sich nicht dafür entschieden hat, dort zu liegen. Niemand will mit 30 einen Schlaganfall, mit 40 eine Cerebellitis, mit 50 ein Parkinson-Syndrom und mit 60 eine Alzheimer-Demenz. Niemand will mit einer infantilen Zerebralparese (der frühere landläufige "Spastiker") auf die Welt kommen oder mit Verdacht auf juvenile ALS (das ist das, was Stephen Hawkings hat) im Virchow-Klinikum einer unbedarften Praktikantin gegenüber sitzen. Absolut niemand möchte, egal wie alt man geworden ist, am Ende nicht mal mehr wissen, was man für einen Beruf erlernt hat.
Im Falle der Cerebellitis hätte ich mir gewünscht, der Patient würde mehr als ganzheitliches Menschenwesen und weniger als neurologischer Fall behandelt werden, auch wenn die Behandlung hier in der Charité wahrscheinlich auf allen Ebenen erheblich besser ist als im Kreiskrankenhaus Hobbelow. Wie man das genau umsetzen müßte, weiß ich natürlich auch nicht. Aber eine neuropsychologische Diagnostik (vom Arzt angefordert) ist sicherlich die vorletzte Information, die man über diesen Patienten benötigt (jedenfalls für Psychologen).
Eine gute Nachricht: es gibt hier auch ein sozialpädiatrisches Zentrum, in welchem aufgrund der ebenfalls im Virchow vorhandenen Kinder-Neurochirurgie eine Neuropsychologin zugange ist, die ich neulich per fernschriftlichem Kontakt um einen Gesprächstermin anbettelte, und sie hat sich in einer sehr positiven Weise heute gemeldet. Ich werde also demnächst mit der Dame (übrigens eine Neuropsychologin mit BIELEFELDER Ausbildung!) mittagessen und eventuell sogar einer kindlichen Diagnostik beiwohnen können. Zeit habe ich ja meist genug, wie cool!
Montag, 18. Januar 2010
Liebe Bahn!
Früher, als ich noch klein war, fuhr man mit der Eisenbahn an die Ostsee. Es dauerte sechs Stunden, und die Züge waren nicht besonders sauber. Auf den Toiletten roch es schlecht, und beim "Spülen" konnte man die Schwellen von den Schienen gut erkennen, weil in der Kloschüssel ein Loch und der Zug so langsam war. Das dominierende Geräusch während der Fahrt war da-dam da- dam sowie das Klatschen der Skatspieler im nächsten Abteil.
Später war ich schon groß, hatte aber nix gelernt und deshalb für gewöhnlich Ebbe im Portemonnaie. Zudem war zwischenzeitlich die lang ersehnte Wiedervereinigung des Vaterlandes erfolgt, und mithin betrug die größte Ausdehnung nicht mehr 500, sondern mehr als tausend Kilometer. Da der Westen den Kalten Krieg gewonnen hatte, erfolgte die Berechnung der Mehrkilometer in Westmark undFriedensWestpreisen; weil man den Osten aber nicht unter den Tisch fallen lassen konnte, integrierte man Freundlich- und Pünktlichkeit der Reichsbahn in das nur kurze Zeit Deutsche BahnEN genannte Gesamtkonzept.
Vor einiger Zeit war es ungeheuer modern, alles, was in jahrelangen Steuergelderinvestitionen vom Staat aufgebaut wurde, in handstreichartigen Privatisierungsorgien den internationalen Finanzmiezekatzen zum Fraß vorzuwerfen. (Post und Telekommunikation können hier nicht erschöpfend behandelt werden, aber Ähnlichkeiten sind nicht nur zufällig.) Das Schienennetz, die Züge, die beliebten Mitarbeiter - all das war Bestandteil eines öffentlichen Unternehmens, das öffentlich agierte und öffentlich finanziert wurde. Es hatte vor allem einen öffentlichen Auftrag, der zu erbringen war, ganz ohne neumodischen Kram wie Ausschreibung und Beförderungsvertrag. Es mußte nicht mal Geld verdienen. Es mußte einfach nur dasein und einigermaßen funktionieren.
Sicherlich, auch früher gab es Witze über die Bahn. Was sind die 4 Feinde der deutschen Reichsbahn? Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Mit Recht. Ich verweise auf die Kurzgeschichte Wintergeschichte 2 von Lothar Kusche (vielleicht ist es auch Wintergeschichte 1, aber die andere ist auch lustig, nur mehr nahverkehrsbezogen). Insbesondere die Floskel Wegen des im Winter völlig unerwarteten Schneefalls ist mir bis heute ein beliebter Kalauer geblieben, und zwar mit Recht.
Und damit sind wir beim Heute.
Etwas witterungsbedingte Störungen zu nennen, das mit Schneefall und Temperaturen bis -10° einhergeht, zeigt ganz deutlich, was da für Jungspunde in den Kommunikationszentralen sitzen. Ich bin wirklich nicht sehr alt und kann mich sehr deutlich an mehrere aufeinanderfolgende Winter erinnern, in welchen es wochenlange Perioden mit nächtlichen Temperaturen um -25° gegeben hat, vom Schneefall wollen wir gar nicht erst anfangen. Ich bin in Polen mit einer Eisenbahn von Kraków nach Zakopane gefahren, die man vor lauter Eis- und Schneezapfen quasi nicht mehr erkennen konnte und an der auch an jeder Station Männer mit Äxten die gröbsten Klumpen entfernten, und trotzdem trafen wir einigermaßen pünktlich am Zielort ein, womit wir überhaupt nicht gerechnet hatten (ein Zug der deutschen Bahn hätte für die gleiche Strecke sicherlich das Doppelte gebraucht, bloß da die Reise ins Gebirge ging, wäre er vermutlich gleich ganz ausgefallen). Das aber nur als Einschub.
Kurz vor Weihnachten strich die Bahn JEDEN ZWEITEN ICE zwischen München und Hamburg (Berliner Strecke). Begründung waren das Wetter sowie die uneinhaltbaren, vom innovationsfeindlichen Bundeseisenbahnamt auferlegten Wartungsintervalle für die neigetechnikgestraften ICE-T. Inzwischen fährt seit ungefähr einem Monat jeder ICE zwischen Berlin und Köln nur einteilig, d.h. es gibt keine aneinandergekoppelten Halbzüge mehr, sondern nur einen. Begründung sind das Wetter sowie die verlängerten Aufenthaltszeiten während der innovationsfeindlich angeordneten zusätzlichen Wartungen, weil es zu lange dauere, die Züge zu enteisen. Häufig kommt es zu Verspätungen bereits an Abfahrtsbahnhöfen, weil Züge nicht rechtzeitig bereitgestellt werden, d.h. es gibt keinen Ersatzzug mehr, der vom Betriebsbahnhof losfahren könnte, wenn der eigentliche Zug warum-auch-immer erheblich zu spät kommt, und selbst wenn es ihn gäbe, fehlte es am entsprechenden Ersatzpersonal. Eine momentan beliebte Begründung für Zugverspätungen ist die dichte Zugfolge und die hohe Fahrgastdichte, wobei letztere teilweise damit gut zu erklären ist, daß es viermal solange dauert, bis alle Fahrgäste eingestiegen sind, wenn der Zug, der schon im Normalzustand sehr voll ist, nur aus der Hälfte der Waggons besteht. So wird der Schwarze Peter einmal mehr den Fahrgästen selber zurückgespielt, so wie bei der Einführung des neuen Preissystems schon einmal. Bereits damals wurden die Fahrgäste dafür bestraft, daß sie die Bahn dann nutzen, wenn sie sie brauchen, und nicht dann, wenn die Züge leer sind. Heute bekommt man per Durchsage mitgeteilt, daß der Zug bereits in Spandau zehn Minuten Verspätung hat, weil es in Hauptbahnhof so lange gedauert hat, bis sich die Fahrgäste von quasi zwei Zügen in einen gequetscht haben. Selber schuld!
Wenn das Wetter wirklich schlecht ist, und ehe Züge fahren, die von Rechts wegen in die Werkstatt gehören, hat wahrscheinlich jeder Fahrgast Verständnis für Einschränkungen, wenn er wenigstens trotzdem eine Chance bekommt, quer durch die Republik zu kommen. Aber derzeit findet etwas ganz anderes statt. Neuerdings zahlt der Fahrgast ICE-Tarif und hat nicht nur keine Chance auf einen Sitzplatz, sondern hört plötzlich Durchsagen, in denen er aufgefordert wird, den Zug zu verlassen, insofern er keine Platzkarte besitze - in Zeiten, in welchen die Bahn 4,50 für eine Reservierung kassiert. Glücklicherweise sind diese Aussagen auch mehr Ausdruck der Hilflosigkeit der Zugbegleiter angesichts der Massen in den verkürzten Zügen, als daß ein Rechtsanspruch der Bahn dahinterstünde, nur Personen mit Platzkarten befördern zu müssen - dann würde sie mit einer generellen Reservierungspflicht, wie sie in vielen Schnellzügen Europas gängig ist, besser fahren.
Was bleibt eigentlich an Gefühl nach all den Jahren Privatisierung nach dem Motto Gut gemeint ist nicht immer gut genug? Ich möchte mit der Bahn ein deutschlandweites Verkehrsmittel haben, das jeweils an definierten Punkten zugänglich ist (= Bahnhof) und in fest definierten Zeitfenstern die Republik durchschreitet (= Fahrplan). Die Fahrpreise sollen so gestaffelt sein, daß es auch bei der längsten anzunehmenden Strecke durch die Republik (= Flensburg-Regensburg) kein Monatsgehalt kostet, mit der Bahn zu fahren. Eine preiswerte Bahncard (schweizerisch: Halbtax) würde der Bahn kalkulierbare Aboeinnahmen einbringen. Eine am Bedarf orientierte Fahrplan- und Zugpolitik würde das Interesse an der Bahn erhöhen und mehr Zufriedenheit garantieren. Ein ICE sollte nur dann ICE-Preise kosten, wenn er ICE-Leistung erbringt, nämlich Sitzplatz plus Schnelligkeit plus Pünktlichkeit plus Freiheit vor Unruhebolden, die sich in einem öffentlich Fernverkehrsmittel nicht adäquat benehmen können. Wenn ich im Gang sitze und meine Arbeit nicht erledigen kann, die in den zwei Stunden Fahrt eingeplant war, dann soll ich auch bloß Regionalexpreß bezahlen müssen, im Ernst.
Im Moment erscheint mir die Bahn als immer-noch-Monopolist, der nicht mehr den Katzbuckel vor dem Steuerzahler machen muß, weil ja alles privatisiert ist. Also auch sehr arrogant, und eigentlich, seit sie ihre Fahrpreiserhöhungen nicht mehr mit dem zuständigen Minister diskutieren müssen, schlimmer als je zuvor.
Liebe Bahn! Bitte werde wieder cool. Ich will mit dir überallhin fahren. Aber es geht einfach nicht, daß es schon nach Kopenhagen 500 Öre zu zweit kostet, und dann will man ja noch weiter nach Stockholm. Für das gleiche Geld kann man wochenlang sonstwohin fliegen, oder man läßt es ganz bleiben und macht sich einen netten Sommer in Bielefeld. Es kann nicht sein, daß Temperaturen mit nächtlichen -10° als sibirisch eingestuft werden und Züge systematisch ausfallen, während der Rest auch viel zu viel verspätet ist. Es geht nicht, daß lange Enteisungszeiten als Begründung für dann fahren wir gar nicht erst herhalten müssen. Und wie kann ein Zug wegen dichter Zugfolge eine halbe Stunde verspätet sein, wenn die Hälfte der Züge auf der Strecke gar nicht fährt? Das kommt mir ein bißchen vor, als möchtest du mich für dumm verkaufen!
Später war ich schon groß, hatte aber nix gelernt und deshalb für gewöhnlich Ebbe im Portemonnaie. Zudem war zwischenzeitlich die lang ersehnte Wiedervereinigung des Vaterlandes erfolgt, und mithin betrug die größte Ausdehnung nicht mehr 500, sondern mehr als tausend Kilometer. Da der Westen den Kalten Krieg gewonnen hatte, erfolgte die Berechnung der Mehrkilometer in Westmark und
Vor einiger Zeit war es ungeheuer modern, alles, was in jahrelangen Steuergelderinvestitionen vom Staat aufgebaut wurde, in handstreichartigen Privatisierungsorgien den internationalen Finanzmiezekatzen zum Fraß vorzuwerfen. (Post und Telekommunikation können hier nicht erschöpfend behandelt werden, aber Ähnlichkeiten sind nicht nur zufällig.) Das Schienennetz, die Züge, die beliebten Mitarbeiter - all das war Bestandteil eines öffentlichen Unternehmens, das öffentlich agierte und öffentlich finanziert wurde. Es hatte vor allem einen öffentlichen Auftrag, der zu erbringen war, ganz ohne neumodischen Kram wie Ausschreibung und Beförderungsvertrag. Es mußte nicht mal Geld verdienen. Es mußte einfach nur dasein und einigermaßen funktionieren.
Sicherlich, auch früher gab es Witze über die Bahn. Was sind die 4 Feinde der deutschen Reichsbahn? Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Mit Recht. Ich verweise auf die Kurzgeschichte Wintergeschichte 2 von Lothar Kusche (vielleicht ist es auch Wintergeschichte 1, aber die andere ist auch lustig, nur mehr nahverkehrsbezogen). Insbesondere die Floskel Wegen des im Winter völlig unerwarteten Schneefalls ist mir bis heute ein beliebter Kalauer geblieben, und zwar mit Recht.
Und damit sind wir beim Heute.
Etwas witterungsbedingte Störungen zu nennen, das mit Schneefall und Temperaturen bis -10° einhergeht, zeigt ganz deutlich, was da für Jungspunde in den Kommunikationszentralen sitzen. Ich bin wirklich nicht sehr alt und kann mich sehr deutlich an mehrere aufeinanderfolgende Winter erinnern, in welchen es wochenlange Perioden mit nächtlichen Temperaturen um -25° gegeben hat, vom Schneefall wollen wir gar nicht erst anfangen. Ich bin in Polen mit einer Eisenbahn von Kraków nach Zakopane gefahren, die man vor lauter Eis- und Schneezapfen quasi nicht mehr erkennen konnte und an der auch an jeder Station Männer mit Äxten die gröbsten Klumpen entfernten, und trotzdem trafen wir einigermaßen pünktlich am Zielort ein, womit wir überhaupt nicht gerechnet hatten (ein Zug der deutschen Bahn hätte für die gleiche Strecke sicherlich das Doppelte gebraucht, bloß da die Reise ins Gebirge ging, wäre er vermutlich gleich ganz ausgefallen). Das aber nur als Einschub.
Kurz vor Weihnachten strich die Bahn JEDEN ZWEITEN ICE zwischen München und Hamburg (Berliner Strecke). Begründung waren das Wetter sowie die uneinhaltbaren, vom innovationsfeindlichen Bundeseisenbahnamt auferlegten Wartungsintervalle für die neigetechnikgestraften ICE-T. Inzwischen fährt seit ungefähr einem Monat jeder ICE zwischen Berlin und Köln nur einteilig, d.h. es gibt keine aneinandergekoppelten Halbzüge mehr, sondern nur einen. Begründung sind das Wetter sowie die verlängerten Aufenthaltszeiten während der innovationsfeindlich angeordneten zusätzlichen Wartungen, weil es zu lange dauere, die Züge zu enteisen. Häufig kommt es zu Verspätungen bereits an Abfahrtsbahnhöfen, weil Züge nicht rechtzeitig bereitgestellt werden, d.h. es gibt keinen Ersatzzug mehr, der vom Betriebsbahnhof losfahren könnte, wenn der eigentliche Zug warum-auch-immer erheblich zu spät kommt, und selbst wenn es ihn gäbe, fehlte es am entsprechenden Ersatzpersonal. Eine momentan beliebte Begründung für Zugverspätungen ist die dichte Zugfolge und die hohe Fahrgastdichte, wobei letztere teilweise damit gut zu erklären ist, daß es viermal solange dauert, bis alle Fahrgäste eingestiegen sind, wenn der Zug, der schon im Normalzustand sehr voll ist, nur aus der Hälfte der Waggons besteht. So wird der Schwarze Peter einmal mehr den Fahrgästen selber zurückgespielt, so wie bei der Einführung des neuen Preissystems schon einmal. Bereits damals wurden die Fahrgäste dafür bestraft, daß sie die Bahn dann nutzen, wenn sie sie brauchen, und nicht dann, wenn die Züge leer sind. Heute bekommt man per Durchsage mitgeteilt, daß der Zug bereits in Spandau zehn Minuten Verspätung hat, weil es in Hauptbahnhof so lange gedauert hat, bis sich die Fahrgäste von quasi zwei Zügen in einen gequetscht haben. Selber schuld!
Wenn das Wetter wirklich schlecht ist, und ehe Züge fahren, die von Rechts wegen in die Werkstatt gehören, hat wahrscheinlich jeder Fahrgast Verständnis für Einschränkungen, wenn er wenigstens trotzdem eine Chance bekommt, quer durch die Republik zu kommen. Aber derzeit findet etwas ganz anderes statt. Neuerdings zahlt der Fahrgast ICE-Tarif und hat nicht nur keine Chance auf einen Sitzplatz, sondern hört plötzlich Durchsagen, in denen er aufgefordert wird, den Zug zu verlassen, insofern er keine Platzkarte besitze - in Zeiten, in welchen die Bahn 4,50 für eine Reservierung kassiert. Glücklicherweise sind diese Aussagen auch mehr Ausdruck der Hilflosigkeit der Zugbegleiter angesichts der Massen in den verkürzten Zügen, als daß ein Rechtsanspruch der Bahn dahinterstünde, nur Personen mit Platzkarten befördern zu müssen - dann würde sie mit einer generellen Reservierungspflicht, wie sie in vielen Schnellzügen Europas gängig ist, besser fahren.
Was bleibt eigentlich an Gefühl nach all den Jahren Privatisierung nach dem Motto Gut gemeint ist nicht immer gut genug? Ich möchte mit der Bahn ein deutschlandweites Verkehrsmittel haben, das jeweils an definierten Punkten zugänglich ist (= Bahnhof) und in fest definierten Zeitfenstern die Republik durchschreitet (= Fahrplan). Die Fahrpreise sollen so gestaffelt sein, daß es auch bei der längsten anzunehmenden Strecke durch die Republik (= Flensburg-Regensburg) kein Monatsgehalt kostet, mit der Bahn zu fahren. Eine preiswerte Bahncard (schweizerisch: Halbtax) würde der Bahn kalkulierbare Aboeinnahmen einbringen. Eine am Bedarf orientierte Fahrplan- und Zugpolitik würde das Interesse an der Bahn erhöhen und mehr Zufriedenheit garantieren. Ein ICE sollte nur dann ICE-Preise kosten, wenn er ICE-Leistung erbringt, nämlich Sitzplatz plus Schnelligkeit plus Pünktlichkeit plus Freiheit vor Unruhebolden, die sich in einem öffentlich Fernverkehrsmittel nicht adäquat benehmen können. Wenn ich im Gang sitze und meine Arbeit nicht erledigen kann, die in den zwei Stunden Fahrt eingeplant war, dann soll ich auch bloß Regionalexpreß bezahlen müssen, im Ernst.
Im Moment erscheint mir die Bahn als immer-noch-Monopolist, der nicht mehr den Katzbuckel vor dem Steuerzahler machen muß, weil ja alles privatisiert ist. Also auch sehr arrogant, und eigentlich, seit sie ihre Fahrpreiserhöhungen nicht mehr mit dem zuständigen Minister diskutieren müssen, schlimmer als je zuvor.
Liebe Bahn! Bitte werde wieder cool. Ich will mit dir überallhin fahren. Aber es geht einfach nicht, daß es schon nach Kopenhagen 500 Öre zu zweit kostet, und dann will man ja noch weiter nach Stockholm. Für das gleiche Geld kann man wochenlang sonstwohin fliegen, oder man läßt es ganz bleiben und macht sich einen netten Sommer in Bielefeld. Es kann nicht sein, daß Temperaturen mit nächtlichen -10° als sibirisch eingestuft werden und Züge systematisch ausfallen, während der Rest auch viel zu viel verspätet ist. Es geht nicht, daß lange Enteisungszeiten als Begründung für dann fahren wir gar nicht erst herhalten müssen. Und wie kann ein Zug wegen dichter Zugfolge eine halbe Stunde verspätet sein, wenn die Hälfte der Züge auf der Strecke gar nicht fährt? Das kommt mir ein bißchen vor, als möchtest du mich für dumm verkaufen!
Dienstag, 12. Januar 2010
Go neuro
Heute war Frühbesprechung.
Das ist so eine Art Teamtreffen, einmal in der Woche, wo der Chef und seine Grandenzum Rapport bitten vortanzen lassen, und alle haben was davon.
Heute gab es eine Fallkonferenz, d.h. der Doktor mit der unleserlichen Handschrift (wir üben uns regelmäßig in graphologischen Gutachten) stellte eine Patientin vor, die ein seltenes Syndrom mit dem schönen Namen Bálint-Syndrom zu haben scheint, vielleicht ist es aber auch was ganz anderes, höchstwahrscheinlich aber immerhin keine Alzheimer-Demenz.
Prinzipiell war die Veranstaltung offensichtlich dafür gedacht, mir den Sex-Appeal von Neurologen vorzuführen. Im Ernst: Der Chef und seine beiden Helferlein sitzen da durchaus wie die beiden alten Herren in der Muppetshow (bloß daß sie nicht alt sind). Und aber, neue Generationen eroberten Chefarztsessel, die Gesprächsführung ist kooperativ und konstruktiv, von Alphatiergehabe ist nichts zu spüren. Witzigerweise wird eine kleinere Runde im Benjamin-Franklin-Krankenhaus Steglitz, das der Charité angegliedert wurde, per Skype zugeschaltet. "Hallo, Steglitz, könnt ihr uns hören?", brachte heute ein paar Lacher (trotz der frühen Stunde).
Dann hatte ich meinen zweiten Patienten. Meine erste Patientin gestern litt vor allem unter Logorrhoe, d.h. mehr leidet ja in der Regel die Umwelt, in diesem Falle also ich. Diese Logorrhoe war auch auf dem Anmeldungszettelchen von Dr. Herbst, dem Mann, dem Graphologinnen nicht vertrauen, hübsch unter Besonderheiten vermerkt. Lesbar. Der heutige Patient war insofern nett, als daß er trotz seines erheblich fortgeschrittenen Alters nicht nur nicht dement, sondern überhaupt erfrischend aktiv und lebendig war. Fragen nach dem Datum und dem Stadtbezirk konnte er besser beantworten als so mancher Sechzigjähriger in den letzten Tagen, und bei der Frage nach der Bundeskanzlerin fragte er vor der korrekten Antwort schmunzelnd, ob er das wirklich wissen müsse. Ach, der war schon sehr fit! Morgens im Bett mache er immer seine Gymnastik, "allein, nicht was Sie vielleicht denken", was auch immer ich mir unter morgendlich allein im Bett durchgeführter Gymnastik vorstellen mochte. Er nahm ASS und Gingko-Präparate ein. Wahrscheinlich braucht man ein überdurchschnittliches Ausgangsniveau, ein paar Pseudo-Gedächtnispillen und regelmäßige Gymnastik, und dann wird man nicht dement und bleibt sogar nett, insofern man jeden Morgen für sich und die Frau das Frühstück bereitet. Letzte Woche hingegen war einer im ähnlichen Alter da, den hatte es schon schwer erwischt. Jetzt habe ich mal den Unterschied gesehen - in der Jugend kannst du die Leute nach Jahrgängen klassifizieren. Im Alter ist die Leistungsfähigkeit viel variabler, und das, obwohl ja einige auch schon gestorben sind!
Morgen bin ich wieder im Virchow. Also, man muß mir immer eine Woche mit möglichst wenig Anforderungen geben, und dann wird schnell alles gut. Aber zwei Tage lang zweifle ich selber daran, ob es so eine gute Idee war, mich als Praktikantin zu nehmen ;-).
Schneller noch als in die Praktikantinnenrolle zu schlüpfen habe ich mich an Berlin gewöhnt und daran, hier unterwegs zu sein. Und das trotz der Schneeberge! Keine Passanten kommen mir ins Gehege. Ich achte grad extra drauf, aber niente. Man kann intuitiv besser überholen, selbst bei den eingeschränkten Verhältnissen auf den teilgeräumten, eher festgetrampelten Bürgersteigen. Und überhaupt wächst meine Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit rapide. Überallher kommen Informationen, und sie werden knackig verarbeitet und integriert. Eine Fähigkeit, die in Bielefeld offensichtlich verkümmert und hier nun wieder zu neuem Leben erwacht.
Das ist so eine Art Teamtreffen, einmal in der Woche, wo der Chef und seine Granden
Heute gab es eine Fallkonferenz, d.h. der Doktor mit der unleserlichen Handschrift (wir üben uns regelmäßig in graphologischen Gutachten) stellte eine Patientin vor, die ein seltenes Syndrom mit dem schönen Namen Bálint-Syndrom zu haben scheint, vielleicht ist es aber auch was ganz anderes, höchstwahrscheinlich aber immerhin keine Alzheimer-Demenz.
Prinzipiell war die Veranstaltung offensichtlich dafür gedacht, mir den Sex-Appeal von Neurologen vorzuführen. Im Ernst: Der Chef und seine beiden Helferlein sitzen da durchaus wie die beiden alten Herren in der Muppetshow (bloß daß sie nicht alt sind). Und aber, neue Generationen eroberten Chefarztsessel, die Gesprächsführung ist kooperativ und konstruktiv, von Alphatiergehabe ist nichts zu spüren. Witzigerweise wird eine kleinere Runde im Benjamin-Franklin-Krankenhaus Steglitz, das der Charité angegliedert wurde, per Skype zugeschaltet. "Hallo, Steglitz, könnt ihr uns hören?", brachte heute ein paar Lacher (trotz der frühen Stunde).
Dann hatte ich meinen zweiten Patienten. Meine erste Patientin gestern litt vor allem unter Logorrhoe, d.h. mehr leidet ja in der Regel die Umwelt, in diesem Falle also ich. Diese Logorrhoe war auch auf dem Anmeldungszettelchen von Dr. Herbst, dem Mann, dem Graphologinnen nicht vertrauen, hübsch unter Besonderheiten vermerkt. Lesbar. Der heutige Patient war insofern nett, als daß er trotz seines erheblich fortgeschrittenen Alters nicht nur nicht dement, sondern überhaupt erfrischend aktiv und lebendig war. Fragen nach dem Datum und dem Stadtbezirk konnte er besser beantworten als so mancher Sechzigjähriger in den letzten Tagen, und bei der Frage nach der Bundeskanzlerin fragte er vor der korrekten Antwort schmunzelnd, ob er das wirklich wissen müsse. Ach, der war schon sehr fit! Morgens im Bett mache er immer seine Gymnastik, "allein, nicht was Sie vielleicht denken", was auch immer ich mir unter morgendlich allein im Bett durchgeführter Gymnastik vorstellen mochte. Er nahm ASS und Gingko-Präparate ein. Wahrscheinlich braucht man ein überdurchschnittliches Ausgangsniveau, ein paar Pseudo-Gedächtnispillen und regelmäßige Gymnastik, und dann wird man nicht dement und bleibt sogar nett, insofern man jeden Morgen für sich und die Frau das Frühstück bereitet. Letzte Woche hingegen war einer im ähnlichen Alter da, den hatte es schon schwer erwischt. Jetzt habe ich mal den Unterschied gesehen - in der Jugend kannst du die Leute nach Jahrgängen klassifizieren. Im Alter ist die Leistungsfähigkeit viel variabler, und das, obwohl ja einige auch schon gestorben sind!
Morgen bin ich wieder im Virchow. Also, man muß mir immer eine Woche mit möglichst wenig Anforderungen geben, und dann wird schnell alles gut. Aber zwei Tage lang zweifle ich selber daran, ob es so eine gute Idee war, mich als Praktikantin zu nehmen ;-).
Schneller noch als in die Praktikantinnenrolle zu schlüpfen habe ich mich an Berlin gewöhnt und daran, hier unterwegs zu sein. Und das trotz der Schneeberge! Keine Passanten kommen mir ins Gehege. Ich achte grad extra drauf, aber niente. Man kann intuitiv besser überholen, selbst bei den eingeschränkten Verhältnissen auf den teilgeräumten, eher festgetrampelten Bürgersteigen. Und überhaupt wächst meine Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit rapide. Überallher kommen Informationen, und sie werden knackig verarbeitet und integriert. Eine Fähigkeit, die in Bielefeld offensichtlich verkümmert und hier nun wieder zu neuem Leben erwacht.
Mittwoch, 6. Januar 2010
Go East
Berlin ist kalt. Überall stapelt sich der Schnee, und niemand macht sich mehr die Mühe, ihn irgendwie wegzuschaffen. Man hat einfach abgewartet, bis er festgetrampelt wurde und in Verbindung mit einigen Splitkörnchen eine einigermaßen zuverlässig begehbare Oberfläche gebildet hat.
Das Bettenhochhaus der Charité in der Luisenstraße ist nicht ganz so alt wie ich, sieht aber von außen wesentlich ramponierter aus, wenn ich das in aller Bescheidenheit so sagen darf. Wenn man drinnen arbeitet, kriegt man vom ramponierten Äußeren aber nichts mit und kann dafür ganz ungeniert einen herrlichen Ausblick auf alles genießen - Hauptbahnhof, Reichstag, Potsdamer Platz, Regierungsviertel und alles, bis zum Turm vom Flughafen Tempelhof. Innen ist auch alles - Patienten, deren Besucher, Studenten, Praktikanten, Ärzte, Pfleger, Assistenten, Putzfrauen (bei den anderen sind auch Frauen dabei); im Fahrstuhl wird gegrüßt; in der Verwaltung herrscht die gefährliche Mischung aus DDR, Preußentum und Berliner Schnauze.
Schon nach drei Tagen und vier Patienten, die ich selber zu Gesicht bekommen habe, spüre ich, wie sehr diese Wende und der nachfolgende Anschluß an die BRD Biographien und Vertrauen zerstört haben. Die wollten mich nich mehr, die wollten uns bloß loswerden, die hatten dann keene Verwendung mehr für uns, die ham mich vorher rausjeschmissen. Diese Menschen sind deswegen nicht depressiv oder verzweifelt; sie beklagen sich nicht - aber eins ist klar: die Fete 1989 war den Kater 1990 ff. nicht wert.
Meine Chefin mag die Berliner nicht, und schon gar nicht die aus dem Osten. Sie sagt, sie hätten Schnauze, aber kein Herz. Ich sehe das naturgemäß anders, und ich entdecke auch immer wieder Beispiele (genauso, wie sie wahrscheinlich auch immer Beispiele, die ihre Hypothese untermauern, findet). Ich bin froh, hier zu sein und ausgerechnet hier erstmals ernsthaften Patientenkontakt zu haben, wo ich dann wenigstens die Hintergründe und Geschichten ohne weiteres nachvollziehen kann. Ich jedenfalls mag die Berliner, die einem wenigstens nicht vor den Füßen rumhampeln, sondern in der Regel wissen, wohin sie wollen, und das auch zügig in die Tat umsetzen. Sie haben praktische, witterungsgemäße Kleidung an, weswegen ihnen häufig mangelndes Modebewußtsein nachgesagt wird. Was für ein lächerlicher Einwand! Als wenn Modebewußtsein irgendein höheres, erstrebenswertes Ziel wäre, im Vergleich zu keine Lungenentzündung. Gut aussehen kann man auch in alten Skijacken, sofern man gut aussieht. Wenn man nicht gut aussieht, machts eine dünne BOSS-Jacke auch nicht wett. Ach, und ich berliner natürlich wie wild. Die Prinzessin wird sich freuen.
Die als inspirierend erwartete WG mit Finnin und Italienerin war bislang zur Hälfte nicht vorhanden (in Form der erst morgen eintreffenden Italienerin) und zum Teil anstrengend, weil die Finnin einen finnischen Freund da hatte, der anstrengend war (und der von ihr auch als anstrengend empfunden wurde), und zudem ebenbesagte Finnin auch an jeder Ecke und zu jeder Uhrzeit mitteilt, wie sie und Erika es mit den Haaren im Duschabfluß halten würden und daß sie nunmehr nicht wüßte, wo sie ihr Handtuch hinhängen sollte. Da mein Englisch noch eingeschränkter ist als auch schon, wenn ich selber angeschlagen bin, habe ich viele ihrer Informationen noch gar nicht richtig verstanden, und das ist wahrscheinlich gut so. Von wegen schweigsame Finnen... puuuuh.
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